»Der Sturm« © Matthias Horn

Shakespeares »Der Sturm« als Zirkusnummer

Thorleifur Örn Arnarsson verpasst mit seiner Inszenierung von »Der Sturm« am Burgtheater den Anschluss an die Stürme der Gegenwart und scheitert mit einem irrlichternden Effekttheater daran, Shakespeares rätselhafter Melange aus Geschichtsfatalismus, Politikparabel und Rom-Com eine Richtung zu geben.

Das Saallicht leuchtet noch. Während verspätete Premierengäste noch mit ihren Stühlen rücken, beginnt eine zum formalen Zentrum der Inszenierung geratende Drehbühne, und mit ihr Welt und Handlung, langsam sich zu drehen. Die Band von Gabriel Cazes, Arnarssons begabtem Theatermusiker, hat ihre Instrumente zwischen Türmen am Rand dieser sich drehenden, gähnend leeren Manege aufgebaut. Während das Licht nun langsam herunterdimmt, dudelt sie ein schier endloses Medley. Der Luftgeist Ariel (Mavie Hörbiger) spielt unterdessen in der Ferne des tiefen, beinahe unentwegt kreisenden Bühnenraums verträumt mit einer gläsernen Kugel. Zwei der im Rhythmus der Kreisbewegung periodisch am Publikum vorbeiziehenden gewaltigen Bühnentürme sind zudem an ihren Rückseiten verspiegelt. Im aufsteigenden Theaternebel darf sich das Publikum darin selbst bewundern. Die Beständigkeit der Welt sei nur ihr unsichtbares Schwanken, erläutert schließlich an der Bühnenkante Prospero (Maria Happel). Man hofft, der verträumte Reigen findet mit dieser programmatischen These nun langsam seinen Text.

»Der Sturm« © Matthias Horn

Kitsch und Gelächter als Geschichtsparabel?

Dieser wirkt in dem über die gesamte Spielzeit aufgebotenen Spektakel aber allzu oft sentenzenhaft zerbröselt. Angelegt war da einstmals dieses: Auf der Rückkehr von der Hochzeit seiner Tochter in Tunis fährt das Schiff Alonsos, König von Neapel (Michael Maertens, auch Trinculo, Hofnarr des Königs), mit ihm sein Sohn Ferdinand (Nils Strunk) und Antonio, (unrechtmäßiger) Herzog von Mailand (Johannes Zirner) an einer kleinen Insel im Mittelmehr vorbei – just diese nennt Prospero, Sebastians magiebegabter Bruder, den dieser einst vom Fürstenthron gestürzt und auf einem löchrigen Nachen ins Mittelmeer ausgesetzt hatte, nun sein kleines Reich. Dort belauern sich der faustisch zaubernde Ex-Fürst, seine schöne Tochter Miranda (Lili Winderlich) und der bösartige, missgestaltete Caliban (Florian Teichtmeister), Sohn der Hexe Sycorax, zwischen Brennnesseln und Sümpfen. Zusammen mit dem ihm treuen Geist Ariel lässt nun Prospero das Fürstenschiff im Sturm an seiner unwirtlichen Insel stranden. Das Endergebnis: die unversehens exilierten Würdenträger scheitern mit ihren eilends erdachten Ränken, genau wie Prospero und Ariel es planten. Die Rache scheint geglückt. Doch Prospero verzeiht und hofft schließlich nicht durch Zauberkunst, sondern aufgrund von Menschlichkeit und Gnade als Herzog nach Mailand zurückzukehren. Jedenfalls die schöne Miranda bekommt den wohlgestalteten Prinzen Ferdinand wie ersehnt zum Mann.

Das Programmheft beobachtet zur Handlung, die am Ende des Stücks einkehrende Ordnung gleiche in vielem der, »die sich vor Beginn des Stücks als so zerbrechlich erwiesen hatte«, und bemerkt treffend, dass bei Shakespeare »(schlechte) Ordnung und Chaos immer aufeinander bezogen sind.« Beständigkeit als unsichtbares Schwanken, wie Prospero zu Anfang spricht? Neben Shakespeare humanistischem Ende, dem frühkolonialen Kontext des Stücks und dem Bezug zur zeitgenössischer Utopieliteratur (Thomas Morus) wäre dieses Krisenmotiv sicher einer der heute aktuellen Aspekte des Textes. Die jetzt in Wien zu sehende surrealistische Zirkusnummer macht diesen im Programmheft abgedruckten Deutungsschlüssel jedoch an keiner Stelle lesbar. Die Hoffnung auf eine für die wahrgenommenen globale Dauerkrise intellektuell verwertbare Shakespeare-Deutung zerschlägt Thorleifur Örn Arnarssons »Sturm« mit Kitsch und Gelächter.

