Jeff Rosenstock © Christine Mackie

Empowerment im Pop-Punk-Mantel

Jeff Rosenstock liefert (wieder einmal) die Power-Pop-Punk-Platte des Jahres.

Denk dir eine Ska-Band, denk sie wieder weg. Denn Ska ist in etwa die Wahl von Pest und Cholera, wenn man zwischen Pest und Cholera wählen muss. Doch zum Glück hat Jeff Rosenstock die Karriere mit der Band The Arrogant Sons of Bitches letztendlich beendet und seit 2012 fünf Alben unter eigenem Namen veröffentlicht. Sein neuestes heißt »No Dream« und ist womöglich wieder sein bestes. Seltsam. Geht denn das überhaupt? Wieder sein bestes? Nun ja, wenn man so cool ist wie Jeff Rosenstock, dann wohl. Sein unfassbar sexyer Buddy-Charme, sowohl auf den Live-Konzerten als auch gepresst, gepaart mit der schieren Energie eines junggebliebenen Ex-Teenagers, sind Grund für den Hype der Fans um den New Yorker Dude, um den auch reichlich Memes entstehen, ähnlich dem Hype um den inzwischen endgültig zur Kultfigur à la Alfred E. Neumann mutierten Mac DeMarco. Rosenstock spricht mit seiner Persönlichkeit und Musik jedoch eher dasjenige Klientel an, das den Begriff Feminismus schon mal gehört hat. Besonders sympathisch: Auf seinem kolossalen Live-Album von 2019 »Thanks, Sorry!« ist zu hören, wie er das wohl recht junge Publikum, das sich in den wüsten Shows im Pit auch recht nah kommt, auffordert, bei jeglichem uncoolen Verhalten den Mund aufzumachen. Sexismus, Homophobie etc. ist in der Community um Rosenstock ein Tabu, überhaupt geht alles recht lieb zu.

Im Gegensatz dazu verhandeln die Texte Gesellschaftskritik, wie man sie so leicht und treffsicher, mit einer wohldosierten Portion Pathos, sonst nicht findet. So im Titeltrack »No Dream«: The only endgame for capitalism is dystopia / and we know all about it but we just don’t know what to do«. Es gibt nicht wirklich ein Richtiges im Falschen, so scheint es, wenn er in »Nikes (Alt)« verkündet: »Chasing bliss / chasing bliss is only numbing it / looking for a dream that won’t morph to a nightmare / lying to myself about things that I love«. Denk dir Billy Talent, denk sie wieder weg. Wo die Pop-Punk-Attitüde letzterer kitschig, inhaltsleer und kalkuliert daherkommt, spricht sie bei Rosenstock eine ganze Sprache. Rosenstock macht catchy Songs zum Mitsingen, politische Musik, die auch traurige Töne anschlägt. aber empowernd ist, siehe/höre »Scram«: Everything you say is to make me feel stupid / everything you say is to make me feel bad / everything you say is a distraction / well, I’m not listening to you / yeah, I’m not listening to you / yeah, I’m not listening to you«.

Jeff Rosenstock spricht für eine Generation, die keinen Bock mehr hat auf Zynismus. Und den schlägt er mit herzerreißenden Gänsehaut-Lines; jeder Song schlägt ein. Man höre sich nur das glorreiche »f a m e« an: »Line up to watch it crash and burn«. Es sind diese von ihm vorgetragenen Lines, mit einfachen, kurzweiligen Pop-Punk-Riffs, bei denen einem das Herz aufgeht. Songs wie »The Beauty of Breathing«, die ihn von einer besonders verletzlichen, sensiblen Seite zeigen, ohne überkandidelt abzustoßen: »Sometimes I wanna take the car out on the road / flip it into park and smash myself / into a million little pieces / I’m tired of knowing what about myself is wrong / but never mustering up the resolve / to really try to change it«. Es geht hier auf und ab, super dynamisch, zwischen Pop Punk, Power Pop, Hardcore Punk, Indie Rock. Man wird selbst ganz rührselig und superlativ. Deswegen jetzt Schluss, selbst anhören, sich dieser Power-Pop-Punk-Platte des Jahres hingeben. Wer es nicht mag, hat entweder kein Herz oder keinen Verstand.

Jeff Rosenstock: »No Dream« (Really Records)

Link: http://jeffrosenstock.com/