Alexander Hacke, Einstürzende Neubauten, Ljubljana, 2014 © y3rdua, Wikimedia Commons, CC BY-NC-SA 2.0.
Alexander Hacke, Einstürzende Neubauten, Ljubljana, 2014 © y3rdua, Wikimedia Commons, CC BY-NC-SA 2.0.

Stahlmusik und Babyglück

Alexander Hacke nennt seine Memoiren »Krach«, tönt darin aber ganz sanft. Sein Lebensreport abseits der Einstürzenden Neubauten liest sich sympathisch, kommt über eine Sammlung von Anekdoten jedoch nicht hinaus.

Bassist einer Industrial-Band, Liebhaber des Country, Freund okkulter Performances, Gitarrist des Italo-Pop. Alexander Hacke kann man ohne Übertreibung einen Tausendsassa nennen. 2025 verkündete der Musiker seinen Ausstieg bei den Einstürzenden Neubauten und nannte in seinem Statement unüberbrückbare Differenzen als Grund. Während die Band kurz darauf eine Neubesetzung in Aussicht stellte, veröffentlichte Hacke seine Memoiren von 2015 neu im Ventil Verlag und nannte sie »Krach – Verzerrte Erinnerungen«. Mehr Referenz an den rauen Industrial der (frühen) Neubauten dürfen Lesende aber nicht erwarten: »Krach« ist ein Hacke-Buch. Blixa und Co. kommen nur am Rande vor. Stattdessen gibt es Exkursionen in die subkulturellen Winkel der USA, Country-Musik, Babyfotos und viel Liebe zum Berliner Szeneleben.

Kung Fu, Magma und ein bisschen Bargeld

Zeitsprung in die 1970er und ein kleines Neuköllner Kino: Auf der Leinwand sendet Bruce Lee Todesgrüße aus Shanghai, bedroht seine Gegner und verzückt den kleinen Alexander Hacke. Der fängt an, selbst zu trainieren, und wird bald zu einem toughen Jugendlichen, dem die Beschränkungen des eigenen Milieus immer klar vor Augen stehen. Später, mit knapp 50 Jahren, wird er ein Nomade sein und selbst Liebesgrüße von allen Orten der Welt senden. Vernetzung ist das Stichwort und das schon früh: Bereits mit seiner Schülerband Blässe spielt sich Hacke in die Herzen der Berliner Punks, wobei der umtriebige Jugendliche auch dort nicht bleiben wird. Mekanik Destrüktiw Komandöh heißt die nächste Punk-Band des 13-Jährigen, die schon nach mehr klingen will. Benannt ist sie nach einem legendären Album der theatralischen Prog-Ikonen Magma.

Alexander Hacke, Blässe, Jänner 1980 in Berlin © Ganskörperfutter, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Bekanntlich folgte auf den Punk Ende der 1970er der Post-Punk und mit ihm kamen die schrillsten und zugleich brutalsten Sounds auf die Bühnen Londons oder Berlins – Cabaret Voltaire, Throbbing Gristle, Einstürzende Neubauten. Industrial Music nannte man das und meinte damit nicht nur die Musik, sondern auch den kühlen, bedrohlichen Style, den man etwa in der Armeeuniform eines Genesis P-Orridge (Throbbing Gristle) sah. Auch Blixa Bargeld, zukünftiger Poet und Schreikörper der Einstürzenden Neubauten begann als Inhaber eines Strickmodengeschäfts, dem Eisengrau, das Autozubehör und Fahrradschläuche ebenso im Angebot führte – als Modeaccessoires versteht sich. Jungs wie Hacke schauten gerne vorbei, kifften oder spielten auf einem ramschigen Flipper.

Von Blixa Bargeld und den Neubauten liest man nur an dieser Stelle des Buchs etwas ausführlicher. So auch, dass der eindrückliche Name der Band wohl auf den Ausruf eines Bekannten von Bargeld und Hacke zurückgeht. Der liebte es, in stillen Momenten plötzlich die Worte »Einstürzende Neubauten!« zu schreien. Bargeld und Hacke lachten sich einen ab, übernahmen den Begriff und brachten zusammen mit N. U. Unruh, Gudrun Gut und Beate Bartel 1980 die Band zum Laufen. Hacke, dessen Buch sich für keine musikalische Detailanalyse oder anekdotische Abzweigung zu schade ist, schreibt hier lakonisch: »So wurde die Gruppe geboren, die von nun an als eigenständiges Wesen […] die Schicksale ihrer Mitglieder entscheidend beeinflusste und die zeitgenössische Musik nachhaltig prägte.« Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Foto des jugendlichen Bargeld in einem Dameneinteiler zu sehen. Eine ironische Gegenüberstellung?