»Der Sturm« © Matthias Horn

Ein androgyner Prospero als Direktor*in des Inselzirkus

An Shakespeares mutmaßlichem Spätestwerk »The Tempest« (um 1611) zerbrachen sich indes schon viele Interpret*innen den Kopf. Als ambivalent-melancholische Komödie verkörpert »Der Sturm«, dem Titel zum Trotz, inhaltlich nicht so sehr Chaos und trübsinnige Gewalt, als mehr ein Schweben über allen Stürmen. Man meint, im Werk eine irr-fatalistische Heiterkeit zu erkennen über die Wechselfälle, denen die irdischen Glücksritter ausgeliefert sind. Das Stück steht dadurch auch für die post-utopische Weltweisheit des weitgereisten Troubadours. Denn dieser sieht mit Kummer und Vergnügen, dass die erzählenswerten Geschichten der Menschen wohl auf ewig dieselben bleiben werden. Er sieht sie, wie sie hoffnungsvoll an ihren Utopien basteln, nur um sie mit ihrer unvermeidlichen Eitelkeit gleich wieder zu verpatzen. Im Prospero mag man daher sogar den dramatischen Alchemisten Shakespeare selbst erkennen, der das Destillat des Erzählens in seinen Reagenzgläsern sammelte, Literatur als »Weltweisheit« erschrieb – und so wie Bücherwurm Prospero zum magischen und doch ohnmächtigen Schicksalsweber wird.

Schlüssig ist deshalb durchaus Arnarssons Entscheidung, Prospero und Ariel als androgyne Spielleiter*innen, personifiziertes Fatum, Direktor*innen des Inselzirkus zu gestalten, statt in Prospero die faustische Menschheits- und Männlichkeitspersonifikation zu sehen. Maria Happel gibt wunderbar diesen leisen, zweifelnd-fatalistischen Prospero, »zugleich Herzog und Herzogin von Mailand«, der*die sich der moralischen Qualität seiner*ihrer Rache offenbar nicht allzu sicher ist. Happels intimes, filmisches Sprechen, oft am äußersten Bühnenrand, scheitert bei der Premiere allerdings gelegentlich an der mangelhaften akustischen Abstimmung. Die Möglichkeiten des großen Theaters setzt Arnarsson mit seinem Team in teils wundervolle Bilder um, wenn etwa blaue Plastikschnipsel als Regenvorhang auf Folienboden prasseln, unter welchen der jammernde und schäumende Caliban während seines Monologs versinkt. Requisiten, Bühne (Elín Hansdóttir mit Elementen von Wolfang Menardi und Oskar Kokoschka), Kostüm (Karen Briem) und die Darsteller*innen überzeugen.

»Der Sturm« © Matthias Horn

Unfassliche Nummernrevue ohne echte Höhepunkte

Im Gesamtbild bleibt leider vieles unverständlich. Die der Musik gewährte Wichtigkeit, ihre schiere Zeit, sind inhaltlich unmotiviert. Als Brecht/Weill’scher subversiver Rahmen gehen die oft zu langen Liedpassagen nicht auf. Nun kann es schon einmal einen Sinn haben, zu Shakespeare, dem alten Troubadour, eine Schlagernummer anzustimmen. »Fly me to the moon« trällern etwa die auf Prosperos Sumpfinsel verschlagenen, als verkrachtes Siegfried-und-Roy-Pärchen auftretenden Hofluftikusse Stephano und Trinculo, (großartig: Roland Koch und Michael Maertens) – aber warum gleich ein Pop-Best-of von den Stones bis Abba in ein Sprechstück packen? Gabriel Cazes’ Zirkusorchester übertönt zudem gelegentlich auch die Bühnendialoge. Ob Absicht oder nicht, steht der Effekt für die Schwäche dieser Inszenierung. Man versucht, alle Register zu ziehen, am besten gleichzeitig, was nicht nur hier, sondern vermutlich in den allermeisten Fällen in ein ästhetisches Niemandsland führen muss.

Zu echten Höhepunkten kommt das Stück so nicht, Prospero und Ariel stehen als Impresarios ihrer Insel-Geschichte meist buchstäblich am Rand, die Pointen bleiben lokal und ohne bleibende Wirkung. Der Zerfall der Ordnung erscheint allzu wörtlich umgesetzt. Zwischen Brecht/Weill’scher Hafenkneipenoperette und Überwältigungsspektakel, zwischen subversivem Spiel im Spiel und Lachkomik findet diese Inszenierung so keinen ästhetischen Weg, dem man folgen könnte. Hingerissen von einzelnen Effekten vergisst man während beinahe zweieinhalb Stunden zwar gelegentlich die aufkeimende Langeweile. Statt einer herausfordernden, dekonstruktiven Montage, für die man diesen »Sturm« zu seinem Vorteil vielleicht zunächst halten möchte, bleibt am Ende eine unfassliche Nummernrevue, in der Prospero – umso konsequenter – zum Conférencier seines kleinen Inselzirkus verkommen muss. Er wird zur interessanten Nebensache, wie leider auch alles andere in dieser Inszenierung.

Link: https://www.burgtheater.at/veranstaltungen/der-sturm/2022-03-15