Proberaum am Bollwerk, Bern, 1980; v.l.n.r.: Marco Repetto, GT, Martin Eicher © Peter Wittwer
Proberaum am Bollwerk, Bern, 1980; v.l.n.r.: Marco Repetto, GT, Martin Eicher © Peter Wittwer

Die Geschichte hinter dem Eisbären

Grauzone aus Bern in der Schweiz gehören zu den Pionieren des Minimal Wave im deutschsprachigen Teil Europas. Weltberühmt ist jedoch nur ihr Hit »Eisbär«, obwohl die Band weit mehr Potenzial hatte. 40 Jahre nach Gründung erscheint nun das komplette Oeuvre der Band als limitiertes Aniversary Box Set.

Es gibt viele Gründe, warum Grauzone eine Band war, über die man kaum gesicherte Informationen findet. Zum Beispiel spielten sie ihren größten Hit »Eisbär« kurz nach dem Erscheinen auf dem »Swiss Wave – The Album« LP-Sampler 1980 lediglich zwei oder drei Mal live und auch nur für ein kleines Publikum. So oder so gab die Band in der ganzen Zeit ihres Bestehens nur um die zehn Konzerte und von diesen wenigen Auftritten fanden keine außerhalb der Schweiz statt. Zusätzlich gab es kaum Fotos von ihnen, keinen lebensgroßen »Bravo«-Starschnitt oder sonstige Poster in Musikheften. Auch gab es nur wenige Artikel, die meist auf den spärlichen Informationen des Plattenlabels beruhten und auf dem basierten, was die Band über sich preisgegeben hatte.

Abgesehen von vereinzelten, in Kleinauflagen erschienenen Fanzines gaben sie keinerlei Interviews. Bis hin zu ihrer Auflösung im Frühling 1982 und trotz Einladung traten Grauzone bewusst nie im Fernsehen auf. Eine vollständige Verweigerung etablierter Musikbusinessregeln, die Tonträger, Konzerte, Videos, TV-Auftritte und Merchandise verlangten, inklusive Promotionsterminen mit uninspiriertem Beantworten banaler Fragen. Im Herbst 1981 positionierte sich ihr Song »Eisbär« für zehn Wochen in den hiesigen Charts. Ein Kamerateam des ORF wollte unbedingt einen Bericht über die Band ausstrahlen, doch diese verweigerte jegliche Kommunikation, geschweige denn ein Treffen. In der Not wurden im Tiergarten Schönbrunn Fotos von einem Eisbären für den Beitrag geschossen. Dies führte dazu, dass Grauzone für die meisten Leute ein Phantom blieb, da nur ihre Songs für sie sprechen konnten. Schließlich verstanden sie sich auch als Art-Band mit einer Punk-Attitüde und die ehemaligen Mitglieder wurden durch das Grauzone-»Experiment« bis heute stark geprägt.

Glueams, 1979; v.l.n.r.: Dorotte, GT, Marco Repetto, Pavli, Tinu © unbekannt

Anfang
Im Herbst 1979 zog es Marco »Repi« Repetto, Schlagzeuger der Berner Punk-Band Glueams, wieder mal nach London. Dort sah er Punks, die zu den elektronischen Klängen von Fad Gadget und seinem Song »Back to Nature« tanzten. In der Folge lösten sich Glueams Ende 1979 auf. Repi und Bassist Christian »GT« Trüssel beschlossen, weiterhin Musik zu machen. Sie holten Martin »Tinu« Eicher zurück, der kurze Zeit davor bei Glueams Gitarre gespielt hatte und auch einen starken Eindruck auf ihrer zweiten Single-Veröffentlichung »Mental« hinterließ. Das Trio einigte sich darauf, vermehrt Emotionen zu verarbeiten und diese unmittelbar in ihre Musik einfließen zu lassen. Dies bedeutete, dass sie ihre Lieder selten genau gleich spielen wollten und auch die Instrumente untereinander austauschten. Da sie keinen Namen hatten, nannten sie sich schlicht XXX. In einem Keller am Bollwerk in Berns Zentrum arbeiteten die drei an ihrem Repertoire und sammelten Ideen. Weil das Thema Film unter ihnen allgegenwärtig war, wollten sie sich Das Kino oder kurz Ciné nennen. Dann brachte GT mit Grauzone den zündenden Funken. Den gleichnamigen Film von Fredi Murer aus dem Jahre 1979 hatten sie aber gar nie gesehen.

