screenshot: oe24.at

Die Erhöhung der Presseförderung

skug erlaubt sich ein Stück Kampagnenjournalismus in eigener Sache.

Werden wir einmal kurz pathetisch: In diesem Land (gemeint ist »Rest-Kakanien«) gibt es eine riesige Menge gut informierter, differenziert denkender und auf hohem Niveau argumentierender Menschen. Nur leider kommt das medial irgendwie meist nicht rüber. Weder über die Sender, noch das Netz, noch das bedruckte Papier. Selbstverständlich arbeiten, wie Thomas Drozda, der vormalige Kulturmanager und jetzige österreichische Kanzleramtsminister, zuständig für Kunst und Kultur, betont, ausgezeichnete JournalistInnen bei ORF, »Krone«, »Heute« und »Österreich«. (Die Mitglieder der skug-Redaktion sind übrigens mit einigen aus diesen Medienhäusern persönlich bekannt und schätzen sie.) Nur was diese schreiben und senden, ist meist ein ziemlicher Topfen. Schlimmer noch, es scheint mitunter, als habe sich eine intellektuelle Phalanx gebildet, bei der alle immer wieder das Gleiche sagen. Es werden also zu vielen Themen die immer gleichen Einschätzungen gegeben, sei es explizit in Kommentaren oder implizit durch die Darstellung der Probleme. Die löblichen Ausnahmen beiseitegelassen, würden diese Einschätzung, hinter vorgehaltener Hand, viele Mitarbeitende der großen Medienmonolithen teilen.

Das Argument, das skug hier gegen die Misere und die fehlgeleiteten Maßnahmen des Ministers zu machen gedenkt, ist ein ästhetisches. Anders als das anschwellende Heer paranoider rechter Verschwörungstheoretiker wissen wir: es gibt keine »Lügenpresse« und es werden den Menschen keine Fakten vorenthalten. Aber die Fakten werden eben kontextualisiert in einer simplifizierenden und plump emotionalisierenden Weise, die längst ein freies, demokratisches Behandeln der Probleme erschwert. Das ist es, was der Boulevard eben macht: Zur Info muss dit Jefühl – und das ist fast immer ein krawalliges. Es ist ein österreichisches Spezifikum, dass die Medien, die sich von dieser Art Journalismus intellektuell distanzieren, mit der Lupe gesucht werden müssen und finanziell darben.

Warum nun – in Dreiteufelsnamen! – will ein sozialdemokratischer Minister den breiten österreichischen Boulevard noch mehr finanziell unterstützen, mit einer Verdopplung der Presseförderung sogar, die in sechsstelliger Höhe den (U-Bahn-)Gratiszeitungen zugeschustert werden soll?

Quantität
Betrachten wir die Lage zunächst quantitativ. In Austria gibt es ganze 14 Tageszeitungen. Im bevölkerungsmäßig kaum größeren Schweden sind es weit über 100. Ob nun entweder eine differenziertere Öffentlichkeit eine plurale Medienlandschaft verlangt oder letztere erstere erzeugt, ist die müßige Frage nach »Henne oder Ei«. Die Wahrheit ist ein wechselseitiges Bedingen. Alle Gesellschaften sind permanent in Bewegung, sie werden faschistoider, brutaler, einseitiger, verblödeter oder sie klären sich auf, differenzieren sich und werden intellektuell reicher. Ein Blick in die Publikation »Österreich« schenkt Gewissheit: »Nein, die Richtung stimmt nicht.« Die Wirkung belegen SORA-Umfragen: »starke Führer« werden zunehmend »ziemlich« bis »sehr wünschenswert«. Das Nähren des autoritären Charakters ist der hässliche Hintern, auf dem der Boulevard sitzt. Wer Gefühle und Gedanken vermassen lässt, kommt immer zum Ergebnis, es bräuchte eine starke Hand. Faschismus stellt die vereinheitlichte »Ersatzidentität« (»Ganz Österreich liebt/zittert/wünscht …«) über das produktive Individuum und der Boulevard ist sein Prophet, der in der Masse keine Menschen mehr erblicken kann.

Warum diesem aufhaltsamen Aufstieg tatenlos zusehen? Die drastische Reduzierung der Medienprodukte in den letzten Jahrzehnten (der Zuzug privater Sender aus Deutschland, die ihr abgefilmtes Elend in Österreich zweitverwerten wollen, zählt nicht) scheint völlig widersinnig angesichts der technischen Möglichkeiten und der durchaus vorhandenen Lust an gesellschaftlicher Ausdifferenzierung. David Foster Wallaces optimistische Prognose der 1990er-Jahre ging gründlich fehl, als er meinte, es würde in 20 Jahren unzählige Zeitungen geben, die jeweils nur mehr einige tausend LeserInnen hätten. Dies sei für ein »E pluribus unum« auch gar keine schlechte Entwicklung, solange die Zeitungen und ihre LeserInnen in Kontakt blieben. Heute lautet das weltweite und insbesondere auch österreichische Paradox: eine Handvoll Zeitungen schreibt für eine zugleich vermasste und in immer kleinteiligere Blasen dividierte Öffentlichkeit, deren Mitglieder sich zunehmend in randständigen Extremen verirren. Extreme, deren Ziel die Abkapselung ist und die deswegen keine Vielfalt bilden können. Man muss schon sehr wütend sein, um die Energie aufzubringen, sich durch den schmierigen Morast der rechten Blogs (»Die Gutmenschen haben wieder blababla …«) hindurch zu lesen oder um sich zwischen die mit Fackeln und Mistgabeln bewaffneten Horden in den Boulevard-Foren zu begeben. Auffällig ist, was dort ventiliert wird, ist, trotz tausender Stimmen, uniform.

