© Universal Pictures
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Scheitern am Mythos

Regisseur Christopher Nolan ist bekannt für seine opulenten Irrfahrten. Von der Wucht des Originals bleibt bei »The Odyssey« nichts übrig. Bemerkenswert ist der Historienschinken trotzdem – wegen seines Drumherums.

Zunächst die altbekannte Weisheit über die Geschichtsschreibung an sich: Historische Werke sagen weniger über die Zeit aus, die sie behandeln, als über die Zeit, in der sie geschrieben wurden. Das macht sie so faszinierend. Im 18. und 19. Jahrhundert fürchteten sich zuerst der Engländer Edward Gibbon und später der Deutsche Theodor Mommsen vor dem Untergang der jeweiligen Reiche, in denen sie lebten und denen sie politisch fleißig die Daumen drückten. Sinnigerweise schrieben beide über den Untergang des römischen Reichs, zum großen Hallo des zeitgenössischen Publikums, das sich ebenfalls dem British Empire bzw. dem Deutschen Reiche verbunden fühlte. Über die Römer wussten die beiden Großschriftsteller nach damaliger Aktenlage eher wenig und dachten sich vieles kurzerhand aus. So machen das eben die gefeierten und erfolgreichen Historienschriftsteller.

Ein Historienschinken ist ganz schön schwer

Filmemacher Christopher Nolan gehört mit zu diesem Team. Er manscht sich Geschichte zurecht, damit sie massentauglich wird, und ist keineswegs scheu, dies zu bekunden. Er selbst hielt seine »Odyssey« für eine ebensolche, weil die Regiearbeit ungewöhnlich schwer war. Es geht hier um 45-minütige Fußwege zur italienischen Burgruine Castello di Santa Caterina, die Odysseus’ Ithaka darstellen soll. Hierbei stand der Starregisseur vor nicht unähnlichen Problemen, wie ihnen wohl auch ein Heerführer wie Odysseus gegenübergestanden sein muss. Denn Hollywood ist Hollywood: Jederzeit bereit zur Meuterei. Wenn die hochbezahlten Darsteller*innen merken, die Show wird nichts, dann versuchen sie, schnellstmöglich aus der Nummer rauszukommen. Deshalb musste Nolan, nach eigener Aussage, stets Antworten auf Fragen parat haben, auf die er keine wusste. Ziemlich Odysseus-mäßig wurde er so zum Betrüger der Getreuen wider Willen. Denen musste er nämlich einfach sagen, was sie vermeintlich hören wollten. Ein High-Risk-Game. Wenn die Mitreisenden aber Vertrauen in die Regie- respektive Navigationskunst ihres Führers haben, dann gehen sie auch jeden Tag eineinhalb Stunden zu Fuß durch die brennende Sonne Siziliens zur Arbeit. (Wir dürfen uns an dieser Stelle vorstellen, dass es für die weniger gut bezahlten Bühnen-, Masken- und Kostümbildner*innen und Licht-, Ton- und Kameratechniker*innen mindestens ebenso anstrengend war).

Aber das war gar nicht Christopher Nolans Hauptsorge. Er weiß, dass er keine Kunstfilme macht, bei denen es nachher heißen darf, das Publikum habe sie nicht verstanden, und die von Nerds jahrzehntelang beklatscht werden. Nolan ist cineastischer Großunternehmer. Der Streifen hat 250 Millionen Dollar gekostet und muss die auch wieder einspielen. Im Grunde muss ihn jeder Mensch auf Erden, der ein Kino erreichen kann, anschauen, um die Kosten einzuspielen. Deshalb muss der Film auf Massentauglichkeit gebürstet werden. Genau deswegen hatte Nolan schlaflose Nächte, weil er erneut ein enormes Risiko einging. Dass Hollywood in den letzten Jahrzehnten unzählige antike Stoffe durchgekaut hat, wie beispielsweise die »Gladiator«-Filme und auch Wolfgang Petersens »Troja« (das übrigens zuerst Nolan machen sollte), kann doch nicht komplett vergessen sein. Das lief alles ganz gut. Schlimmer noch, die Marvel- und DC-Universen, von »Dune« oder »Star Wars« ganz zu schweigen, bedienen sich der Mythologie-Mühle und erzählen die immer gleiche Story vom Ende des Universums mit immer größerem Aufwand erneut. Also soooo groß, wie der Meister tut, wird das Risiko nicht gewesen sein. 