Ihr Equipment erweiterte sich und sie mieteten Synthesizer und Drum-Maschinen. Weil niemand diese richtig bedienen konnte, arbeiteten sie meist mit repetitiven Tonschlaufen. Dennoch experimentierten sie weiter und manchmal entstanden spannende Geräuschkulissen. Dieses Hängenbleiben der Synthesizer und die Möglichkeit, einzelne Töne im Sample-Hold-Mode unendlich lang und abwechslungsreich zu halten, waren eine wichtige Inspiration für die zukünftige Grauzone-Klangwelt. Ihre Musik ließ sich zum Teil vergleichen mit Bands wie The Cure, Joy Division, The Feelies, Kraftwerk und anderen, die dann später der NDW zugeordnet wurden, aber bereits bestanden. Vielleicht am ähnlichsten zu Grauzone waren in der Schweiz noch Schaltkreis Wassermann, ein Paar aus Basel, zu denen sie aber keinen Kontakt hatten.

Für Repi bedeutete Grauzone auch die Rückkehr zum Kitsch der italienischen Schlager. Zum blumigen, schillernden Sound, den er als Teenager aus der Jukebox in den Berner Gastarbeiterbaracken gehört hatte, welche seine Eltern verwalteten. Tinu war mit The Beatles groß geworden. Doch der Grauzone-Sound hatte nichts gemein mit diesen vorhersehbaren Einflüssen der beiden. Klare Basslinien, monotone Beats, gläserne Gitarren und Tinus wehmütige Stimme prägten ihre ersten Songs mit den kurzen Titeln »Raum«, »Animals« oder »Moskau«. Folglich konnten sie gleichzeitig destruktiv und feinfühlig klingen, gemäß der »neukühlen« Stimmung, wie die anbrechenden 1980er-Jahre von Künstler Max Kleiner beschrieben wurden. Grauzone klangen aber auch darum so erfrischend neu, weil sie stets als Kollektiv aktiv und kreativ waren.

Konzertposter Punk-Festival St. Gallen, 1980 © Lurker Grand

Live
Als XXX spielten sie das erste Konzert am 8. März 1980 im Club Spex in Bern. Es war ein kurzes Programm, bestehend aus den Songs »Animals«, »Blaulicht« (sie probten nicht selten zu Blaulicht) und »Waiting For The Light«. Ihren zweiten Gig, einen Monat später am St. Gallen Punk-Festival (unter anderem mit dem ersten Auftritt von Le Passpartout und Chaos als Headliner, beide aus Vorarlberg) organisierte der Autor dieses Texts selbst. (Er ist bis heute mit Repi befreundet und fragte damals bei ihm telefonisch an, ob die Glueams am Festival spielen könnten. Repi erwiderte, dass sie sich jetzt Grauzone nennen würden, war für ihn auch ok – er ahnte ja nicht, auf was er sich da eingelassen hatte.) Zuerst wechselten die Bandmitglieder die Neonröhren aus und installierten stattdessen Blaulicht, so dass sie kaum mehr zu sehen waren. Ebenso stand im ungeheizten Klub Zabi, wo das Konzert stattfand, tatsächlich auch ein Synthesizer auf der Bühne. In letzter Sekunde erschien dann Tinu und was das Publikum zu hören bekam, hatte wahrlich nicht mehr viel mit dem damals aktuellen Punk Rock zu tun. Sie eröffneten mit »Plastikherz«, Tinu und GT drehten sich um 180 Grad und standen nun mit dem Rücken zum Publikum. Die Pogo-Punk-Fraktion verließ umgehend den Saal und forderte energisch eine Erklärung, für das, was drinnen dargeboten wurde. Dann gegen Ende ein zischender Synthesizer, endlos lang, und plötzlich Schreie: »Moskau … Moskau …« Licht an und Schluss.

