Elias Hirschl: »Schleifen« © Zsolnay
Elias Hirschl: »Schleifen« © Zsolnay

Im Bann der Sprache

In Elias Hirschls neuestem Roman »Schleifen« steckt in jedem Satz eine neue Idee und die Sprachlosigkeit offenbart sich als beste aller Sprachen.

Die letzten Jahre waren gut für Elias Hirschl. 2022 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis und sein Roman »Content« (2024) schaffte es nicht nur auf Bestseller-Listen, sondern auch ins Schauspielhaus. Doch während es zuletzt um den ausbeuterischen Konsum im Spätkapitalismus ging, fühlt sich sein im Jänner 2026 erschienenes Buch »Schleifen« wie eine neue Stufe von Ideen- und Sprachgewalt an. Jede Facette der Sprache wird ans absolute Limit getrieben und am Ende soll die deutlichste Sprache die Sprachlosigkeit sein.

Der Roman ist ein Perpetuum mobile an Ideen. Wie bei einer Möbiusschleife gewinnt man den Eindruck, es gäbe kein vorne oder hinten, kein oben oder unten. Der ganze Text widmet sich den Nuancen und Grundlagen von Sprache und Kommunikation und doch verschwimmt am Ende alles auf eine Art und Weise, die die Lesenden in ihren Bann zieht. Während die Handlung über weite Strecken der Hauptfigur Franziska Denk folgt, wird die erste Idee sprachlicher Übertreibung klar. Schon von Kindesalter an bekommt die Protagonistin jede Krankheit, die ihr gegenüber erwähnt wird. In einem Lesekreis diskutieren ihre Eltern gemeinsam mit Kurt Gödel, Moritz Schlick oder Ludwig Wittgenstein die philosophischen Werke eines gewissen Francesco Savogini, während die Tochter isoliert an der Pest leidet. So kurios dieser Einstieg wirken mag, als die erwachsene Franziska auf ihren zukünftigen Ehemann Otto Mandl trifft und mit ihm nach Berlin zieht, geht Hirschls Kuriositätenkabinett erst so richtig los.

Wie weit kann Sprache gehen?

In der von Franziska gegründeten revolutionären Bewegung der Nonverbalisten geht sie einige Schritte weiter. Sprache wird immer grundsätzlicher und doch immer genauer. Durch die Sprachlosigkeit der neuen Kommunikation soll jedes Wort eine individuelle, situationsbedingte Bedeutung bekommen. Die ganze Welt soll so erfassbar sein, das ist den Mitgliedern der Bewegung ein Anliegen. Sie radikalisieren sich, verüben Anschläge, schreiben Manifeste. Mit Hilfe einer korrupten italienischen Premierministerin gründet die Protagonistin sogar eine Binnenrepublik (»Was konnte ein weiterer Mikrostaat in Italien schon ausmachen?«) mit dem Namen Wodot. 

In Hirschls konstruierter Welt der Sprache wird die Protagonistin in ihrer Gemeinschaft als eine Art Zauberin inszeniert, jedenfalls in ihren Fähigkeiten. Sie schreibt einen Roman mit dem Platzhaltertitel »[Die drittstärkste mongolische Partei]«, der eine handfeste politische Krise im asiatischen Staat auslöst, die mit einer diktatorischen Umbenennung in Estland endet, was zu Konflikten mit dem baltischen Estland führt. Sie kann nur durch die Kraft der Sprache Personen an unterschiedliche Orte senden, indem diese den Flughafen von Wodot benutzen (ohne je ein funktionales Flugzeug zu betreten). Man landet in Tokio, Toronto oder Rom, was sie bei einer spektakulären Flucht vor der Polizei nutzt, als sie die Beamt*innen in die ganze Welt verteilt.

Die Verwirrung ist verwirrt

In Elias Hirschls literarischem Möbiusband muss man hellwach sein, um nichts zu verpassen. Man wird darüber aufgeklärt, dass Franziska weite Teile ihrer sprachwissenschaftlichen Forschung schlichtweg erfunden hat. Das unterstreicht der Text, indem quasi alle in ihrer Arbeit zitierten Personen Anagramme des Namens »Franziska Denk« sind. Außerdem sind sämtliche Franziska-Denk-Expert*innen, die als Figuren im Text eigenständig agieren, wieder nur Anagramme der Protagonistin. Inwiefern sie also nur Erfindungen oder Folgen der Denk’schen Fälschungsmaschinerie sind, bleibt im Raum stehen. 

Franziska hat nebenbei zur Untermauerung ihrer eigenen Thesen auch Werke von Borges, Lovecraft oder Pynchon erfunden und originalgetreu gefälscht und anonym einen dritten Teil von »Don Quijote« in Umlauf gebracht. Ebenfalls sorgt die massenhafte Übernahme der Identität eines gewissen Jim Blum konstant für Chaos. Beispielsweise wird während des Konklaves zur Papstwahl die Diskussion geführt, welchen Kardinal man nun unterstütze, Jim Blum aus Argentinien, aus Äthiopien oder aus Japan? Über weite Strecken des Texts verschwimmen Figuren, Identitäten und vor allem die Bedeutungen von Worten.

Sprache neu denken

Elias Hirschl stellt sich mit »Schleifen« in eine Reihe mit den großen Gegenwartsautor*innen Österreichs. Man liest dem Text die akribische Studie von Literatur, Philosophie und Mathematik an, wenn auch noch Fußnoten mit ausschweifenden Ausführungen die Erfindungen des Texts untermauern. Nach Hirschls Vorgängerromanen, die Publikumserfolge waren, ist dieser hier deutlich komplexer in Sprache und Handlung. Man bekommt das Gefühl, in jedem Wort steckt eine Idee oder Anspielung, die den Rahmen der Sprache weiter dehnt. »Schleifen« ist selbstreferenziell und funktioniert durch wahrheitsgetreue und fiktive Geschichtsgrundlagen. Mit einem präzisen Zusammenspiel unzähliger Ideen schreibt Hirschl einen Roman, der locker eine ganze Reihe, vielleicht sogar ein Lebenswerk hätte sein können, wenn die Ideen nicht so gestaffelt in einen Text gefeuert worden wären. 

»Schleifen« ist etwas von Grund auf Neues. Jedes Detail kitzelt irgendein spezifisches Gehirnareal. Das spielerische Wirken der Sprache lässt die Lesenden gleichzeitig verstehen und konstant verzweifeln. Elias Hirschl gilt seit Jahren als Shootingstar der österreichischen Literaturszene, doch spätestens mit »Schleifen« unterstreicht er seine zuvor eher angedeuteten Sprachfähigkeiten und Ideenvielfalt (etwa in »Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss«). Erst im Juni 2026 gewann Elias Hirschl den Düsseldorfer Literaturpreis mit einer Dotierung von 20.000 Euro für sein Gesamtwerk. Man darf gespannt bleiben, wie oft sein Name in diesem Literaturpreiszyklus noch fallen wird.

Elias Hirschl: »Schleifen«, Zsolnay 2026, Hardcover, 416 Seiten, € 26,00 (DE), € 26,80 (AT)

Home / Kultur / Readable

Text
Nico Rottenbücher

Veröffentlichung
05.08.2026

Schlagwörter

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