Anna Calvi © Maisie Cousins

Adios, heteronormative Matrix

Anna Calvi lädt die Gitarre durch und bläst zur Jagd aufs Patriarchat. Am 15. November 2018 kommt sie mit ihrem aktuellen Album »Hunter« nach Wien.

Perfume Genius, Anohni, Janelle Monáe … Die Liste der Künstler*innen, die jüngst mit großem Echo den Pop-Mainstream »gequeert« haben, ließe sich fortsetzen. Anna Calvi allerdings wurde bis zum September dieses Jahres selten zu dieser Riege gezählt, ihre Musik kaum als emphatischer Ausdruck queerer Lebensart wahrgenommen. Ihr elegischer, virtuoser Art-Rock ward zwar weithin hochgelobt und Calvi alsbald im gleichen Atemzug wie Patti Smith oder PJ Harvey genannt, doch die Frage nach der Auseinandersetzung mit sexueller Identität war bei der Betrachtung ihres Werks mitnichten zentral. Mit »Hunter« hat die britisch-italienische Musikerin jedoch ein Album vorgelegt, das sie ausdrücklich als ihr persönliches queeres Manifest verstanden wissen will. Als ein zweites Coming-out sozusagen: nach dem privaten, nun, viele Jahre später, auch im künstlerischen Bereich.

Femininer Rockismus
Calvi ist Jahrgang 1980 und wuchs in Twickenham, einem Vorort Londons auf; die Eltern sind Psychiaterin und Psychiater, ansonsten vor allem Freigeister mit viel Sympathie für Nudismus und LSD-Konsum. Bereits ihr achtjähriges Ich, so Calvi, sei eine »Mini-Feministin« gewesen, die oft davon gefrustet war, ausschließlich als Mädchen kategorisiert zu werden und damit von vermeintlichen Jungs-Aktivitäten – Fußball spielen, mit Schwertern kämpfen – ausgeschlossen zu werden. Mit sechs Jahren begann Calvi, Geige zu spielen, zwei Jahre später folgte die Gitarre – nach wie vor ihr bevorzugtes Arbeitsgerät. Mit ihrer Fender Telecaster wirkt Calvi förmlich verwachsen. Bei Konzerten zelebriert sie ihre Soli, indem sie auf Knien über die Bühne rutscht und mit großen Rührbewegungen energisch die Saiten bearbeitet. Eine Geste, die sich Calvi gewissermaßen angeeignet hat, nachdem diese jahrzehntelang nur den ach so wilden Dudes des Genres »vorbehalten« und irgendwann berechtigterweise als peinlicher Macho-Rockismus verschrien war.

Noch bevor Calvi einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, stieß sie auf reges Interesse bei Popgrößen wie Nick Cave oder Brian Eno. Cave engagierte sie als Support für seine Grinderman-Tournee, Eno fungierte im Anfangsstadium ihrer Karriere als eine Art Mentor und war auch am Debütalbum (»Anna Calvi«, 2011) zu hören. 2013 folgte mit »One Breath« das zweite Album. Fünf Jahre hat sich Calvi dann bis zur dritten LP Zeit genommen. Musikalisch ist »Hunter« dabei zunächst kein großer Wendepunkt. Vom lasziven Hauchen zum voluminösen Operngesang, vom hochmelodiösen Kammerstück zu krachigen Noise-Verzerrungen, von der im Popgewand daherkommenden Morricone-Interpretation zum unverhüllten Stadionrock – die stilistische Palette Calvis ist sehr abwechslungsreich. Gut, etwas poppiger ist »Hunter« vielleicht geworden, Calvi setzt insgesamt weniger auf atmosphärischen Pomp.

Identität und Körperlichkeit
Der große Sprung wird schließlich auf inhaltlicher Ebene vollzogen. Calvi gewährte in ihren Liedern einst kaum intime Einblicke in ihr Inneres, Geschlechterrollen und Queerness wurden in früheren Texten höchstens subtil verhandelt. »Hunter« dagegen ist ein Befreiungsakt, in dem Calvi rasch auf den Punkt kommt, beispielsweise mit der Single »Don’t Beat the Girl out of my Boy«. Die Fragen von Identität und Körperlichkeit, die Ablehnung der heteronormativen Matrix, sie umrahmen so ziemlich jede Nummer auf »Hunter«. Ebenso gibt Calvi eine Begleitlektüre für das Album an die Hand, in der es unter anderem heißt: »I want to go beyond gender. I don’t want to have to choose between the male and female in me. (…) I believe that gender is a spectrum. I believe that if we were allowed to be somewhere in the middle, not pushed to the extremes of performed masculinity and femininity, we would all be more free.«

Insgesamt mag das Album für manche eine allzu expressive Nabelschau sein, bei der die Politik der ersten Person etwas viel Raum einnimmt. Für Calvi persönlich ist die Verbreitung ihrer Message aber sehr dringlich. Das Gefühl ihrer Befreiung schlägt sich auch in den Songs der Platte wieder. Versiert wie eh und je und zusätzlich mit der Erfahrung einer Neuentdeckung ihrer selbst liefert Calvi mit »Hunter« ihr bisher spannendstes Album ab. Live kann man sich davon am 15. November 2018 in der Wiener Simm City überzeugen.

Anna Calvi: »Hunter« (Domino Records)

Link: http://annacalvi.com/