Ähnliche Reaktionen widerfuhren Grauzone am 12. April 1980 im Gaskessel in Bern. Ein Mitternachtskonzert. Der Synthesizer lief bereits einige Minuten im Sample-Hold-Mode, bis Martin endlich erschien und Marco mit dem Schlagzeugintro einsetzte. Stephan Eicher (Tinus Bruder) am Synthesizer und Claudine Chirac am Saxophon waren neu in der Band und die Songs »Moskau« und »Grauzone« wurden erstmals live gespielt. Mit dem Einbezug von Stephan kamen sie dem angestrebten Ziel einer Art-Band näher. Er spielte ja an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich schon bei Noise Boys. Jedes Wochenende und ganz in Schwarz gekleidet holten die drei anderen Bandmitglieder Stephan am Bahnhof in Bern ab; dabei schwärmte er von der »schönsten Band weit und breit«. Stephan erweiterte ihre Auftritte mit Performance-Elementen und der Projektion von Super-8-Filmen. Die Eicher-Brüder folgten auch dem Vorbild von The Velvet Underground und wechselten spontan ihre Instrumente während eines Live-Sets.

Am 31. Januar 1981 gaben Grauzone im Porno-Kino Walche in Zürich ihr letztes Konzert. Im Vorprogramm war eine Lese-Performance von Hermann Bohmerk aka Obalski. Unter dem Namen Bataks wurde er musikalisch von Grauzone-Mitgliedern und befreundeten Musikern aus der F+F Schule begleitet. Danach betrat Stephan zuerst allein, dann mit den Noise Boys respektive Girls die Bühne. Er spielte einige Songs von seiner »Noise Boys EP«, verfremdete sie aber so, dass sie meist nur noch an der Grundmelodie zu erkennen waren. Als Höhepunkt dann Grauzone. An diesem Abend versuchten sie wie eine »richtige« Popband zu klingen und scheiterten aus mehreren Gründen kläglich. Hauptsächlich, weil die Stimmung innerhalb der Band und gegenüber dem Publikum so schlecht war, dass danach keine weiteren Auftritte mehr folgten. Allerdings war für den 22. Februar 1981 immer noch ein Konzert in der Mausefalle in Stuttgart geplant. Der Auftritt der Band fiel aus. Aber Stephan ging mit der auch gebuchten Schweizer Band Mother’s Ruin auf die Bühne und spielte Grauzone-Songs in seinem Solo-Set. Stephan wäre gerne weiter mit Grauzone aufgetreten, doch es ging einfach nicht mehr.

Grauzone im Porno-Kino Walche, Zürich, 1981; v.l.n.r.: Martin Eicher, Marco Repetto © Arnold Meier

Studio
Martin Byland, der verstorbene Produzent des Schweizer Off Course Plattenlabels, spezifizierte es so: »Die ersten Grauzone-Demos tönten so, als würde man einen Staubsauger laufen lassen.« Urs Steiger hatte damals Repi angefragt, ob er ein Demo von ihm kriegen konnte, um rauszufinden, wie sein neues Musikprojekt klang. Er war begeistert! Weil Urs zu dem Zeitpunkt den »Swiss Wave – The Album« LP-Sampler auf Off Course plante, wollte er sie sofort für die Platte haben. Repi musste sogar ein paar von den weißen Schuhen (ein Grauzone-Markenzeichen) für ihn organisieren, denn die Band ging auch der Leidenschaft für einen kultigen Dress-Code nach.

