Venster 99 © Jannik Eder
Venster 99 © Jannik Eder

Dem Venster 99 könnte das Aus bevorstehen

Das Wiener Subkulturlokal hat massive Probleme mit den Behörden. Auch andere Nachtgastronomie-Betriebe wurden zuletzt vermehrt kontrolliert.

Die Nachricht verbreitete sich auch über die Wiener Subkultur-Blase hinaus wie ein Lauffeuer: Das Venster 99 ist in seiner Existenz bedroht. Das teilte Mitte vorletzter Woche das Kollektiv mit, welches den seit 2006 bestehenden Konzertclub in den Wiener Gürtelbögen betreibt. Via Social Media hieß es, man habe Probleme mit dem Magistrat, bis auf weiteres müssten alle Veranstaltungen abgesagt werden. Abseits des Statements gibt es derzeit nicht viele gesicherte Informationen. Das Venster-Kollektiv bittet auf Nachfrage um Verständnis dafür, dass man derzeit intern die Lage aufarbeitet, mehr Details für die Öffentlichkeit sollen folgen. Man sei jedenfalls in Kontakt mit einer Sachbearbeiterin des zuständigen Bezirksamts, aber könne nicht einschätzen, was alles noch auf das Venster zukomme.

Klar ist ansonsten nur, dass es bereits seit mehreren Wochen Probleme mit den Behörden gibt. Die Behörden, das ist zum einen die Finanzpolizei, die das Venster wohl mehrfach überprüfte. Erst am vergangenen Dienstag präsentierte Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) die Bilanz der Finanzpolizei 2023 und sagte dabei, dass die Zahl der Anzeigen im Bereich Sozialleistungsbetrug sich im Vergleich zu 2022 verdoppelt habe. Die Anstellungsverhältnisse in der Nachtgastronomie sind der Finanzpolizei traditionell ein Dorn im Auge. Möglicherweise steht gegenüber dem Venster der Vorwurf im Raum, es sei ein »verdecktes Gewerbe«. Das Venster sieht sich hingegen nicht als gewinnorientierter Betrieb, sondern als autonomer Freiraum und ist als Verein organisiert. Deshalb gilt an der Bar freie Spende, ebenso beim Einlass zu Konzerten.

Kontrollen in zahlreichen Betrieben

Zum anderen spielt die sogenannte Gruppe Sofortmaßnahmen der Magistratsdirektion eine Rolle. Diese ist unter anderem für die Überprüfungen von Gastgewerbebetrieben und Veranstaltungsstätten hinsichtlich der Sicherheitsauflagen zuständig. Als »Einsatzteam Stadt Wien« wirken dabei unterschiedliche Dienststellen zusammen. Augenzeugenberichte und Social-Media-Postings belegen mindestens einen Konzertabbruch durch Behördenvertreter im Beisein der Polizei-Sondereinheit Wega. 

Statement des Venster-Kollektivs © Venster 99

Offenbar ist aber nicht nur das Venster ins Visier geraten. Die Vienna Club Commission (VCC) berichtet: »Aktuell erreichen uns sehr viele Nachrichten seitens Clubbetreiber*innen und Veranstalter*innen, dass die Finanzpolizei den Betrieb bzw. die Veranstaltung überprüft.« Hinsichtlich des Venster sagt VCC-Geschäftsführerin Martina Brunner: »Wir sind dran, eine Lösung zu finden.« Bestätigt wird die Häufung von Kontrollen etwa vom Geschäftsführer des Rhiz, Peter Rantaša: »Unsere Firma ist in den letzten Monaten und Tagen mit Kontrollen vom Marktamt (MA 59, zuständig u. a. für Lebensmittelsicherheit und Hygiene) und MA 36 (zuständig für Gewerbetechnik, Feuerpolizei und Veranstaltungen, Anm.) konfrontiert gewesen.« Er fügt hinzu: »Bis heute haben wir alle Prüfungen anstandslos bestanden. Fast überflüssig zu sagen, dass der administrative Aufwand zur Führung und Bereitstellung dieser Unterlagen beträchtlich und personalaufwendig und teuer ist.« 

Brand in Grazer Lokal

Martina Brunner sieht als Hintergrund der Kontrollen den Brand in einem Grazer Lokal zu Silvester, bei dem eine Person ums Leben kam: »Natürlich löst ein solcher Fall eine Schwerpunktkontrolle seitens diverser Behörden aus.« Zu den aktuellen Vorgängen befragt, ging die Pressestelle der Magistratsdirektion auf diesen Punkt nicht näher ein. Man habe sich mit dem Venster aufgrund einer Lärmbeschwerde befasst und eine Kontrolle durchgeführt: »Dabei wurde festgestellt, dass das Lokal ohne erforderliche Gewerbeberechtigung und ohne erforderliche Betriebsanlagengenehmigung betrieben wurde.« Hinsichtlich der Frage, wie üblich es ist, dass eine Polizei-Sondereinheit Einsätze wie den im Venster begleitet, verwies man auf die Zuständigkeit der Exekutive. 

Das Venster ist vor allem für Konzerte aus den Bereichen Punk, Hardcore, Noise und Metal bekannt, aber auch für viele andere Stile und Szenen zentrale Anlaufstelle, auch der Salon skug war schon im Venster zu Gast. Im vergangenen Jahr fanden im Venster rund 200 Veranstaltungen statt. Die vorerst letzte war die »Hardcore-Matinee« der Veranstalter Hardcore For The Losers und My Name Is Jonas mit den Bands Magnitude, Seed Of Pain, Dice Throw und Monokay am 4. Februar 2024.

Nachtrag: Statement des Venster-Kollektivs vom 21. Februar 2024 © Venster 99

Link: https://www.venster99.at/

Home / Musik / Artikel

Text
Jannik Eder

Veröffentlichung
19.02.2024

Schlagwörter

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an unseren Verein zur Förderung von Subkultur. Vielen Dank!

Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria

Ähnliche Beiträge

Nach oben scrollen