Willkommen im letzten Heldenzeitalter

Zu Peter Umgehers »ein held«.

Peter Umgeher stellt seinem Werk »ein held« die bestimmende Frage »glaubst du noch an helden?« voran. Mit dieser – seine Arbeit bestimmenden – Bemerkung, denn als solche soll und kann diese Frage verstanden werden, wird der Argwohn des Autors gegen herkömmliches Verstehen generell und gegen die klassische Auffassung des Helden im speziellen deutlich. Der bei der ambitionierten Edition Prequel erschienene Band wird so gleichermaßen zum persönlichen Erinnerungsbuch des Künstlers und zur konsequenten Heroenaustreibung im heldenbelasteten Medium Comic.
Die knappen, poetischen Texte der wenige Seiten zählenden Kapitel sind geschickt in die qualitativ hochstehenden Zeichnungen eingefügt: Das Verhältnis der beiden bestimmenden Elemente ist ausgewogen und betörend; nicht nur die den Hintergrund abgebende Landschaft ist auf diese Weise beschriftet – auch die durch das Leben taumelnden Helden sind etikettiert, gemäß ihrer Funktion in der narrativen Struktur geradezu gebrandmarkt.
Die Rede vom Helden ist immer schon polyvalent gewesen: Einerseits gilt der Held als wertneutraler Protagonist, als personal fixiertes Zentrum der jeweils geschilderten Ereignisse. Andererseits ist der Held in der klassischen Deutung auch ein Vorbildcharakter, »eine im Wertediskurs positiv besetzte Figur« (H.J. Wulff) – diese Lesart erfährt in Umgehers fragmentarischen Destruktionen eine endgültige Auflösung. Doch gerät hier nicht nur der pädagogische Wert der Heroen ins Wanken, auch die mythologischen und religiös-ideologischen Rahmenbedingungen, die für den Helden unverzichtbar sind, werden konsequent unterminiert. So sind die Helden, wie sie uns hier entgegentreten nicht mehr die »Manifestation von Tugenden« (H.J. Wulff), »ein held« wird zum allegorischen Ausdruck der ihm inhärenten Krise. Er ist nicht nur kein Garant für Sicherheit und Wohlstand mehr, darüber hinaus ist auch seine öffentliche Rolle und der damit zusammenhängende Moraldiskurs in Frage gestellt.
Über ein intendiert unzusammenhängendes Stolpern durch Kindheits- und Jugenderinnerungen und das Einbringen von Bruchstücken klassischer Literaturformen geht der Held auf diesem Weg all seiner Vorbildmomente verlustig. Die zu absolvierenden Prüfungen und Proben können nicht mehr bestanden werden, vielmehr bringt das Scheitern etwas wie eine negative Weiterentwicklung der Heldenfiguren. Dabei kann aber weder die klassische, noch die dekonstruierte Heldenform auf die Notwendigkeit eines weiblichen Opfers (und die Verkoppelung mit einer konstitutiven, nie verheilenden Wunde des Helden) verzichten: »zu spät kam er ihr zu hilfe, starb in seinen armen sie, nie wieder wurde er gesehen, fortan er einsam war«. Die Angst, dass die Liebe nicht ausreichen könnte um das Leben, die sogenannte Wirklichkeit und all die damit verbundenen Widrigkeiten zu ertragen, ist mit Umgehers Werk für das letzte Heldenzeitalter, in das wir uns als Leser katapultiert sehen, rundum bestätigt: »zudrittversucheniezuweinenderschnellerewirdverlieren«.

Peter Umgeher: ein held. 56 Seiten. Graz: Edition Prequel 2003, EUR 11