Die ersten Grauzone-Studio-Tracks entstanden im Sommer 1980 bei Etienne Conod in den Sunrise Studios in Kirchberg, St. Gallen. Sie waren auch die Band, welche das Zeitbudget für die »Swiss Wave« LP-Aufnahmen massiv überzog. Hauptsächlich, weil der Song »Eisbär« – mit seinem einfachen, aber eindringlichen Text, der auf einem Albtraum von Tinu basierte – anfangs bloß wie eine »A Forest«-Kopie von The Cure klang. Es war entsprechend Wut auf ihr vermeintliches Unvermögen, das schlussendlich den Antrieb gab für die schrilleren Gitarren, Stephans seltsame »Biip Biip Biip«-Einwürfe und seine Synthesizer-Störgeräusche, GTs dominante Bassmelodie und den ersten Drum-Loop der Schweizer Musikgeschichte. Letzterer aus der Not geboren, weil über Punk Rock hinaus Repi kein genug versierter Schlagzeuger war, um präzis gespielte Takte zu spielen. Die Bandschlaufe mit dem tanzbaren Rhythmus, welche für »Eisbär« dann zusammengefügt wurde, erwies sich als revolutionäre Meisterleistung. Um an »Eisbär« anzuschließen, nahmen Grauzone noch »Raum« als ihren zweiten Song für die Sampler-LP auf. Schlussendlich erschien »Swiss Wave – The Album« am 26. September 1980 in einer Auflage von 1.000 Exemplaren und fand vorerst nur wenig bis keine Beachtung.

Claudine wechselte nun zu Starter, der gleichen Band, gegründet von Francis Foss, wo auch Stephan kurz Synthesizer und Gitarre spielte. Und parallel zu seiner ersten Platte, der EP »Stephan Eicher spielt Noise Boys«, welche Ende 1980 auf Off Course erschien. Ende November und Dezember gingen Grauzone für ein paar Tage zurück ins Sunrise Studio. Zu viert nahmen sie »Ein Tanz mit dem Tod« und »Ich lieb sie« auf. Zusammen mit dem gleichnamigen Titelsong »Moskau« wurden dann diese zwei Tracks Ende Jänner 1981 von Off Course als Single veröffentlicht. Stephan war zudem für das visuelle Erscheinungsbild von Grauzones Plattenumschlägen verantwortlich, genauso wie damals für seine eigenen Tonträger.

Grauzone Poster von Stephan Eicher, 1981 © Off Course Records

»Eisbär«
Dann passierte etwas Wundersames. Martin Byland saß in seiner winzigen 16-Quadratmeter-Bude, als das Telefon klingelte. Es war Wolfgang Dorsch aus München, der für ein Dancefloor-Label arbeitete und »Eisbär« auf EMI herausbringen wollte. Sakrileg! Ein Independent-Plattenlabel sollte einen Titel an die verachtete Industrie verkaufen … Off Course hatte aber viel Geld in die Platten gesteckt und ein Kleinkredit war immer noch offen. Dorsch kam für eine Besprechung nach Zürich und kurz darauf flogen Urs Steiger (für Off Course) und Stephan Eicher (für Grauzone) in der Business Class nach Köln (»Stimmt nicht!« – Stephan Eicher). Stephan war jedoch bei der Unterzeichnung des 20-seitigen Lizenzvertrags nicht anwesend, weil er wegen einer Panikattacke auf die Toilette geflüchtet war. Der Vertrag wurde gleichwohl unterschrieben.

Mit einem Knall hatten Grauzone einen regelrechten Smash-Hit! Denn als »Eisbär« rauskam, spielten DJs es sofort. Als B-Seite wurde der Song »Ich lieb sie« für die 45er-Single gewählt und auf der 12″-Maxi-Version noch zusätzlich »Film 2«, das später auch als Eröffnungssong auf ihrem Album verwendet wurde. Offiziell wurden 450.000 Exemplare verkauft und »Eisbär« schaffte es in Österreich und Deutschland in die Hitparaden. Aber in der Schweiz hatte die Platte keinen solchen Erfolg. Es kamen weitere Lizenzen dazu, von Japan bis Brasilien, sowie die damals üblichen Schwarzpressungen. Byland schätzte das Total der weltweit verkauften »Eisbären« schlussendlich auf rund 1 Million Kopien.

Album
Während »Eisbär« durchstartete, ergaben sich Spannungen innerhalb der Band, mit einer Spaltung in zwei Lager: Repi und GT auf der einen, die Eicher-Brüder auf der anderen Seite. Musikalische, künstlerische sowie persönliche Differenzen wurden deutlich sichtbar und öffneten Gräben zwischen ihnen. Trotz der Spannungen gingen Grauzone im Sommer 1981 nochmals ins Sunrise Studio, um diesmal ein ganzes Album einzuspielen. Für die erste Session vom 6. bis 12. Juli war GT noch dabei, aber für die Aufnahmen vom 1. bis 6. August blieben nur noch Tinu, Stephan und Repi übrig.

