© Myrthe Mosterman
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Wann ist ein Ja ein Ja?

Muriel d’Ansembourgs Film »Truly Naked« ist nicht nur eine kinky Coming-of-age-Geschichte, sondern eine Verhandlung über die Bedeutung von Konsens.

Am 12. Juni lud das Filmcasino zur Österreichpremiere von »Truly Naked«, dem Spielfilmdebüt der niederländischen Regisseurin Muriel d’Ansembourg. Anschließend diskutierten Sexualberaterin Theresa Lachner (»Obacht beim Choken!«) sowie Medienwissenschaftler und »Sexperte« Patrick Catuz unter Moderation von Tina Amerstorfer mit dem Publikum. Amnesty International unterstützte die Veranstaltung im Rahmen der Kampagne »Nur Ja heißt Ja«.

Pornografie vs. Sexualität

Die Handlung des Films in aller Kürze: Alec (Caolán O’Gorman) wächst als Sohn eines Pornodarstellers auf. Schon als Kind kommt er mit Pornografie in Berührung, als Jugendlicher steht er selbst hinter der Kamera und hilft mit, den Content zu produzieren, der die Rechnungen bezahlt. Als er seiner Mitschülerin Nina (Safiya Benaddi) näherkommt, prallen zwei Vorstellungen von Sexualität aufeinander: jene, die er aus dem pornografischen Produktionsalltag kennt, und jene, die sich im echten Leben abspielt und nicht nach Klickzahlen richtet. Diese Kollision führt zu Verletzungen – bei ihm selbst ebenso wie in seinem Umfeld.

Die Rollen in d’Ansembourgs Film sind teilweise schon klischeehaft schwarz-weiß gezeichnet und die Fronten verlaufen oft so sauber wie in einem Lehrstück: Hier das Patriarchat, verkörpert durch Alecs Vater Dylan (Andrew Howard), der Sex zum Business macht – und dort der Feminismus, personifiziert durch Ninas Mutter Julie (Lyndsey Marshal), die ohne männliche Hilfe ihr Haus renoviert. Dazwischen steht Alec, zerrieben zwischen zwei Weltbildern, bis er lernt, nicht nur die Grenzen anderer zu respektieren, sondern auch seine eigenen zu ziehen.

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Was bedeutet Konsens?

Interessant wird »Truly Naked« dort, wo der Film Konsens weniger erklärt als auf seine Widersprüche abklopft: Eine junge Mutter stimmt aus finanziellen Gründen einem Pornodreh zu und unterschreibt den Vertrag, ohne ihn zu lesen. Eine Pornodarstellerin lässt Sexszenen mit einem (Silikon-)Oktopus weinend über sich ergehen, obwohl sie diesen vorher zugestimmt hat. Beide widerrufen ihre Zustimmung, nachdem ihre persönlichen Grenzen überschritten werden. 

Alecs Vater hat dafür kein Verständnis. Dylan versteht Konsens als Transaktion, als Lizenz zum Handeln nach eigenem Ermessen, als sexuellen Freifahrtschein. Was seine Drehpartnerinnen darüber hinaus denken, fühlen oder brauchen, zählt für ihn nicht. Er steht stellvertretend für ein in der Pornoindustrie verbreitetes patriarchales System, das Frauen »Birds« nennt und Sex »Action« und in dem die Erniedrigung der Protagonistinnen oft nicht nur vor der Kamera stattfindet.

Konsens ist ein Prozess

Aber Konsens ist kein One-Time-Event, sondern ein fortlaufender Prozess. Er kann sich jederzeit verändern, verschieben oder eben zurückgezogen werden. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, die beim Publikumsgespräch für mehr Diskussion sorgte als alles andere. Alec respektiert zunächst die von Nina formulierte Grenze, nicht »all the way« gehen zu wollen, überschreitet sie aber wenig später, indem er etwas macht, zu dem sie keine Zustimmung gegeben hat.

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Der Film deutet diese Grenzüberschreitung als Folge von Alecs pornografischer Sozialisation – das ist nachvollziehbar, aber auch bequem. Natürlich ist seine Sexualität durch die männlich codierte Ästhetik des Hardcore-Pornos geprägt. Natürlich fehlen ihm weibliche Rollenbilder, die Mutter ist früh verstorben, die Frauen in seinem Umfeld sind oft nur oberflächlich emanzipiert. Und natürlich ist auch Alec trotz seines übersexualisierten Alltags selbst sexuell unerfahren.

Ja einholen statt Nein sagen

Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack. Es ist schwer zu glauben, dass ein junger Mann im Jahr 2026 noch nie etwas von Konsens gehört hat. Daher wirkt »Truly Naked« auch stellenweise aus der Zeit gefallen. Gäbe es nicht die eine oder andere technologische Referenz, könnte die Handlung des Films genauso gut in den Neunziger- oder Nullerjahren verortet sein, als der Postfeminismus uns »Pussypower« als große weibliche Errungenschaft zu verkaufen versuchte.

Dabei liegt die entscheidende Frage gar nicht darin, ob Nina ihr Nein deutlich genug formuliert hat. Die Frage lautet, warum die Verantwortung noch immer bei ihr liegt. Warum muss sie erklären, verteidigen und nachschärfen, während Alec voraussetzt, verhandelt und verschiebt? An diesem Punkt schließt sich der Kreis zur Amnesty-Kampagne, die den Film begleitet. Die Formel mag simpel wirken, gerade weil sie es ist: Nur Ja heißt Ja. Im Porno wie außerhalb davon.

Link: https://www.polyfilm.at/film/truly-naked/ 

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