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Warum ist die »Odyssee« so faszinierend?

Das unauslöschlich Bemerkenswerte an der originalen »Odyssee« ist ihre Entstehung. Ihr Autor Homer schrieb zu einem historisch einmaligen Punkt, der nachträglich kaum mehr zu begreifen ist. Indem er den Mythos aufschrieb und dadurch infrage stellte, machte er ihn unmöglich. Homer war kein Schamane oder Priester, der das religiöse Gesäusel seiner Zeit weitertrug, sondern er verwandelte es in ein Gedicht, das der eigenen, vom Mythos unabhängigen, Logik gehorchte. Aber Homer lebte noch nicht in einer Zeit, in der dieser Vorgang selbst wiederum in Begriffe gegossen werden konnte. Die Philosophen (Platon et al.) die später »Episteme« entdeckten und damit eine – nun ja – wissenschaftliche Aufarbeitung ermöglichten, gab es zu Homers Zeiten noch lange nicht. Er schrieb also nach dem Mythos (den er erledigte) und vor der Philosophie und Wissenschaft. Bei späteren Großkünstlern der Wortarbeit, seien es Dante, Shakespeare oder Dickens, ist nie klar, wie weit sie wissenschaftliche oder philosophische Erkenntnisse ihrer Zeit schlicht aufgesaugt haben. Homer konnte nichts aufsaugen, denn er war mit seinem literarischen Projekt allein. Er schrieb in das vollkommene Dunkel seiner Zeit hinein und stiftete ein Licht, das seitdem nicht mehr erloschen ist. Diese Wucht steckt in seiner Dichtung. Mit Homer sind die Höhlen- und Seemonster seiner Zeit verschwunden. Odysseus hat sie tatsächlich besiegt, indem er sie zu dichterischen Metaphern machte!

Wir können nur wüst spekulieren, wie sich dies für Homer selbst angefühlt haben muss. Warum hat er es gemacht? Wie haben seine Zeitgenossen darauf reagiert? War Homer ein Upperclass-Poet, der aristokratische Spleens bediente, oder – so die romantische Version – ein armer Tropf (»Homer« kann »Geisel« bedeuten), der sich zu Hofe mit pfiffigen Versen durchschlug? Wissen wir alles nicht. Die »Homersche Frage« der Altphilologie fragt sogar: Gab es Homer überhaupt oder wurden nur trickreich Texte ins Jahr 850 v. Chr. zurückdatiert? Dann wäre die Frage allerdings, welches spätere Autor*innenteam das aus welchem Grunde getan haben sollte und wie ihnen dieser Schmäh gelingen konnte. Ähnliche Vordatierungsversuche, bei Laotse zum Beispiel, sind später aufgeflogen. Bleibt also das unauslöschliche Mysterium, dass wohl ein Mann (oder eine Frau, die sich als Mann ausgeben musste) zwei Werke (»Illias« und »Odyssee«) in die Geschichte schleuderte, mit denen diese (zumindest Europas) überhaupt erst begann, die das dumpfe »Immer-Wieder« der Mythen beendeten und eine Aufklärung über die Wurzeln menschlicher Existenz ermöglichten, deren Anspruch bis heute nicht erfüllt wurde, weil die Menschheit immer wieder in mythischen Dünnpfiff verfällt (von »Rule, Britannia!» über »Deutschland, erwache!« bis zu »Make Amerika Great Again«). Uff, und daraus bitte einen Film machen, der dem gerecht wird! Erraten – kann nicht klappen. 