Insgesamt wurden elf Songs eingespielt. Trotz Erwähnung auf dem Umschlag und den Etiketten wurde der Song »Tanzbär«, eine Art Kurzversion von »Eisbär«, bei der Erstpressung der LP weggelassen. Auf der ursprünglichen Testpressung – mit 45rpm gemastert, im Gegensatz zu der später veröffentlichen 33rpm-Version – war der Song immer noch enthalten. Somit muss in letzter Sekunde und ungeachtet der bereits angefertigten Drucksachen gegen den »Tanzbär« entschieden worden sein; der Song war eigentlich als eine Verarschung von EMI gedacht. Nichtsdestotrotz präsentierte François »FM« Mürner am 30. Oktober 1981 das Album in der Sendung »Sounds«, im damaligen Schweizer Radio DRS. Tinu und Stephan waren live zu Gast und dabei wurde »Tanzbär« das eine Mal gespielt. Ohne das Wissen des Moderators und mit Hilfe eines Störgeräts/Radios versuchten die beiden während der Übertragung dann den Song mit Geräuschen zu entstellen.

François »FM« Mürner im Radio Studio © unbekannt

Eicher
Obwohl auch das Verhältnis untereinander nicht einfach war, führten die Brüder Tinu und Stephan Eicher das Grauzone-Projekt gemeinsam weiter. Im September 1981 veröffentlichte Stephan wiederum eine selbstgemachte Musikkassette, diesmal zehn Tracks unter dem Pseudonym Zorro Schlubowitz. Auf dieser waren eine Neuinterpretation von »Hinter den Bergen« und auch die Urfassung von »Ich und du«. Im November 1981, und nochmals im März 1982, gingen die Eicher-Brüder für die letzten Grauzone-Aufnahmen ins Sunrise Studio. Zusammen mit Tinus damaliger Freundin Ingrid Berney am Bass und Schlagzeug wurden »Träume mit mir« und die komplett überarbeiteten Versionen von »Ich und du« und »Wütendes Glas« eingespielt.

Die Songs erschienen dann als Single am 17. Mai 1981, in der Schweiz auf Off Course und in Deutschland bei Welt-Rekord, mit Standbildern vom »Film 2«-Video auf der Vorder- und Rückseite. Mit minimalen technischen Mitteln hatten Tinu und Stephan Anfang 1982 die Arbeiten für dieses Videoprojekt begonnen. Eine angeheuerte Ballerina tanzte in einem sich scheinbar bewegenden und stets verändernden kleinen Raum zum Song. Aber am Schluss des Clips lassen Stephan Eicher, Urs Steiger, Bruno Gabsa und Helena Wagniers ihn dann in sich zusammenfallen und offenbaren dadurch, dass sie mit Stangen und elastischen Bändern diesen Raum nur vorgetäuscht hatten. Dieses Video wurde zweimal, am 3. März und 10. April 1982, im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt und ist heute auf YouTube konserviert.

Ende
Stephan reflektierte auch über Grauzone und die persönlichen Konsequenzen für ihn im Buch »Heute und danach – The Swiss underground music scene of the 80’s«, welches 2012 in der Edition Patrick Frey erschienen ist: »Ich wollte eigentlich ein zeitgenössischer Künstler sein. Dies beinhaltete Performance, Fotografie, Videokunst und auch Musik, die aber nicht ein zentraler Bestandteil sein sollte. Dann kam der Erfolg mit Grauzone und dem ›Eisbär‹. Jemanden wie mich, der im Alter von vierzehn Jahren sein Zuhause verlassen hat, dann sieben Jahre ruderte und plötzlich viel Geld verdient, brachte es schon zum Nachdenken. Ich sagte mir, vielleicht könnte ich von der Musik leben. Ich habe somit ›echte‹ Synthesizer gekauft, einen 4-Spur Recorder, und habe aufgehört, Kunst zu machen. Ich bin sehr gerne auf der Bühne, es ist so surreal […] Ich fragte mich selbst: Was machst du da eigentlich? Aber das Adrenalin war so intensiv, ich fühlte mich so lebendig, auch wenn mich mit den Jahren die Szene, zu der ich mich hingezogen fühlte, runterzog. Diese Dringlichkeit mit einer verbundenen Jugend, es war wie ein Geschenk, welches du aus dem Fenster wirfst, und du hast auch allen Grund, es zu tun, nachdem der Glanz ein wenig verloren geht. Aber du gewinnst das Bewusstsein, es für dich zu nutzen und dies ist ein interessantes Ziel …«.

