(c) Felicitas Kruse

Zum Tod von Ute Bock

Die Arbeit der berühmten Flüchtlingshelferin Ute Bock lässt sich kaum würdigen, ohne zugleich ein aktuelles österreichisches Sittengemälde mitzuliefern.

In den frühen Morgenstunden des 19. Jänner 2018 verstarb Ute Bock in der von ihr gegründeten Flüchtlingsunterkunft. Sie war umgeben von jenen Menschen, denen sie ihre nahezu unermüdliche Arbeitskraft gewidmet hatte. Dass sie sich so aufzehren musste, um ihren »Schützlingen« ein einigermaßen erträgliches Leben zu ermöglichen, gereicht der Republik Österreich nicht zur Ehre. Ute Bock wurde ein wenig in die Rolle einer Heiligen gedrängt. Diese Rolle beherrschte sie für ihren Teil übrigens, da sie es schaffte, Würde zu bewahren in unwürdigen Umständen. Früh fand die gelernte Erzieherin ihren Lebensberuf, als sie sich für schwer erziehbare Sonderschüler zu engagieren begann. Später arbeitete sie in Wien Favoriten in einem Gesellenheim für sozial Verwahrloste. Die Umstände führten dazu, dass sie diese Einrichtung in der Zohmanngasse während des Jugoslawienkriegs zu einer Flüchtlingsunterkunft umbaute.

skug schätzte die segensreiche Tätigkeit von Ute Bock sehr, obwohl ein dermaßen reicher Staat wie Österreich das von sich aus hätte machen müssen. Das Flüchtlingsprojekt Ute Bock wird weiterhin unter den skug-Partnern im Footer aufscheinen. Das Bedauern in der skug-Redaktion ist groß. In die Trauer mischt sich allerdings ein berechtigter Unmut über die aktuellen Verhältnisse.

Licht ins Dunkel
Eine Anekdote soll kurz beleuchten, wie die öffentliche Person Ute Bock agierte, oder besser agieren musste. Das Telefon klingelt im »Ute Bock Haus«. Einer jener hochbeliebten, allseits geschätzten, österreichischen Fernsehstars ist am Telefon (Name der Redaktion bekannt) und möchte die liebe Frau Bock sprechen. Unser Star am Apparat hat zu vermelden, sie habe vor zwei Tagen ihren Geburtstag gefeiert und es sei vom Catering so viel übriggeblieben, das wolle sie doch bitte den Flüchtlingen geben. Die natürliche Reaktion wäre nun zu sagen: »Schiebt euch eure angeknabberten Käsestangerl sonst wohin und dann überweist uns zumindest die Hälfte des Geldes, das die aufgeblasene Party gekostet hat.« Diese Worte blieben ungesagt, Frau Bock verdrehte hingegen die Augen, nahm den Hörer in die Hand und bedankte sich kurz angebunden, aber freundlich. Sie wusste, unsere Reichen sind halt so und wir brauchen ihr Geld. Deswegen muss deren Spiel mitgespielt werden

Bei der Fernsehsendung »Licht ins Dunkel« dürfen die SpenderInnen im Licht stehen und deswegen kommen sie, das Elend hingegen bleibt im Schatten. So läuft das eben. Ute Bock verstand es, die notwendige Würde zu bewahren in einer Lage, in der sie von all den Unbedarften herabgewürdigt wurde. Von PolitikerInnen, die sie großspurig lobten, ohne zu erwähnen, dass sie nicht bereit sind, an der Politik, die zu dem Elend führt, etwas zu ändern. Reiche Magnaten überreichten die Brosamen ihrer Einkünfte werbewirksam, um sich in eine Menschlichkeit zu kleiden, die sie schlicht nicht haben. Dauernd wurde dies Ute Bock von Politik, Medien und Öffentlichkeit aufgenötigt. Sie hüllte sich in den Schutzmantel der öffentlichen Person »Ute Bock«, die so war, wie die Hansel sie halt haben wollten. Zuweilen brach es aber aus ihr heraus und sie sprach im Zusammenhang mit der sogenannten »Flüchtlingskrise« von einer »Schande«. Selbst dies war noch eine Milderung im Hinblick auf ihr Publikum, denn eine Schande ist es, überhaupt erklären zu müssen, weshalb es eine Schande ist, was mit den Geflohenen und Kriegsvertriebenen passiert. Die Frage ist doch vielmehr, warum sich die FPÖVP-Regierung nicht ununterbrochen für ihre Konzeptlosigkeit und Unmenschlichkeit rechtfertigen muss