Was Christopher Nolan liefert, ist eine aktualisierte Version des griechischen Mythos, die selbst wiederum weitgehend unreflektierter aktueller Mythos ist. Wer Zeit und Lust hat, kann die heute üblichen Mythenerzählungen (so wie bei Gibbons und Mommsens »Römern«) herauszulesen versuchen. Ist aber nur halb interessant, weil hinlänglich bekannt: Machtmissbrauch wird zwar heute in der Unterhaltungskunst fleißig angeprangert, mögliche andere Strukturen werden aber nie dramatisch herausgearbeitet, weil die Macht selbst mythisch bleibt. Nolans Odysseus ist hier ein ganz dreister, denn er übergibt den Scherbenhaufen seines Abschlachtens kurzerhand an den eigenen Sohn – soll der doch sehen, wie es weitergeht. »Jetzt bist du King, Burli – ich sag noch kurz Tschau mit au!« Lässt sich leicht vorhersagen, wie es weitergeht, nämlich genau so wie bisher. Denn so funktioniert leider Mythos: Es kann sich nichts ändern. Odysseus’ Sohn Telemachos begibt sich sicher nicht auf den Weg zu Sozialpartnerschaft, parlamentarischer Demokratie oder unabhängiger Gerichtsbarkeit … 

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Und der Film selbst?

Haben wir jetzt noch kein einziges Wort über den Film selbst verloren? Oh, Verzeihung. Jaja, sehen alle ganz super aus: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya, Lupita Nyong’o, Robert Pattinson, Charlize Theron, Elliot Page etc. … und wirklich fantasievolle Bauten und Szenerien. Der Streifen wirkt, als habe der Typ (oder ist es am Ende eine Frau?), der die Heavy-Metall-Bühne in Wacken baut, Richard Attenborough auf einer seiner Naturreisen begleitet. Das hat selbstverständlich alles nichts mit Antike zu tun und ist auch nicht künstlerisch eigenständig wie die neu erträumte Antike eines Pier Paolo Pasolini. Es ist auch kein innerlich gequältes Kammerspiel mit zeitweiligem Kehledurchschneiden wie zuletzt bei Ralph Fiennes’ Odysseus in »The Return« (2024), sondern eben ein opulentes Schlachtengemälde, das ankommt.

Selbstverständlich ist Nolan woke genug, nicht einen miefigen Sandalenfilm abzuliefern. Er besetzt non-white Schauspieler*innen, Transpersonen und keine einzige Person mit griechischen Wurzeln (sorry, Jennifer Aniston und Zach Galifianakis, ihr hättet eh noch reingepasst). Damit kann sich dann wenigstens die rechte Kulturkampfbrut aufregen. Auch weiß er, dass es irgendwie ein unschönes Detail ist, dass der »Held« zu Frau, Kind und Hund heimkommt, aber alle, die ihm das ermöglicht haben, tot sind. Kann man da von »erfolgreicher Reise« sprechen? Macht sich das gut im Prospekt von Reiseveranstalter*innen? »Einer von Ihnen wird die Reise sogar überleben, buchen Sie noch heute!«

Christopher Nolan merkt, dass das heute schräg kommt und lässt seinen Helden Odysseus, der durchaus als der Kriegsverbrecher zu erkennen ist, der er ist, am Ende aus dem Film segeln, mit dem Vorhaben, Abbitte bei den Toten zu leisten (die Szene fehlt bei Homer). Möglicher Text für die Reise in die Unterwelt (zur freien Verwendung für Putin, Trump, Netanjahu und die ganze Mörderbande): »Tut mir ganz doll leid mit dem Totsein bei euch jetzt, aber es musste ja sein, weil … äääh, okay, ich … äääh … ruf demnächst nochmal an. Alles Gute, ihr Schatten!« Damit wurde die in Hollywood übliche Ambivalenz: »Krieg ist böse, aber irgendwie geil« zum zigtausendsten Mal reproduziert. Unterm Strich ist der Film gähnenswert gelungen. Alles richtig gemacht, Christopher und deshalb ein toller Erfolg nach dem letzten tollen Erfolg (»Oppenheimer oder wie ich den Spaß an der Bombe fand«) und vor dem nächsten, ebenso tollen Erfolg. Der Film wird folglich in ein paar Wochen (vollkommen zurecht) vergessen sein, aber dennoch jahrelang vom ORF an Feiertagen durchs Programm geschleift werden, weil man das eben so macht, und dann kann man ihn sich immer noch anschauen, wenn einem das Geld fürs Kino zu schade ist.

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