Aggregatzustände von Literatur

Wechselhaft war nicht nur das Wetter am Wörthersee, sondern auch die Stimmung auf der Bühne im Klagenfurter Landestheater. Es gewitterte einige Male, aber was in Erinnerung bleibt ist doch immer der Sonnenschein.

»Niemand weiß, was los ist, und wir sehen immer nur das, was wir sehen wollen, da sind sie doch mit mir einverstanden, oder?« Dieser Satz stammt aus dem Text der Schweizerin Christine Rinderknecht, die mit ihrer geschwätzigen Ich-Erzählerin zwar leer ausging, aber mit dieser Ungenauigkeit genau ins Schwarze der Diskussion der diesjährigen 27. Tage der deutschsprachigen Literatur trifft. Nur mit wenigen Texten wollte sich die Jury auseinandersetzen, was nicht allein an der Textauswahl lag. Einen poetischen Auftakt inszenierte der diesjährige 3sat-Preisträger Farhad Showghi, der mit seinem Text in eine seelenvolle, poetische Erinnerungswelt führte, und die Langsamkeit seiner lyrischen Prosa auch in seinem Vortrag verdeutlichte. Optimistisch stimmte die Diskussion der neu zusammengesetzten – überwiegend weiblichen Jury – unter dem Vorsitz von Iris Radisch. Inspiriert von der Sinnlichkeit wurde Showghis Text auf hohem Niveau verhandelt und die Lust an Eroberung von Texten war spürbar. Mit dem vorsichtigen Herantasten an die anderen Jurymitglieder beschäftigt, verlor sich jedoch bald auch angesichts der Texte, die Lust an diesen zu bleiben. Man erklärte sich gegenseitig Begriffe, nahm übermäßig viele Filmanleihen, erfreute sich an dargebotenen Zitaten aus der Weltliteratur und konnte dabei oft Ratlosigkeit nicht von Müdigkeit unterscheiden. Erst Feridun Zaimoglu gelang es am zweiten Lesetag mit seiner motivreichen, prallen Geschichte, der Rückkehr des Erzählers in die arabische Welt, die Jury zu reanimieren: »… ich beschränke mich darauf die Neugier der Menschen zu dämpfen und sie ins Leben zurückzuholen.« – das hat er eingelöst und diese Leistung wurde mit dem Preis der Jury belohnt. Erst die vorletzte Lesung brachte die Bachmann-Preisträgerin: Inka Parei, die nach ihrem erfolgreichen Debüt »Die Schattenboxerin« lange über das Schreiben nachgedacht hat, befriedigt mit ihrem Text endlich die Wünsche des größten Teils der Jury durch seine »literarische Notwendigkeit«, so Ursula März. Das langsame Sterben eines alten Mannes überzeugte durch seine »Diskretion und innere Spannung« – auch das Publikum verlieh diesem Text seinen Preis. Ulla Lenze, die Olga Flor, die einzige österreichische Teilnehmerin, in der Stichwahl zum Ernst-Willner-Preis schlug, gewann die Jury mit ihrer in Indien angesiedelten Bruder-und-Schwester-Geschichte, auch wenn Thomas Steinfeld »die Vision« fehlte, gab es sonst gegen die Geschichte keine Einwände. Ja, Neues gab es tatsächlich wenig: aufgelöste Liebesbeziehungen, heimkehrende Söhne und Töchter, komplizierte Geschwisterbeziehungen, Schuld und Sühne, Zeitgeistiges. Die Auswahl klingt vielfältig, doch die AutorInnen wagen bis auf einige Ausnahmen weder sprachliche noch inhaltliche Randgänge und die, die es ihnen vorwarfen, bezogen oft keine Position dazu. Behaupten konnten sich wenige Texte und nur einige JurorInnen, unter ihnen Daniela Strigl, Norbert Miller und der selbstgenügsame Entertainer Burkhard Spinnen. Es ist offensichtlich schwer zu erklären, was man von Literatur erwartet, vor allem dann, wenn man glaubt, dass man es weiß.
»…solange sie mir nicht die Literatur des 21. Jahrhunderts zeigen, bleibe ich im 19. Jahrhundert unter Umgehung der Fehler der Literatur des 20. Jahrhunderts. « (Burkhard Spinnen zu Thomas Steinfeld). Ja, dann vergessen wir ganz schnell und freuen uns wieder auf das nächste Jahr.
Mehr Information: www.bachmannpreis.at