Alexander Hacke und Blixa Bargeld, Einstürzende Neubauten, Primavera Sound, 2011 © Flavia_FF, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Mit Gianna Nannini am Pool

Die Einstürzenden Neubauten mit ihrem unerwarteten internationalen Erfolg in Europa, den USA und sogar Japan brachten Hacke mit den unterschiedlichsten Leuten in Kontakt. Darunter auch Christiane F., die stilvollste Drogenabhängige Deutschlands. Die Beziehung mit ihr inspirierte Hacke, trieb ihn aber auch ins Chaos. Immerhin konnte sie dem jungen Experimentalisten zuvor noch dabei zusehen, wie er der Industrial-Ikone Boyd Rice bei einer Performance in der Mojave-Wüste einen Stein auf der Brust spaltete – während Rice auf einem Nagelbett lag. Die frühen Jahre Hackes sind die spannendsten im Buch. Jenseits des Industrial, der Sample-, Feedback- und LSD-Experimente und Okkultismen wartet dagegen schon das Ehe- und Babyglück, das für Hacke immer entscheidend war und im Buch auch bebildert ist.

Für orthodoxe Experimental-Fans irritierend ist sicher auch Hackes Vorliebe für Country-Musik. Mit den Jever Mountain Boys und ihrem einzigen Album »Bury The Bottle With Me« coverte er sich 1994 fleißig durch die US-amerikanische Popgeschichte. Noch im selben Jahr war er mit Italo-Star Gianna Nannini im Studio. Das Luxusleben an ihrer Seite gefiel dem Neuköllner »ausgesprochen gut, so sehr ich das auf Nachfrage auch abgestritten hätte«. Für den Mauerfall und das plötzlich zugängliche Ostberlin hatte Hacke hingegen kein besonderes Interesse: Lieber blieb er seiner großen Liebe USA treu, las sich durch die Literatur der Südstaaten, ließ sich vom »Geist der schöpferischen Kraft« durchdringen oder komponierte Filmmusik, etwa für Fatih Akin. Mit den Neubauten lief es zu dieser Zeit nicht gut – auch hier war Ablenkung gefragt. Den »stilistischen Purismus« der Industrial-Jahre hatte Hacke da längst aufgegeben.

Alexander Hacke und Danielle de Picciotto © LugoLounge, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Ein gutes Leben

Das neue Jahrtausend brachte Hacke die große Liebe, die US-amerikanische Multimedia-Künstlerin Danielle de Picciotto. Mit ihr kamen vermehrt theatralische Elemente in das Hacke’sche Gesamtkunstwerk. Zusammen mit dem clownesken britischen Songwriter-Trio Tiger Lillies wurden etwa die Werke Lovecrafts bühnentauglich gemacht, mitsamt Akkordeon und Kostümen. Auf Hackes Soloalbum »Sanctuary« von 2025 lauern hingegen überproduzierter Gesang, Americana, Orchestereinlagen und Metal-Gitarren. Mit Danielle de Picciotto, die Hacke 2006 heiratete, rief er das Projekt hackedepicciotto ins Leben, das irgendwo zwischen Poesie-Lesung, Drone und Folk beheimatet ist. Gegen Ende des Buchs singt Hacke noch einmal die obligatorische Hymne auf die Muse des Künstlers: »Mit ihr fühle ich mich glücklich und geborgen. Davor war mein Leben oft von Selbstzweifeln und einer nicht wirklich glücklich machenden Gier bestimmt.« Man glaubt es ihm. 

Alexander Hackes »Verzerrte Erinnerungen« sind, anders als der Titel vermuten lässt, ein gemütlicher Gang durch das eigene Leben. Mit Lob wird nicht gespart, die Inspirationsquellen werden großzügig benannt. Schmerz, Leid, Glück, das volle Leben ergießt sich daraus und zwischendrin bleibt auch noch Raum für einige Exkurse zur Audiotechnik. Das ist so sympathisch wie langatmig, so lebendig wie ziellos und mit manch abgegriffener Lebensphilosophie gewürzt. Klar ist: Alexander Hacke hat viel erlebt. Ob die Neubauten nun ohne seinen Erfahrungsschatz einstürzen werden oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

Link: https://www.ventil-verlag.de/titel/1980/krach 

Alexander Hacke: Krach. Verzerrte Erinnerungen. Ventil Verlag 2025
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