Das veraltete Genre der Incredibly Strange Music bildete den hilflosen, aber nachvollziehbaren Versuch aller realitätsgerechten und angepassten Normalos, eine Schublade für alle Musik zu finden, die »irgendwie schräg« ist. Aus ironischer Distanz heraus wurden diejenigen eingemeindet, die in kreativer Hinsicht und im damit verbundenen Auftreten (vermeintlich) abweichendes Verhalten an den Tag legten. Heutzutage mag vordergründig mehr Awareness herrschen, Stichwort Neurodiversität und so, und vielleicht trägt dieser Umstand dazu bei, dass Herb Diamantes opulent orchestrierte 1960er-Pop- und Exotica-Fantasien, die er mit viel Engagement und übers Cocktailschirmchen hinweg eingesungen hat, ein größeres Publikum finden. Der Stilistik nach erinnern sie an James-Bond-Titelsongs, Scott Walkers erste vier Soloalben, Dean Martins beschnapste Schnulzen und Musiker*innen, die sich in der jüngeren Vergangenheit erfolgreich an der bunt schillernden Ästhetik der stets attraktiven späten 1950er und der Swinging Sixties bedienten. Ich denke hier an The Cramps und The Legendary Stardust Cowboy, aber auch an Soft Cell. Marc Almonds exaltierter Gesang findet sein historisches Vorbild ja auch in Croonern wie Frank Sinatra oder einem Chansonnier wie Jacques Brel, dem er auch vor ein paar Jahren einmal ein ganzes Album mit Interpretationen gewidmet hat. Vor diesem Panorama tritt Herb Diamante auf und seine Erscheinung ruft die (vielleicht auch schmerzliche) Erinnerung daran wach, dass es jederzeit möglich ist, sich einen Schlitz ins Kleid zu machen und es ganz wunderbar zu finden. 24 Stunden sind kein Tag und spätestens um Mitternacht herum wird sich Zeit finden lassen, mehr oder weniger beschwipst, in jedem Fall aber beschwingt, die Ketten des Alltags abzuwerfen und geheimen Leidenschaften nachzugehen! Das lakonisch-existenzialistische »Is That All There Is« (Peggy Lee) sozusagen ins grell Überdrehte gewendet. Trauen Sie sich, das Leben ist kurz!
Herb Diamante
»A Delicate Stiletto«
NYAHH
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