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Chez Maria

Ein Lehrstück über Xenophobie am Land in Niederösterreich.

Es ist der Vorabend zur EU-Wahl in Österreich. Gegenüber dem Bahnhofsgebäude Payerbach- Reichenau liegt das Buffet Chez Maria. Das Buffet selbst ist ein umgebauter Bahnwagon, davor vier umfangreiche Holztische mit massiven, handbreitdicken Platten, das Ganze wird durch einen mannshohen Bretterverschlag den Blicken eventuell in Payerbach-Reichenau einfallender Bahnreisender entzogen. Der Assoziation mit einer befestigten Wagenburg steht nichts im Wege.

Reglose Luft. Justus, ein offenbar örtlich ansässiger Herr im sogenannten besten Alter belegt lässig einen Barhocker an einem direkt neben der Buffet-Ausgabe aufgepflanzten, ungeschlachten Rundtisch.
Ihm gegenüber: die Lisi, eine junge aber schon früh verblühte junge Dame. Beide versuchen sich gegenseitig mit schwerfällig improvisierten Obszönitäten bei Laune zu halten, was ihnen durch ihren schon merklichen Zungenschlag nicht leichter gemacht wird.
Maria, Namensgeberin und Betreiberin des Buffets, steht über allen hinter der hoch gelegenen Ausgabe und ist bemüht, die Konversation zwar in Gang aber innerhalb gewisser Grenzen des Anstands zu halten.
Nicht-ortsansässige Besucher des Buffets werden nonverbal angewiesen an den etwas entfernteren Massivholztischen Platz zu nehmen und des Weiteren höflich ignoriert.
Unter markerschütterndem Donner fährt ein weiterer gesetzter Herr, der Hansi nämlich, auf einem mächtigen Motorrad auf, stellt es gut sichtbar aber mit gekonnter Nachlässigkeit in die Abendsonne und gesellt sich zum inneren Kreis am Rundtisch. Nach Erhalt eines schwungvoll bestellten Krügerls beginnt er einen wahren Schwall an Anzüglichkeiten auf die Lisi loszulassen, neben dem Justus‘ Bemühungen sofort verblassen. Lisi kichert engagiert, Maria beginnt indes unruhig zu werden und sucht nach anderen Themen, die sich aber nicht recht einstellen wollen. Ûberraschend bald erschöpft sich jedoch der mitgebrachte Elan Hansis in leerlaufenden Allgemein- Sexismen, Lisi kichert nur noch protokollgemäß, ein skizzenhaftes Höflichkeitskichern sozusagen und bald lastet eine drückende Stille über der versammelten Abendgesellschaft.

Maria: Se hom a naichs Freibod baut in Gloggnitz!
Justus, gelangweilt: Na geh, des is jo ah scho wieda fünf Joa oid!
Maria: Oba fesch sois sein, a füa d’Kinda, nehmlih!
Lisi: Jo, mit so riesn Rutschn und echte Fontänen, riesige! Obgebn kaun ma’s angeblih ah, de Kinda!
Hansi: Mia hom ahr a Freibod do in Paiaboch und scho fü länga! Brauchst net extra umefoan auf Gloggnitz!
Lisi: I hob eh ka Auto net.
Justus: Drum hobidi jo wieda ohoin miaßn von Schlüglmüh extra! Bist hoit zdeppad zum Fiaraschein!
Hansi, bedeutungsvoll: Oba Kinda!
Justus: Wos manst’n jetzt?
Hansi: Kan Fiaraschein hot’s, oba dafia zwa Kinda, de Lisi.
Lisi, blickt hilfesuchend zu Justus.
Justus: Drum homma jo a schens Freibod baut do, damit’s net umi foan muas, de Lisi, auf Gloggnitz! Drum hommas jo, s’Freibod! Net Lisi? Brauchst net extra umifoan auf Gloggnitz, net woa, Lisi!
Schweigen. Hansi leert mit einem kräftigen Schluck sein Bier. Justus tut es ihm gleich. Lisi schiebt mit wachsender Geschwindigkeit ihr beinah zur Neige getrunkenes Weinglas über den Tisch und lässt es demonstrativ stehen.
Hansi: Zwa Bia hätt ma gearn ghobt, Mairidl!
Maria betätigt wortlos den Zapfhahn und stellt die übervollen Gläser unsanft auf den Rundtisch.
Maria: I tat obar ah gean amoi umifoan auf Gloggnitz!
Betroffenes Schweigen, Lisi beginnt plötzlich samt Hocker vor und zurück zu schwingen, bis sie unvermittelt ausruft:
I tat ah gean, Maria! Konnst uns net mitnehma in deim Auto vielleicht, des warada Gspaß! Fürdi Kinda, nehmli und mit de vün Rutschn und de Riesnfontänen! Und mir kinnan ahr an Gspaß hom!
Hansi: Volla Auslända!
Justus: Wos manst’n jetzt?
Hansi: Volla Auslända is’s Freibod in Gloggnitz! Is scho wieda olles volla Auslända!
Lisi: Wia wast’n des, waunst no nia duat woast im Freibod?
Hansi, mit erhobener Stimme: Wiar wüst’n du des wissen, ob i nu net vielleicht duat woa in dem hundsmiserablen Freibod! Vielleicht wori scho fufzig moi doat und donn wast das ah net!
Maria, kalmierend: Is eh scho wieda hi, mei Auto, muas eh east de Reparatur zoin.
Hansi: Homs füa d’Auslända baut des Freibod, die Gloggnitza, homs erst Recht wiada nix füa sie söba!
Justus lachend: Do host Recht Hansi, do host das wieda amoi troffn! Trinkt einen ausgiebigen Schluck.
Justus, mit schwerer Zunge: Kaum baut ma wos, baut mas scho wieda füa d’Auslända! Am bestn ma geht goa nimma fuat!
Hansi, kampflustig: I was eh scho wos I wöhn wead moagn!
Justus, frohlockend: Owa sicha, I wass eh ah … scho … wos i ah eahm wöhn wead moagn!
Maria, trinkt einen Schluck von ihrem Weißen: Se woin den Bus einstöhn noch Paiaboch, nochher wiads vielleicht besser mit meim Buffet.
Lisi: Jo, host Recht, vielleicht wiads donn bessa! Trinkt ihr Glas leer.

Home / Kultur / Open Spaces

Text
Bernd Remsing

Veröffentlichung
23.06.2014

Schlagwörter

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