Konzertposter Tscharnergut, Bern, 1981 © Soilant

Danach
Nach der Grauzone-Albumproduktion und -veröffentlichung formierten sich GT und Repi neu. Zusammen mit dem früheren Glueams-Gitarristen Martin Pavlinec nannten sie sich Missing Link. Kurz darauf trat Schlagzeuger Dominique Uldry bei und sie wurden zu Eigernordwand. Als Sänger und Schlagzeuger war Marco aber nur ganz am Anfang und bloß für eine kurze Zeit Teil dieser Formation. Parallel zu Eigernordwand spielte GT auch noch bei Red Catholic Orthodox Jewish Chorus, aka Wanderwege ins Purgatorium, The Dead Body Moves und Black SS Order Cowboys. Die Band mit den jeweiligen gewählten vier sperrigen Namen war eine am Futurismus angelehnte Aktionsgruppe um den Performance-Künstler Edy Marconi. Über die Jahre und mit den verschiedenen Namen veröffentlichten sie drei Singles und eine MC. Auf der 1984 erschienenen Platte von The Dead Body Moves spielte sogar Repi noch als Gastmusiker. Aber nach Red Catholic Orthodox Jewish Chorus verloren er und GT sich aus den Augen. Repi ist bis heute in der elektronischen Musikszene aktiv als Musiker, Produzent und DJ sowie der Gründer, Inhaber und Manager des Labels Inzec Records.

Ein kleines, aber interessantes Detail bezüglich der ersten Single-Veröffentlichung von Red Catholic Orthodox Jewish Chorus ist das Foto aus dem Film »Panzerkreuzer Potemkin« von Sergei Eisenstein, welches für den Umschlag verwendet wurde. Stephan hatte 1981 die erste Grauzone-Single »Moskau« auch mit zwei Standbildern aus dem Stummfilm gestaltet. Und Anfang der 1990er-Jahre machten er und Moondog in einem Biopic eine Art Soundtrack, während im Hintergrund Ausschnitte aus »Panzerkreuzer Potemkin« gezeigt wurden.

Nach dem Ende von Grauzone als Live-Band wurde Stephan von Die Matrosen eingeladen, ab und an mit ihnen zu spielen. Das Repertoire beinhaltete Coverversionen von Rock’n’Roll und italienischen Klassikern. Zudem »Fever«, als Kombination vom LittleWillie-John-Song und »Tschik-Mo« von Liliput, »You’ve Lost That Loving Feeling« von The Righteous Brothers, Songs von The Velvet Underground und dann auch Stephans eigenes Material bis hin zum »Eisbär«. Bereits im Juni 1981 und Februar 1982, während Grauzone noch im Studio aktiv waren, hatten Stephan und Max Frei von den Noise Boys eine Musikkassette aufgenommen. Als Das Traumpaar produzierten sie einige sehr minimalistische Tracks, darunter eine lohnenswerte Version von »Der Weg zu zweit«. Das Booklet zur Kassette erwähnte auch den Titel »Les Filles De Limmatquai«.

Im Juli 1982 tingelte Stephan (Stimme, Gitarre) mit befreundeten Musikern, teilweise von Die Matrosen, Max Frei (Synthesizer), Markus May (Bass) und Beat Schlatter (Schlagzeug) als Die Reisenden umher. Von Zürich über Wolfenschiessen, Basel, St. Gallen, Luzern, Lugano und der Westschweiz – auch dem Squat an der Rue Argand in Genf – nach Mailand und Lyon. Ausgerüstet mit einem Auto, einem kleinen Generator zur Stromerzeugung, verschiedenen Taschen-Synthesizern und einem kleinen portablen Rumpf-Schlagzeug spielten sie in einem Grotto, Squat, Bars und Fussgängerzonen. Sie wollten eigentlich bis nach Paris reisen. Aber in Lyon übernachteten sie in einem Zelt auf einem Campingplatz und hatten LSD dabei, welches sie alle einwarfen. Danach ging nichts mehr. Stephan und Max gingen nach Genf, Markus und Beat zurück nach Zürich. Damals als spontane »Road Show« geplant, wurde der Trip in manchen Biografien fälschlicherweise als eine Grauzone-Tournee beschrieben, welche es natürlich nie war.