Wäre in solcher Lage eine Umkehr der Förderung nicht sinnvoll, die statt in den Rachen der großen Häuser unermesslich hineinzugießen, ein wenig mit der sprichwörtlichen Gießkanne die rein quantitative Pluralität verschiedener Medienerzeugnisse fördert? Kompliziert wäre es nicht: eine simple Deckelung mittels Höchstförderungen (was bei notleidenden Familien unmenschlich wäre, ist bei Medienhäusern eine gute Medizin) bei gleichzeitiger Verdoppelung der Presseförderung – wie vom Minister projektiert. Folglich würde vielen Erzeugnissen Ûberlebenswichtiges zukommen und den Großen eben nicht mehr als jetzt. Wer schon ein großes Rad dreht, braucht keine staatlichen Zuwendungen. Hieße das praktisch, die wenigen Großen würden schrumpfen und mehr Kleine entstehen? Na wunderbar. Rein quantitativ und beschäftigungspolitisch.

Qualität
Zur Erinnerung: Die Sozialdemokratie war immer auch ein Bildungsprogramm. Mit Würsteln und Bumsfallera-Musik kann dies ebenso wenig erreicht werden wie mit Boulevard-Förderung. Die Bedrohung durch Demagogie ist evident. Wie soll dieser begegnet werden, wenn sich ständig irgendwo ein Schreihals aus dem Boulevard findet, der die dämlichsten rechten Thesen rausbrüllt? Oder ein dreifach alimentierter »Wirtschaftsexperte« die abgenudelte neoliberale Leier kurbelt? Wenn allein schon die mediale Alternative fehlt, dann wird es schwer, andere Deutungen anzubieten. Das Gegenprogramm, das jenes der SPÖ sein muss, ist ein linker Aufbruch, der ein Kampf für eine bessere Welt wäre, für alle Menschen, die darin leben. Dieser Aufbruch ist aber eben leider auch intellektuell ein wenig knifflig. Anders als der rechte Hirntod »Die-Ausländer-nehmen-uns-die …« müssen linke Konzepte immer erst erörtert werden. Nur eine differenziert argumentierende Gesellschaft kann linke Ziele verfolgen und vielleicht sogar verwirklichen.

skug kennt sich ein wenig aus und darf mit der Ûberzeugung jahrzehntelanger Erfahrung sagen: Pop, Rock, Punk wirkt in erster Verteidigungslinie und in zweiter Literatur, Kunst und Philosophie. Nicht zu Unrecht beschäftigen wir uns damit und versuchen die gesellschaftliche, politische und auch ökonomische Wirkung von Kunstformen und Geistesleben zu zeigen. Die Wirkung lässt sich dramatisch überspitzt in einem Satz zusammenfassen: Es konnte nur ein Drittes Reich in Deutschland und Österreich entstehen, weil es keinen Bob Dylan gab. Die wunderbaren, faszinierenden Szenen, beispielsweise im Wien und Berlin der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre, wurden überrollt von der Walze dumpfer und mörderischer Blödheit. Es wäre ziemlich deppert, das wieder zuzulassen. Eine gewisse Menge Gegenkultur konnte sich in der gesellschaftlichen Mitte nach dem zweiten Weltkrieg verankern. Gerade jetzt wird sie wieder verdrängt. Der Boulevard wird diesen Verdrängungsprozess nicht aufhalten, auch wenn er zeitweilig seinen Narren an einer Frau mit Bart gefressen hat. Das Außenstehende, der Underground, die Sub- oder Gegenkultur wird von den Krawallblättern allenfalls herablassend beonkelt, aber niemals verstanden.
 
Wenn Publikationen wie skug weiterhin ihre wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernehmen sollen, dann brauchen wir dafür Raum, Zeit und Geld. Unser Publikum kann uns dies kaum mehr geben, denn das ist selbst schon weitgehend ausgesackeltes Präkariat. So ist das nun mal, diejenigen, die sich für die »Gegenkultur« und deren bunte und vielgestaltige Formen interessieren, sind dem gesellschaftlichen Boden selbst recht nahe – während die Bussi-Bababtschis mit ihren Sektflöten sich liebend gerne das immer gleiche Lied orgeln lassen. Aber die Unterströmung der Gegenkultur wirkt, sie multipliziert und hält eine Demokratie und eine freie Gesellschaft lebendig.