»Besorgte Bürger«
Allerdings sind diese ja gar keine Unmenschen. Der aktualisierte Albert-Camus-Test belegt uns dies. Würden HC Strache oder Sebastian Kurz eine handytelefonierende Passantin aufhalten, kurz bevor sie aus Unachtsamkeit in eine von ihr unbemerkte Straßenbahn läuft? Sie würden es. Aus einem tiefen Impuls der Mitmenschlichkeit heraus, den sie nicht in sich abgetötet haben. Sie sind vermutlich auch gar nicht unempfindlich für das Leid der Flüchtlinge, die heute in Libyen in »KZ-artige Lager« (das deutsche Außenministerium verwendet diese Formulierung) eingesperrt sind, nur verdrängen sie dies geflissentlich. Damit erweisen sie sich als die dümmlichen, ihrerseits die Masse verdummenden Kinder ihrer Zeit. Ihnen dies vorzuwerfen, ist etwas unfair, schließlich ist diese Art, die Seele in voneinander getrennte Sphären zerfallen zu lassen, längst üblich geworden. Die meisten bringen Gefühle und Einsichten, über die sie verfügen, nicht mehr in Verbindung mit ihrer Lebenspraxis. Was Strache und Kurz so ekelerregend macht, ist nicht dieser – nennen wir es menschliche – Fehler, sondern ihre rücksichtslose Bereitschaft, mit dem Appell an diese seelische Abspaltung politischen Erfolg zu generieren.

Ihre Erklärungen sind deswegen in dem Punkt der Flüchtlingsfrage immer verlogen. (Sollte sich ÖVP-WählerInnen in diese Zeilen verirren: Ja, es gibt hier kaum mehr Grund, zwischen Blau und Türkis zu unterscheiden. Es wäre somit an der Zeit, sich ein wenig zu erschrecken.) Beide wollen sich zum Anwalt des »besorgten Bürgers« machen, der ist aber eine bloße Erfindung rechter und rechtsradikaler Fabulierlust. Die so bezeichneten aufgehetzten Mobs sind weder Bürger, noch sind sie besorgt. Ute Bock war hingegen wirklich eine besorgte Bürgerin. Eine solche glaubt zunächst nicht sonderlich an »FührerInnen«. Sie weiß, dass die Verantwortung für ein Gemeinwesen auf allen lastet. Der Schrei nach der starken Hand, der von den Mobs erhoben wird, ist nicht bürgerlich, sondern autoritär. EinE BürgerIn, die oder der sich Sorgen macht, übernimmt Verantwortung, sucht nach Lösungen und kümmert sich um deren Umsetzung. Kein »besorgter Bürger« tut dies. Ute Bock aber hat es getan. Vorbildlich und im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Strache und Kurz wollen irgendwen irgendwo Zäune bauen lassen und Flüchtlinge auf die Ameiseninsel verschleppen. Das wurde schon füglich »Topfen« genannt, von einem Herrn, der selbst nur sehr zaghaft mit Verbesserungsvorschlägen in dieser Frage von sich hören macht. Die Politik der aktuellen österreichischen Bundesregierung ist hier schlicht verantwortungslos, weil sie suggeriert, ein Menschheitsproblem sei mit polizeistaatlichen Maßnahmen, wenn auch nicht zu lösen, dann doch zumindest bequem unter den Teppich zu kehren. Das war Ute Bock zu blöd. Sie sah die konkreten Probleme und Nöte ihrer Mitmenschen und wusste, dass es einer Anstrengung bedarf. Und der ist sie nicht ausgewichen

Es ist ja nicht alles schlecht, was das österreichische Brauchtum zu bieten hat. Gerade jenen konservativen Kreisen, die sich so mächtig viel auf »unser Österreich« einbilden, soll an dieser Stelle ein Vorschlag unterbreitet werden: Lieber Herr Kurz, lieber Herr Strache, lieber Herr Kickl, bedient euch eines schönen Zeichens österreichischer Tradition und schultert bei der Beisetzung den Sarg der Ute Bock. Zeigt damit aller Welt, dass jene Frau, die lebenslang himmelhoch über euch stand, es auch im Tode noch ist. Sie werden es nicht tun. Die Flüchtlinge schon.

Am 2. Februar 2018 um 17:00 Uhr soll es zum Gedenken an Ute Bock ein Lichtermeer auf dem Wiener Heldenplatz geben.

Link: https://www.fraubock.at/

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