Widerständigkeiten in der Weltmusik: Norient

Eine Bestandsaufnahme zu aktueller globaler/lokaler Musik und zu »Weltmusik 2.0«: die Berner Plattform Norient mit Mitbegründer und Chefredakteur Thomas Burkhalter im Interview.

Fotos: Sabine Pichler

(Der Text war original im Mai 2013 für des Festival Into The City erschienen.)

Die 2002 in Bern (CH) gegründete Plattform Norient ist einer der Hot Spots für spannende außereuropäische Musiken und deren Kulturen. Auf dem Online-Portal wird etwa über Heavy Metal in Ägypten, über Dabke in Syrien, MP3-Blogs aus Thailand oder neueste Trends elektronischer Musik in Ghana berichtet. Zusätzlich gibt es das Online-Magazin mit Reportagen und Hintergrundanalysen und im Norient Academic Journal werden wissenschaftliche Artikel publiziert. Neben Live-Performances und Themenabenden zu politischen, musikalischen und kulturellen Fragestellungen veranstaltet das Team rund um Thomas Burkhalter und Michael Spahr seit 2010 das Norient-Musikfilmfestival. 2008 wurde die Radioproduktion »Sonic Traces: From the Arab World« als audiovisuelle Feldstudie mit Beiträgen von rund 300 Künstlern und 2011 die CD-Compilation »Golden Beirut – New Sounds from Lebanon« veröffentlicht. Aktuell ist das mehr als 300 Seiten starke Buch »Out of the Absurdity of Life: Globale Musik« beim Schweizer Verlag Traversion erschienen, das Burkhalter zusammen mit Theresa Beyer herausgebracht hat. Und schließlich produziert Norient die Sendereihe »Sonic Traces« beim freien Radio Bern, dem RaBe. 

Thomas BurkhalterGründer und Chefredakteur des Vereins Norient ist der aus Bern stammende Musikethnologe, Musikjournalist und Kulturschaffende Thomas Burkhalter. Derzeit leitet er ein Forschungsprojekt über »Globale Nischen – Musik in einer transnationalen Welt« an der Hochschule der Künste in Zürich. Er ist außerdem als Dokumentarfilmer (»Buy More Incense – Indian and Pakistani Musicians in the UK«) und Kurator des Norient-Musikfilmfestivals tätig und hat 2013 das Buch »Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut« beim Londoner Verlag Routledge veröffentlicht. Seine Forschungs- und Interessensschwerpunkte liegen auf den experimentellen Musikszenen in der arabischen Welt und subkulturellen Pop- und Clubszenen in Afrika.

Im Rahmen von Into The City wurden dabei folgende Filme präsentiert: »Coz ov Moni« (Regie: Emmanuel Owusu-Bonsu/Mensa Ansah, 2010, Ghana; norient.com/video/cozovmoni), »Paradiso« (Alessandro Negrini, 2008, Nordirland; norient.com/stories/paradiso) und »Until the Light Takes Us« (Aaron Aites & Audrey Ewell, USA/Norwegen, 2008; norient.com/video/until-the-light-takes-us).

 

Wie kam es zu Norient?

Thomas Burkhalter: Im Jahr 2000 hatte ich zusammen mit Michael Spahr, mit dem ich das Norient-Musikfilmfestival kuratiere, in London den No-Budget-Dokumentarfilm »Buy More Incense« über indische und pakistanische Musiker in Großbritannien gedreht. Der Filmname war eine Parodie auf Klischees. Denn viele Musiker hatten uns erzählt, sie würden sich darüber lustig machen beziehungsweise auch ärgern, dass wenn sie bei Briten eingeladen waren, diese immer Räucherstäbchen aufstellten und indisch kochten anstatt wie üblich Bier und Fleisch aufzutischen. Wir hatten keine Produktionsfirma für den Film und mussten dafür einen Namen erfinden. Nach Assoziationen wie »no orientalism« oder »no orientation« kamen wir schließlich auf Norient.