Postkarte mit GT von Eigernordwand, 1984 © Eigernordwand

Solopfade
Stephan ging dann im September zu Etienne Conods Sunrise Studio, um »Les Filles De Limmatquai« für seine erste Soloplatte aufzunehmen. Zusammen mit »Komm Zurück«, »Ce Soir (Je Bois)« und »Paris«. Nach der Studio Session und einer Kassette mit den Songs in der Tasche, machte Stephan sich umgehend auf den Weg nach Köln. Dort stieß er zur Band Liliput, die auf ihrer »Liliput und ihre Freunde Tour« durch Deutschland waren. Stephan war zu diesem Zeitpunkt auch mit Klaudia Schifferle, der Bassistin von Liliput, liiert. Beim Konzert in Hannover spielte er dann seine Version von »Eisbär«. Das Publikum staunte nicht schlecht über die plötzliche und unangekündigte Live-Präsentation dieses berühmten Grauzone-Songs; vorgängig nur von der Hitparade her bekannt.

Ende 1982 veröffentlichte Off Course dann die EP »Souvenir«, welche alle vier Aufnahmen vom September enthielt und die 45er-Single »Komm zurück«, mit Les Filles De Limmatquai, auf der B-Seite. Stephans weitere Schritte in seiner bis heute andauernden Solokarriere kann man auf seiner offiziellen Website nachlesen, wo man zudem seine aktuellen Projekte verfolgen kann.

Tinu trat nach Grauzone nur noch einmal musikalisch in Erscheinung. Er veröffentlichte die Soloplatte »Spellbound Lovers«, welche 1988 auf dem kleinen Innerschweizer Label Fun Key erschien. Wie von ihm nicht anders zu erwarten, beinhaltete diese Maxi vier klassische Synth-Pop-Liebeslieder, die er auf Englisch, mit kräftigem schweizerdeutschem Akzent, sang. Leider verschwand das Werk ebenso unbemerkt, wie es damals aufgetaucht ist.

Claudine Chirac verließ Starter kurz nach der 1981 veröffentlichten ersten 45er-Single »Minijupe» und der selbstbetitelten Debüt-LP. Zwischen 1983 und 1984 und unter ihrem eigenen Namen veröffentlichte sie noch zwei Synth-Pop-Singles, die EP »Nautilus« und die 45er-Single »Alle meine Entelein«. Sie lebt seit Längerem in Italien.

Nach wie vor leben wir in einem erfundenen Land, wo unzählige Jugendliche in Kellern Gitarre und Bass über einen einzigen Gitarrenverstärker spielen und dem Schlagzeuger vorhalten, er töne nicht wie eine Linn Drum Maschine.

Anniversary Box Set
Stephan Eicher besitzt heute die gesammten Rechte an allen Studioaufnahmen von Grauzone. Zum 40-jährigen Jubiläum der Bandgründung veröffentlichten er und das Genfer Label We Release Whatever The Fuck We Want Records das komplette Songmaterial digital, auf CD und Vinyl. Die Krönung ist eine Vinyl-Box, limitiert auf 1.000 Exemplare. Diese beinhaltet u. a. ein 80-seitiges Fanzine »Die Geschichte der Grauzone«, geschrieben von Lurker Grand und entworfen von Stephan Eicher. Der vorliegende Text wurde dort erstmals veröffentlicht.

https://wrwtfww.com/album/limited-edition-40-years-anniversary-box-set

https://www.grauzone-band.de/

Home / Musik / Artikel

Text
Lurker Grand

Veröffentlichung
15.09.2021

Schlagwörter

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