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Ingeborg-Bachmann-Preis – 25 Jahre und kein Ende

Beim zweiten Anlauf hat’s geklappt. Michael Lentz gewann bei seiner zweiten Teilnahme- nicht unerwartet – mit seinemText »Muttersterben« den diesjährigen Bachmann-Preis. Ein unspektakuläres Jubiläum, bei dem nicht nur die Autoren, sondern auch die Juroren zum Thema der Diskussion wurden. skug war in Klagenfurt dabei.

Zum 25. Mal jährte sich also heuer das Wettlesen am Wörthersee. Sechzehn Autoren stellten sich der Kritik von sieben Juroren. Jury-Vorsitz hatte wie bereits die letzten beiden Jahre Robert Schindel. Neu waren dieses Jahr der erfrischende Schweizer Juror Thomas Widmer sowie Birgit Vanderbeke, die bereits selbst Teilnehmerin war und damals mit ihrem »Muschelessen« den Bachmann-Preis gewann. Wieder zurückgekehrt ist Konstanze Fliedl, für die ein Grund »die Änderung der Regeln« war. Unterstützt wurde sie von den LiteraturwissenschaftlerInnen Elisabeth Bronfen, Denis Scheck und Burkhard Spinnen.

Der einzige österreichische Teilnehmer, Ludwig Laher, ging mit seinem sehr barocken und teilweise selbstverliebten Text als erster ins Rennen und entkam der Kritik, die schier ratlos war. Eine der FavoritInnen, Antje Ravic Strubel, trug einen Ausschnitt aus ihrem im Herbst bei dtv erscheinenden Roman vor, in dem sie die ehemalige DDR zwischen »jugendlicher Euphorie und politischem Verfall« (Spinnen) beschrieb und dafür prompt den Ernst-Willner-Preis erhielt. Beim Unglücksraben des Wettbewerbes Norbert Müller (wurde für zwei Preise nominiert und verlor jedes Mal die Stichwahl) spalteten sich dann bei »Hühnersuppe« erstmals richtig die Geister der Jury. Man empfand seinen Romanauszug als »Hochschaubahnfahrt« (Widmer) eines Hysterikers, der an Donald Duck erinnerte. Am Nachmittag des ersten Tages gab es ein scharfes Kontrastprogramm: Den gefühllosen, entleerten Text von Ute-Christine Krupp »in dem das einzig lebendige Bakterienkulturen sind« (Vanderbeke), und den theatralischen Vortrag Brigitte Schärs über das Sterben und die Wiedergeburt von literarischen Figuren.

»Muttersterben« versus »Sex kills«
Der Gewinner des Bachmann-Preises stand nach dem zweiten Vormittag inoffiziell fest: Michael Lentz überzeugte mit seinem Text »Muttersterben«. Ein Autor, »der gegen das ständige Weinen anschreibt« und »die Verzweiflung anspricht«, um so den »Verwesungsgeruch der Sprache« zu bekämpfen. Verdient erhielt er den Hauptpreis.
Den Rest des Vormittags bestritten Annegret Held mit einem »ironischen Text, in dem man die Ironie nicht findet« (Bronfen), und Tanja Langer mit einer »Mutterschaftsprosa, die versucht intellektuell aufgeladen zu sein« sowie Robert Fischer, der mit dem seinem Vortrag »Sex kills« den Versuch eines pornographischen Textes unternahm und dabei die Sprache mordete. Am Nachmittag gab Jenny Erpenbecks begeisternder Text den Kritikern wieder Hoffnung. Die Autorin spiegelte anhand des familiären Mikrokosmos eine Epoche wider und erntete damit den Preis der Jury. Der Samstag Vormittag brachte dann keine Überraschungen mehr. Katrin Askan, die diesjährige 3-sat-Stipendiatin, überzeugte in ihrer Geschichte über ein ost-westdeutsches Paar durch die »Ökonomie des Umgangs mit den Mitteln« (Spinnen). Arthur Becker präsentierte danach mit viel Risiko einen »post kommunistischen Schelmenroman« (Fliedl) und scheiterte. Philipp Tinglers Text fand Birgit Vanderbeke schier »überflüssig« – einzig und allein das Publikum fand den »kommentierten Quelle-Katalog« (Scheck) streckenweise unterhaltsam. Leise und unauffällig der letzte Kandidat: Rainer Merkel, der seine Initiation in die Arbeitswelt zwar schön erzählte, aber leer ausging – doch Merkel hat ja bereits gewonnen, bringt er doch im Herbst bei Fischer seinen ersten Roman heraus.

Karrierebeschleuniger im Kreuzfeuer
25 Jahre und kein Ende. Auch wenn der Bachmann-Preis schon fast für tot erklärt wurde, war er auch heuer wieder eine äußerst lebendige Veranstaltung. Die »Tage der deutschsprachigen Literatur«, wie der Preis seit dem Erlass von Ingeborg Bachmanns Erben heißt, erfüllen ihren Zweck als Karrierebeschleuniger weiterhin. Bei der geringen Anzahl an Autoren würde man sich wohl eine etwas sorgfältigere Auswahl wünschen. Dann würden den Juroren und auch dem Publikum die Enttäuschung über die Mittelmäßigkeit erspart bleiben. Die Zeiten der blutigen Schlachten sind trotzdem längst vorbei und ein höfliches »Offenlegen der Kriterien« wird zelebriert, was auch die Juroren ins Kreuzfeuer der Kritik rückte. Zu wenige Literaturkritiker seien in der Jury, wurde bekrittelt. Ob dieses Kriterium den Diskussionen mehr Schärfe verliehen hätte, sei dahingestellt. Außerhalb der Arena herrschte jedoch auch heuer wieder ein reger Austausch, wohl einer der Gründe, warum sich der bestdotierteste Literaturpreis Österreichs nicht so schnell leer laufen wird.