Welche Erfahrungen haben Sie vor Norient gesammelt?

Als freischaffender Radio- und Printjournalist habe ich für schweizerische und deutsche Medien gearbeitet und Reportagen aus Belgrad, Istanbul oder Kairo gemacht. Damals lief diese Musik unter der Bezeichnung Weltmusik. Da ich mich für die dortigen Subkulturen interessierte, musste ich für die Weltmusik-Magazine meistens bekannte Musikernamen wie etwa Goran Bregovic oder Amr Diyab beifügen. Irgendwann habe ich begonnen, zwei Versionen der Texte zu schreiben: eine verlangte und eine für mich. Schließlich gab es eine umfangreiche Online-Textsammlung. Ich habe dann andere Journalisten und Wissenschaftler aus meinem Netzwerk gefragt, ob sie bei Norient Texte hochladen wollen.

Woher kommt Ihr Interesse für globale Musik?

Von Anfang an hatte ich eine Vorliebe für klassische arabische und indische Musik. In Bern habe ich dann die Jazzschule besucht und als Saxophonist in kleineren Formationen modalen Jazz zwischen Improvisation und Struktur gespielt. Nachdem sich Jazz für mich erübrigt hatte, richtete sich der Fokus auf sozusagen popkulturelle und experimentell-elektronische Musik. Damals bin ich viel gereist und habe festgestellt, dass es in diesen Städten frische Musik gibt, die bei uns praktisch unbekannt war. Es waren vor allem musikalische Gründe, die mich in diese Gegenden gebracht haben.

Wie gestaltet sich die Arbeitsroutine von Norient?

Norient ist ein Verein, eine Plattform. Niemand von uns kann davon leben. Meine schweizerischen Freunde konstatieren Norient Selbstausbeutung. Da wir ein Performance-Kollektiv sind, kommen durch Auftritte beschränkte Gagen herein und ab und zu gibt es z. B. für das Musikfilmfestival Kulturförderung. Die Norient-Homepage hat pro Tag im Schnitt 1200 Aufrufe. In der Regel können wir den Autoren kein Honorar bezahlen, außer eben für das Musikfilmfestival, wenn wir Hintergrundanalysen und größere Texte haben wollen. Diese Beträge werden aus dem Filmfestival-Budget bezahlt. Nur hin und wieder setzen wir für exklusive Texte etwas Geld ein. Ziel ist, dass wir pro Monat mindestens einen Artikel oder einen Podcast fix zahlen können. In der Schweiz gibt es zwar jede Menge Kulturstiftungen, aber es ist praktisch unmöglich, neben projektorientierten auch Infrastruktur-Förderungen für mehrere Jahre zu bekommen.

In Ihrem Artikel in »Out of the Absurdity of Life« beschäftigen Sie sich mit »Weltmusik 2.0«. Was kann man sich darunter vorstellen?

Dieser Begriff existiert international seit ein paar Jahren und wird von mir ironisch bis kritisch verwendet. »Weltmusik 2.0« bezeichnet eine mediatisierte und transnationale Musik, die nicht mehr auf »Anderssein« und eine bestimmte »Exotika« ausgerichtet ist. Es ist eine Musik, deren Verbreitung stark auf sozialen Medien wie Facebook, Youtube oder Blogging basiert. Das Selbstverständnis dieser Musiker ist ein anderes: Sie wollen als freie Improvisatoren oder als Elektronikmusiker ernst genommen werden. Sie wollen nicht eingeladen werden, weil sie beispielsweise Libanesen, sondern weil sie gute Musiker sind. Realistisch gesprochen ist indes immer wieder festzustellen: Um sich im aktuellen schwierigen Musikmarkt durchzusetzen, ist Exotika aber nach wie vor eine »Trumpfkarte«, die oft ausgespielt, aber auch von westlichen Veranstaltern eingefordert wird.

