Birgit Birnbachers vierter Roman »Sie wollen uns erzählen« ist nicht nur ein Buch – er ist, für mich zumindest, fast so etwas wie ein literarisches Erdbeben. Mit der Präzision einer Soziologin und der Empathie einer Dichterin seziert die Bachmann-Preisträgerin die Abgründe gesellschaftlicher Normierung und die zärtliche, chaotische Verbindung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn, die beide mit »knisternden Nerven« durch eine Welt laufen, die sie nicht versteht.
Ein Roadtrip durch die Abgründe der Normalität
Die Rahmenhandlung ist simpel, fast schon banal: Ann, eine Soziologin mit stagnierender Karriere und einer unruhigen Seele, und ihr neunjähriger Sohn Ozzy, dem die Diagnose ADHS anhaftet wie ein Stigma, machen sich auf die Suche nach Anns verschwundener Mutter. Diese hat sich aus dem Krankenhaus abgesetzt und ist ins Salzburger Innergebirg geflohen. Drei Sommerferientage, eine abenteuerliche Reise durch Unwetter, absurde Begegnungen und die eigenen Abgründe. Doch was wie eine klassische Road-Novel klingt, entpuppt sich als eine Reise in die Innenwelten zweier Menschen, die die Gesellschaft als »Störfaktoren« wahrnimmt. Ozzy, der den Tod eines Kaninchens verschuldet hat und dies mit sich herumträgt wie einen unsichtbaren Rucksack, und Ann, die zwischen dem Wunsch, ihren Sohn vor den starren Strukturen der Schule zu beschützen, und der Angst, ihn damit ins Abseits zu manövrieren, hin- und hergerissen ist – beide sind Gefangene einer Welt, die »Normalität« wie ein Korsett trägt. Die Suche nach der Großmutter wird zur Metapher für die Suche nach einem Platz in einer Gesellschaft, die für Menschen wie sie keinen vorgesehen hat.
Birnbachers Prosa ist kein sanftes Plätschern, sondern ein reißender Fluss, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Sie schreibt mit einer nervösen, sprunghaften Syntax, die Ozzys Gedankenwelt widerspiegelt: assoziativ, wild, voller Abzweigungen und plötzlicher Stürze in die Tiefe. Wenn Ozzy im Mathe-Unterricht an ein »kleines grünes Männchen« denkt, das »jauchzend ums Feuer springt«, statt sich mit dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen zu beschäftigen, dann ist das nicht nur ein Moment der Ablenkung – es ist eine Rebellion gegen die Tyrannei der Aufmerksamkeit. Die Autorin verzichtet auf Erklärung, auf pädagogische Fingerzeige. Stattdessen lässt sie uns die Welt durch die Augen von Ann und Ozzy erleben. Wir spüren ihre Überforderung, ihre Wut, ihre zärtliche Verbundenheit. Wir hören das »Knistern« ihrer Nerven, das nicht Pathologie, sondern eine andere Form der Wahrnehmung ist. Birnbacher schafft es, Neurodiversität nicht als Defizit, sondern als eine andere Art des Seins zu beschreiben – eine, die vielleicht sogar intensiver, kreativer, lebendiger ist als das, was die Gesellschaft als »normal« definiert.
Kampf gegen gesellschaftliches Schubladendenken
Der Roman ist ein Angriff auf die Illusion der Normalität. Ann und Ozzy sind keine Opfer – sie sind Kämpfer*innen, die sich weigern, sich in die Schubladen pressen zu lassen, die die Gesellschaft für sie vorgesehen hat. Die Schule, die Bildungsberaterin, selbst die gut gemeinten Ratschläge der Mitmenschen: Alles wirkt wie ein Netz aus Erwartungen, das sie erstickt. Doch Birnbacher zeigt auch, wie Ann und Ozzy sich gegenseitig retten – durch Geschichten, durch Humor, durch ihre gemeinsame Sprache. Besonders berührend ist die Szene im Bus, in der die beiden eine absurde Bärengeschichte erfinden, die nicht nur sie selbst, sondern auch die Mitfahrenden in ihren Bann zieht. Für einen Moment sind sie nicht die Außenseiter, sondern der Mittelpunkt einer Gemeinschaft, die sie so akzeptiert, wie sie sind. Es ist ein flüchtiger Moment der Integration, der umso schmerzlicher macht, was sie im Alltag erleben: die Blicke, die Vorurteile, die ständige Forderung, sich anzupassen.
Ann ist kein »Opfer«, sondern eine Frau, die sich weigert, ihre Wut und ihre Verzweiflung zu verbergen. Sie ist zynisch, sarkastisch, manchmal sogar grausam – aber immer ehrlich. Ozzy hingegen ist ein Kind, das die Welt mit einer Intensität erlebt, die Erwachsene oft als »Störung« wahrnehmen. Doch in seinen Träumereien, seinen sprunghaften Gedanken, liegt eine Poesie, die den Roman durchzieht wie ein roter Faden. Die Großmutter, die sich weigert, ins Krankenhaus zurückzukehren, ist ein weiteres Puzzleteil in diesem Mosaik der Nichtangepassten. Sie steht für eine Generation, die vielleicht noch weniger Verständnis für Neurodiversität hatte, aber auch für den Widerstand gegen eine Gesellschaft, die Alter und Krankheit als »Problem« definiert.
Fazit: Ein Roman, der die Welt aus den Fugen hebt
Birnbacher stellt die Frage, die uns alle angeht: Was bedeutet es, »normal« zu sein? Wer definiert die Regeln und wer profitiert davon? Ihr Roman ist kein Appell an Mitleid, sondern ein Aufruf zum Umdenken. Vielleicht sind es gerade die »Nichtangepassten«, die uns zeigen, wie begrenzt unsere Vorstellungen von »richtig« und »falsch« sind. In einer Zeit, in der die Diagnose ADHS immer häufiger gestellt wird, in der Schulen und Arbeitsplätze immer mehr Menschen überfordern, ist »Sie wollen uns erzählen« ein notwendiges Buch. Es ist wütend, zärtlich, komisch und tieftraurig – manchmal alles auf einmal. Es ist ein Buch, das uns daran erinnert, dass »Anderssein« keine Schwäche ist, sondern eine Superkraft.
Birgit Birnbacher hat mit »Sie wollen uns erzählen« nicht nur einen Roman geschrieben – sie hat ein Manifest verfasst. Ein Manifest für diejenigen, die nicht in die Schubladen passen, die zu laut, zu unruhig, zu »anders« sind. Ihre Sprache ist so nervös wie ihre Figuren, so poetisch wie ihre Landschaftsbeschreibungen, so scharf wie ihre Gesellschaftskritik. Dieser Roman ist so etwas wie ein Weckruf. Er fordert uns heraus, unsere eigenen Vorurteile zu hinterfragen, unsere Definitionen von »Normalität« zu überdenken. Und er zeigt, wie Literatur uns helfen kann, einander besser zu verstehen – nicht durch Erklärungen, sondern durch Einfühlung.

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