Die 26. Tage der deutschsprachigen Literatur: 26.-30. Juni 2002

Habe den Zug verpasst und somit auch die ersten vier Lesungen des 1. Tages. »Du wirst schon nichts versäumen«. Ich konnte den Worten meiner Begleitung keinen Glauben schenken, die mich zu beruhigen versuchte, während ich wütend dem ausfahrenden Zug nachspringe. Als ich schließlich in einem Eilzug mit absoluten Rauchverbot saß, spielte ich kurzzeitig mit dem Gedanken in Maria Saal oder spätestens bei Burg Hochosterwitz auszusteigen, um in einem Dorfgasthaus meinen Hunger und Durst zu stillen. Ich habe es nicht getan. Als ob ich geahnt hätte, dass erstmals nach sieben Jahren ein Österreicher, den Bachmann-Preis gewinnen würde: Der Grazer Peter Glaser mit einer »Geschichte von Nichts«.

Statt einer Einschätzung erstmals eine Zusammenfassung.

Tag 1 – Veitstanz als Höhepunkt

Nach Jörg Matheis Text »Schnitt«, einer morbiden »Amour fou«, die zu viele Rätsel aufgab, Markus Ramseiers Ausflug auf das Trümmerfeld einer Existenz, der zuwenig Erkenntnis auslöste, Heinz D. Heisl wortgewaltiges Großvatersterben, das an der Verwendung von Sprache als Organ und nicht als Medium scheiterte und Nina Jäckles Familiengeschichte, die nur Robert Schindel, unter dem Vorwand seines naiven Gemüts, ausgezeichnet fand, hatte ich scheinbar nichts versäumt.
Solche Text schlugen sich nicht nur aufs Gemüt des Publikums, sondern offensichtlich auch auf das der Juroren. Am Nachmittag schmunzelte ich wohl als einzige bei Lukas Bärfuss‘ Novellen-Auszug »Die toten Männer«, wo die Liebe zu scheintoten Müttern stärker ist als die Liebe zu »wundervollen« Frauen und der Flug der Fliege ins Nasenloch des aufgebahrten Freundes zum slapstickhaften Höhepunkt der Lesung wurde. Substantielle Kritik an der Ungenauigkeit und Auswahl des Textes sowie der Vortragsweise des Autors sind die Ergebnisse der dünnen Jury-Besprechung.
Mirko Bonnés Auftritt war die herausragendste Darbietung des ersten Lesetages. »Auszeit« ist die Geschichte von Jenny und Rainer. Robert Schindel erklärt schließlich den Kollegen, dass die vordergründige Jenny-Geschichte des Leidens eigentlich eine Rainer-Geschichte ist. Die Traurigkeit und Schlichtheit des Textes überzeugte und sollte schließlich den »Ernst Willner-Preis« einbringen.

Tag 2 – Triumph über die Stille

»Ich schickte ihr als Kurznachricht zwei Leerzeichen. Nach einer Weile kamen drei Leerzeichen als Antwort, und ich fand, dass sie etwas für mich übrig hatte.« Bei Peter Glasers (nun Bachmann-Preisträger 2002) Text geriet die Jury das erste Mal ins Schwärmen. Endlich ist einmal von »unglaublicher Melancholie« (Birgit Vanderbeke) die Rede. Nach schweren Krankheiten, Martyrien und Leidensgeschichte, innerer Auflösung und realer, physischer Tode spürt man erstmals wirklich dieses Gefühl…
Teile der Jury sind bei dem Text auch das erste Mal »seelisch berührt« (Denis Scheck) und auch Burkhard Spinnen, Autor und analytischer Kopf der Jury gefällt der Text »auf kopflastige Weise«. Ein »Abschied von den Neunzigern« (Birgit Vanderbeke) mit »sensationellen Bildern« (Denis Scheck).

