Filmstill »Forever…Forever« © Viennale
Filmstill »Forever…Forever« © Viennale

Viennale 2026 im Rückblick

Von 22. Oktober bis 3. November 2026 war Wien beim Viennale Filmfestival wieder Versammlungsort für begeisterte Cineast*innen. Wir haben einen Teil der 261 Filme gesehen und eine kleine Auswahl für euch zusammengestellt.

Dreizehn Tage lang wurden bei der Viennale 2026 die Highlights des laufenden Kinojahrs in den Wiener Programmkinos präsentiert, nicht wenige davon von den Filmemacher*innen persönlich. Der eine oder andere dieser Filme wird in den kommenden Monaten auch regulär in unseren Kinos zu sehen sein. Deshalb an dieser Stelle der traditionelle Rück- und Ausblick mit unseren Empfehlungen.

»Die andere Seite« (Mariko Minoguchi, AT/DE 2026)

In Mariko Minoguchis »Die andere Seite« spielt Nina Hoss die Ärztin Hanna, die mit einem hochansteckenden, tödlichen Virus infiziert ist, der es ihr nicht erlaubt, anderen Menschen oder Tieren nahezukommen oder sie zu berühren. Das zwingt sie, abgeschieden und auf sich gestellt in einer Hütte im Wald zu leben, denn Kranke werden verfolgt und in Lagern unter Quarantäne gestellt. Auf dem Weg nach Süden – dort soll der Krankheitsverlauf leichter und das Leben in Freiheit möglich sein – wird sie mit der Angst und Verachtung ihrer gesunden Mitmenschen ebenso konfrontiert wie mit loyaler Freundschaft und selbstloser Solidarität. Als sie sich mit der schwangeren Lila (Precious Mariam Sansui) zusammentut, um die Grenze zu überqueren, spitzt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens ohne menschliches Miteinander zu. Minoguchi inszeniert ihren Film als beklemmenden Survivaltrip zwischen Pandemieaufarbeitung und Fluchterfahrung. Die Dramaturgie liegt dabei in großen Teilen auf den Schultern ihrer großartigen Hauptdarstellerin, in deren Körpersprache und Mimik sich die inneren und äußeren Konflikte der Protagonistin ausdrucksstark widerspiegeln.

»Földszint« / »Ground Floor« (Gábor Reisz, HU/IT 2026)

Krisóf (Ádám Tompa) wohnt im Erdgeschoß – ungarisch: »Földszint« – eines Wohnhauses und entdeckt eines Tages Schimmel in der Wand. Auf der Suche nach der Ursache stößt er auf halbherzig kaschierte Schäden im ganzen Haus, die von den Bewohner*innen teils ignoriert, teils negiert und teils vertuscht werden. Schuld an der Misere ist der Hausverwalter Balázs (Crespo Rodrigo), der sich im obersten Stock auf Kosten der Allgemeinheit eine Luxuswohnung eingerichtet hat – Swimmingpool inklusive. Die Tragikomödie des ungarischen Regisseurs Gábor Reisz entpuppt sich als Allegorie auf einen Staat, in dem sich die Oberschicht völlig ungeniert bereichert, während die Probleme der breiten Masse unter den Teppich gekehrt werden. Das Gesellschaftssystem ist geprägt von schamloser Korruption und Vetternwirtschaft einerseits sowie politischer Ignoranz und Lethargie andererseits. Krisóf kämpft gegen dieses System an – für das Allgemeinwohl, für seine Familie und die Zukunft seines ungeborenen Kindes. Dass sich dieser Kampf lohnen kann, zeigt sich gerade in Echtzeit am Beispiel des ungarischen Regimewechsels – und hoffentlich nicht nur dort.

»Minotaur« (Andrey Zvyagintsev, DE/FR/LV 2026)

Kurzer Ausflug in die griechische Mythologie: Alle neun Jahre schickt Athen sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen nach Kreta, um sie dem stierköpfigen Ungeheuer Minotaurus zu opfern. Soweit zum Titel von Andrey Zvyagintsevs Film »Minotaur«, in dem der russische Unternehmer Gleb (Dmitriy Mazurov) gezwungen ist, 14 Mitarbeiter auszuwählen, die in den Militärdienst eingezogen und im gerade begonnenen Ukrainekrieg an die Front geschickt werden sollen. Neben dieser monströsen Aufgabe entdeckt Gleb aber auch das Monster in sich, als auffliegt, dass seine Ehefrau Galina (Iris Lebedeva) eine Affäre hat. Wie kalt und berechnend er über Leben und Tod entscheidet, steht in Kontrast zu seiner Rolle als liebevoller Ehemann und fürsorglicher Vater und trägt zur düsteren Atmosphäre des Films ebenso bei wie die beiläufig in Szene gesetzte russische Kriegsmaschinerie, die distanzierte Kameraführung und der bedrohliche Score.

»The Debut« (Jesse Eisenberg, US 2026)

Szenenapplaus im Gartenbaukino hatten wir glaub’ ich auch noch nicht … Für Julianne Moores Durchbruchsmonolog in Jesse Eisenbergs »The Debut« ist er aber wohlverdient. Moore spielt hier die Hausfrau Mona Friedman, die ihrem trostlosen Leben zu entfliehen versucht, indem sie sich um eine Nebenrolle in einem Theaterstück bewirbt, die sie mit etwas Glück (und etwas Manipulation) auch bekommt. Bühnendirektor Jerry (Paul Giamatti) kitzelt aus der kleinlauten Chorsängerin mittels unorthodoxem Method Acting nicht nur besagten Monolog heraus, sondern setzt eine Persönlichkeitsveränderung in Gang, ohne zu ahnen, welche Geister er gerufen hat. Denn Mona nimmt ihre Rolle ernst, vielleicht ein bisschen zu ernst, vielleicht aber auch gerade ernst genug, um ihr gesamtes trauriges Leben auf den Kopf zu stellen und ihm einen neuen Sinn zu geben. Das Feelgood-Movie der diesjährigen Viennale glänzt also nicht nur mit starken Monologen, sondern auch einer herzerwärmenden Story, skurrilem Humor und einem Cameo des Regisseurs inklusive selbstgeschriebenen Musical-Stücken.

»Forever…Forever« (Johann Lurf, AT/FR 2026)

Sieben Jahre hat die Arbeit an seinem Kurzfilm gedauert, resümiert Johann Lurf, Regisseur von »Forever…Forever«, und meint damit die Zeit von der Idee hinter dem Film bis zu dessen Erstausstrahlung als Eröffnungsfilm der Viennale 2026. Mit einer selbstgebauten Lochbildkamera und der Unterstützung von Freunden, der Familie und unzähligen Helfer*innen hat er 22 Monate lang den Blick auf den sich im Wasser spiegelnden Horizont des Stausees Ottenstein gerichtet, Tag und Nacht, Regen und Sonnenschein, alle vier Jahreszeiten festgehalten und in einem rhythmisch beschleunigenden Zyklus, untermalt mit den Soundstrukturen von Jung an Tagen, zu einem audiovisuellen Kinoereignis geformt, das Raum und Zeit verschwimmen lässt und in einer fulminanten Tag-und-Nacht-Gleiche endet: ein ganzes Jahr, dank Langzeitbelichtung in knapp 60 Sekunden gepresst. 21 Minuten Ewigkeit. Ein Bild, das nachklingt, nachdem die Lichter ausgehen.

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