»What kind of world« grummelt eine Stimme vor raschelnden Sound-Fragmenten und einem dissonanten Piano-Loop. Eine Frage oder eine Feststellung? Klar wird das nicht. Überhaupt bleibt so einiges im Unklaren auf »Take me, I’m yours«, der neuen Kollaboration des Berliner Elektronik-Künstlers Jan Jelinek und des Pariser Produzenten Alan Abrahams. Vielleicht ist Unklarheit aber auch die einzig sinnvolle Antwort auf den fragil bescheuerten Zustand unserer Welt und vielleicht aller anderen möglichen Welten. In jedem Fall beeindruckt das gemeinsame Debüt der befreundeten Musiker, die sich für ihr Projekt ganz nonchalant Alan & Jan nennen – auch aufgrund der großen Unterschiede, die zwischen den Klangpaletten beider liegen.

Sehnsucht und Dekonstruktion
»Unser beider Passus war: Nimm’ es und mach’ was du willst damit!«, erzählt Jan Jelinek im Gespräch. Alan Abrahams, der auch unter den Namen Portable und Bodycode ungewöhnliche Clubsounds produziert, sandte seinem Berliner Mitmusiker die Audiofiles und wartete ab. Jelinek beschloss, den Minimalismus walten zu lassen, reduzierte Abrahams Rhythmen auf einen bloßen Puls und badete sie in brummenden, raschelnden Klangwelten. Auf dem ruhig trabenden und entsprechend benannten »87BPM« klingeln und klimpern helle Sound-Tupfer. Man fühlt sich an Jelineks klanglich dichtes Ambient-Album »Schaum« (2016) erinnert. Hier frickelte der kollaborationsfreudige Musiker mit dem Vibrafonisten Masayoshi Fujita an fiebrigen Dschungelfantasien.
Auf »Take me, I’m yours« ist die Stimme maßgebliches Instrument. Lyrics, so ergänzt Alan Abrahams, seien dagegen von vornherein nicht zentral gewesen. Er habe Jelinek einfach vertraut und sei offen geblieben. Jelinek wiederum bearbeitete Abrahams Stimme ausführlich, trieb die Tracks an die Grenzen des Songformats, wenn auch nicht immer ganz darüber hinaus. Am Ende stehen nun einzelne Phrasen, sehnsuchtsvoll verzerrte Pop-Fragmente: »’Cause my dreams they left forever«. Man fühlt sich an Burials melancholische Club-Dekonstruktionen erinnert, ebenso an die Sehnsucht des frühen James Blake – irgendwo zwischen Laptop und Piano.
Jelinek: »Das Album sollte die Position des ›gerade den Club verlassen‹ einnehmen. Der von mir sehr geschätzte Künstler Actress (Darren Cunningham) hat den brillanten Begriff ›R&B Concrete‹ geprägt, was die Vermischung der akademischen Spielart Musique concrète mit dem R&B-Gerne beschreibt – also zeitgenössische Club- und R&B-Arrangements mit abstrakten Sounds, die eher an die elektronische Avantgarde erinnern. So etwas schwebte mir auch vor: ein erweiterter Begriff des Postclubs, der keine Angst vor Experimenten hat, aber für den Clubber noch identifizierbar bleibt.«
Ein klangliches Erwachen
Der Postclub Jelineks und Abrahams ist glücklicherweise kein akademisches Seminar. Überhaupt stellt Jelinek klar, dass es ihm gerade um die emotionalen Qualitäten in Abrahams Skizzen ginge. Schon im ersten Entwurf von »Forever« hatte Jelinek etwas Fragiles in Abrahams Stimme entdeckt. »Alans Original hat mich an klassischen House erinnert, nur schien seine Stimme fast zu brechen.« Mittels arrhythmischer Synthesizer-Modulationen und Zeitstreckungen trieb Jelinek diese Brüchigkeit weiter voran und versuchte damit etwas freizusetzen, was er selbst als »Awakening«, ein Erwachen, bezeichnet.

Alan Abrahams, der auf seinem im letzten Jahr erschienenen Album »Ascend« noch ein glasklar aufgeräumtes Soundbild präsentierte, begibt sich mit »Take me, I’m yours« wiederum auf neues Terrain. Eine bewusste Entscheidung – so regte der in Paris ansässige Musiker und Produzent die Zusammenarbeit mit Jelinek auch an. Im Mittelpunkt stand für ihn, die unterschiedlichen musikalischen Tendenzen, die für Abrahams in der Harmonie und für Jelinek eher in der Dissonanz liegen, in einen Dialog zu bringen. Eine Harmonisierung hingegen war nicht geplant und auch generell standen keine festgelegten Konzepte oder andere Frameworks im Fokus.
Auch wenn das auf dem Papier entspannt und sympathisch klingt, birgt so ein Ansatz die Gefahr, dass das musikalische Ergebnis konfus, fahriges Flickwerk wird. Dass dem glücklicherweise nicht so ist, ist der Kompetenz beider Musiker zu verdanken, die an den richtigen Punkten Experiment, ebenso aber Zurückhaltung walten lassen. Nie opfert das Album seinen sanften Groove für verkopfte Abstraktionen, vielmehr fügen sich die mysteriösen Sound-Landschaften Jelineks mit derselben Wärme, die bereits den Soul Abrahams auszeichnen. »Take me, I’m yours« feiert die Fragilität der Klänge, ob sie in der Stimme oder einem rauen Synthesizer-Sound liegen. Ein echter Hörgenuss, am besten in Wiederholung und als Klangbad zu genießen.