Es geht ums »Ganze«
Die mediale Vermittlung kollabiert, deswegen muss jetzt gehandelt werden. Die technischen Veränderungen des Publizierens verdrängen den aufklärenden und differenzierenden Journalismus und ersetzen ihn durch »Keyboard Warriors« und »Clickworkers«. Beide können strukturell nur mehr jene »Fake News« produzieren, die von den immer mächtiger werdenden AutokratInnen in den demokratisch gewählten Diktaturen freudig genutzt werden. Die »Keyboard Warriors« sind ideologisch gebunden, die »Clickworkers« ökonomisch zementiert. Erstere dürfen die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Verhältnisse nicht auffassen, da dies ihren zu vertretenden Statuten widersprechen würde, und letztere können es nicht, weil Wirklichkeit eben kein »Clickbait« ist und somit unrentabel. Fatalerweise sind es genau diese beiden Grabhöhlen, in die sich die boulevardisierte Medienlandschaft in Österreich entwickelt.

Der Boulevard, ob TV, Radio oder Print, ist ein gigantischer medialer Weltvernichter. Alles, was in ihm erscheint, wird sogleich herabgewürdigt. Die besten MusikerInnen, KünstlerInnen, Intellektuellen oder PoetInnen – einen Bericht in »Heute« hat noch keine/r medial überlebt. Gerade die wohlwollende Berichterstattung bewegt die empfindsameren RezipientInnen dazu, Buch, Bild oder Tonträger nach der Boulevard-Eloge am liebsten gleich aus dem Fenster zu schmeißen. Dies ist kein Snobismus, sondern Feingefühl im Notwehrmodus. Wer noch ein Restgespür für aufrichtigen Gefühlsausdruck in sich trägt, erkennt in Castingshows die böse Domestizierung und in dem anpreisenden Begeisterungsgezeter die dümmliche Falschheit. Als gäbe es nur mehr eine halbe Hand voll Kriterien und im Kopf nur mehr den »Daumen-rauf/Gefällt-mir«-Knopf. Wenn immer nur die »Melodien, die die Welt verkleistern« angepriesen werden und auch bei den künstlerisch, intellektuell avancierten Werken nur mehr die den verblödeten Kriterien entsprechenden Elemente hervorgerufen werden, gibt es irgendwann keine Welt mehr. Denn eine komplett gescheiterte mediale Vermittlung der Welt ist weitgehend gleichbedeutend mit Weltvernichtung. Politisch ist dies hochgefährlich, denn eine medial verlorene Welt kann viel leichter physisch zerschlagen werden.

Zum Beweis könnte sich jemand an die schnöde Aufgabe setzen und eine Zusammenstellung aller Zitate, Beschreibungen und »Würdigungen« der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek aus der »Kronenzeitung« zusammensuchen. Wer diese Zusammenstellung lesen würde, müsste unweigerlich davon ausgehen, die Frau Jelinek habe schlichtweg was am Apfel. So wirken eben mediale Filter. »Größe«, »Tiefe«, »Höhe« oder wie auch immer ausgedrückt werden mag, was einfach Einsicht und Einfühlungsvermögen genannt werden kann, all dies wird vom Boulevard-Gejohle abserviert und gründlich verschüttet. Wer eine Woche lang »Krone« liest, dabei Formatradio hört und sich in die Abendunterhaltung des ORF begibt, muss zwangsläufig zu dem Schluss gelangen: »Die Musik, die Bilder: Kacke. Die ›Super-Künstler‹, die ›gefeierten Musiker‹, die ›Meisterdenker‹, die ›großen Dichter‹: allesamt deprimierende Trottel. Was soll der Kram? Im Grunde ist das alles Scheiße.«

Ist es aber nicht. Und die an diesem Eindruck beteiligten AutorInnen, RedakteurInnen und Radio- oder TV-MacherInnen sind nur die ersten Opfer der gnadenlosen medialen Formvorgaben. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, hat längst begriffen, was in diesem Artikel verhandelt wird. skug ruft leidenschaftlich: »Her mit der Marie für die Gegenkultur!« Wir brauchen die Kohle und wir fangen etwas G’scheites damit an, indem wir uns den Formvorgaben nicht unterwerfen. Während »Österreich«, »Heute« und Co wirklich keine zusätzlichen Moneten brauchen. Wer solchen Schund vertickert, ist selbst schuld, wenn er damit kein Geld macht. Sollte es aufgrund der fehlenden staatlichen Förderungen beim Boulevard zu Entlassungen kommen, dann werden die dort freigesetzten schreibenden Talente sicherlich offene Türen vorfinden, zum Beispiel beim neuerdings üppig alimentierten Magazin skug. Der Menschheit wäre geholfen.