Brehms Tierwelt auf den Kopf gestellt

Weil sich das Berühren so gut anfühlt, ist auch Konstanze Fliedl bei dem Text des Publikumspreisträgers Christoph Bauer irgendwie »schon berührt«. Der Lyriker Bauer wagte sich an einen Prosatext heran und überzeugte leider nur das Publikum. Ja, Ja, Poesie lesen ist nicht jedermanns Sache, so Robert Schindels Seitenhieb auf die Jury-Kollegen. Der Jury-Vorsitzende zitiert sogar aus dem Text seines Zöglings, um die »poetischen Verdichtungen« zu zeigen. Birgit Vanderbeke nimmt ihrem Kollegen die Freude, indem sie einwirft, dass man »Prosa nicht ver-lyrisieren« und mit der Lyrisierung der Sprache sparsamer sein sollte.
Beliebtes Instrumentarien der Jury: Brehms Tierleben. Bei Christoph Bauer kam die Idee und bei dem Schweizer Autor Daniel Zahno fand man die geeigneten Beispiele: Hummer und Schneeleoparden. Birgit Vanderbeke, Frankreich-Experten, klärte kulinarisch auf, aber über den Text wurde nicht mal ansatzweise diskutiert. Wie bereits bei Lukas Bärfuss stieß man sich in erster Linie an der Vortragsweise des Autors.
Norbert Zähringer war wohl der »funny loser« des Wettbewerbes. Sein »schöner« (meist genutzte Adjektiv bei seiner Besprechung) Text über eine traumvolle Kindheit in Russland, der an Kollegen wie Marcel Beyer oder Jan Koneffke erinnerte, ließ sich von den einigen Juroren nicht fassen, war irgendwie lustig, aber dann doch zu manierlich. Immerhin: Zähringer schaffte (wie, weiß keiner oder nur einer), was den anderen Autoren nicht gelang: Jury-Vorsitzender Schindel revidierte am nächsten Tag sein Urteil.
Bei Annette Pehnts Romanauszug »Insel Vierunddreissig« waren die Juroren ganz einer Meinung. Eine perfekter Text über das Erwachsenwerden und einer eigenwilligen Vater-Tochter-Beziehung. Die kühl gehaltene und glasklare Sprache verschwendet kein überflüssigen Wort und Pastelltöne wurden nur leise beanstandet. Glasklar und pastellig kann manchmal auch langweilig sein, aber dass war nicht so wichtig, denn der Preis der Jury war vergeben.

Tag 3 – Görenprosa und fliegende Steine

Die sehnlichst erwarteten Auftritte der österreichischen Autorinnen Elfriede Kern und Helga Glantschnig wurden schließlich zu einem grotesken Trauerspiel. Die Texte waren nicht nur schlecht gewählt und unter dem Niveau der Autorinnen, auch die Kritik der Jury glitt in eine bodenlose Farce. Helga Glantschnigs Schlusssatz bestätigt die Einschätzung: »Man sollte öfters in den Wörthersee springen«.
»Vater den Sportteil, Mutter die Sensation, Oma das Lokale. Feuilleton fällt unterm Tisch, ich hinterher.« Die weitaus jüngste Teilnehmerin des Wettbewerbes die einundzwanzigjährige Melanie Arns wagte und amüsierte. Ihr authentische Beschreibung einer »Vater, Mutter, Kind-Triade« (Robert Schindel) gefiel im äußerst lustvollen Umgang mit der Sprache. Zumindest einmal hörte man die Worte »Mut und Talentprobe« aus dem Mund Burkhard Spinnens. Für einen Preis reichte es jedoch nicht, denn Raphael Urweider, der letzte Lesende, schaffte ein »Requiem über Steine« auf hohem sprachlichen Niveau, das ihn zum passenden Preisträger des 3sat-Stipendiums machte.

Morgen: Strukturanalysen des Nichts

Nichts kann ein wunderbarer Zustand sein – Leer und trotzdem voller Bedeutung. Nichts kann sich aber auch unangenehm anfühlen, wenn es über drei Tage in einer Trägheit ohne Logik und Ziel schließlich Kontur finden muß.
Drei Tage wurde in Klagenfurt erinnert, vergangen und gestorben. Zwischen den einzelnen Textbeiträgen der 16 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz war genug Zeit sich nicht nur über die Austauschbarkeit der Texte, sondern auch über die der Juroren so seine Gedanken zu machen.
Eine Annäherung an die 26. Tage der deutschsprachigen Literatur.