Ich finde interessant, dass diese Exotika nach wie vor so gut funktioniert. In Österreich gab es vor ein paar Jahren intensive Beschäftigungen mit Musiken aus ex-sozialistischen Ländern. Dieser wie ich es nenne Osteuropa-Bonus stellte sich aber bald als ein Hype heraus, der keinen längerfristigen Informationsaustausch generierte. Aus Wiener Perspektive weiß man aktuell besser über die Musikszenen in Tokio Bescheid als etwa über die in Bratislava, das nur eine gute Autostunde entfernt ist.

Mit Exotika meine ich nicht Bands, die klassische oder traditionelle Weltmusik der jeweiligen Herkunftsländer spielen. Meiner Meinung nach gibt es in den Kulturmärkten nach wie vor sehr starke konservative Kreise, die verlangen, dass ein Musiker örtlich gebunden ist. Was ich nicht verstehe, weil ja jeder Mensch an seine Umgebung gebunden ist und jene Musik macht, die aus dieser Weltsicht resultiert. Exotische, obskure oder schockierende Inhalte sind darum, besonders wenn sie beispielsweise via Facebook oder Youtube funktionieren, nach wie vor probate Strategien, um auf sich aufmerksam zu machen.

Man hat es hier mit folgenschweren Dichotomien zu tun: Welche Musik wird international vorgegeben, auf welche lokalen Traditionen bezieht man sich, was wird von internationalen Veranstaltern erwartet und gefördert, wie kartografiert sich musikalisch Heimat und wie wird diese von einem globalen Markt rezipiert? Musiker zeigen ihre lokale Verwurzelung etwa damit an, dass sie Sounds aus den Kriegen verwenden oder die ihnen zugeschriebenen Exotismen parodieren. Auch Parodien auf Exotika können sehr wirkungsvoll sein, siehe Die Antwoord aus Südafrika. Ihre mitunter krassen Videos haben ihnen sehr viele Views verschafft. Sie spielen mit den Klischees des weißen Südafrikaners, des Buren, und keiner außerhalb Südafrikas hat eine Ahnung, wofür ihre Inhalte genau stehen oder worauf sie sich beziehen. Die Antwoord wird in Südafrika sehr kritisch diskutiert, weil die Band aus einem Kunstkontext kommt und nie in Familienverhältnissen gewohnt hat, wie sie sie in den Videos darstellen.

Diese Bezugnahmen auf mal vermeintliche, mal echte Lebensumstände haben schließlich den Vorteil, dass westliche Kulturförderer nicht behaupten können, dass es sich dabei um »verwestlichte« Musik handeln würde. Natürlich sind diese Positionen immer im Einzelfall zu prüfen. Man kann feststellen, dass bei der Verwendung von Exotika das Verhältnis zwischen Pragmatismus und Authentizität ein äußerst problematisches ist.

Wie werden Bands, die internationalen Erfolg haben, vor Ort rezipiert?

Dazu gibt es sehr unterschiedliche Positionen. Letztlich muss man sagen, dass es sich bei den von Norient besprochenen Gruppen und Strömungen um Nischenphänomene handelt. Problematisiert wird oft, dass es sich bei den im Westen bekannten Musikern durchwegs um »Elitekünstler« handelt, um solche, die eine Ausbildung genossen haben, die gereist sind und die es sich leisten können, eine Musik zu machen, die von nur Wenigen gekauft wird.

Nach dem Krieg im Libanon 2006 gab es viele Künstler, die sich darüber ausgedrückt haben. Wenn man wie ich dort war, wusste man: Die meisten dieser Leute haben in der Innenstadt von Beirut gewohnt. Und man wusste auch, dass nicht dort, sondern im von der Hisbollah kontrollierten Südteil die Bomben heruntergefallen sind. Diverse Musik- und Videokünstler sind erst nach dem Krieg zum ersten Mal in ihrem Leben in Süd-Beirut gewesen.

Vor Ort fand man es seltsam, wie diese Künstler von ihren netten Häusern aus ihre Kriegstraumata verarbeiten und damit als »authentisch Erlebtes« im Westen Gehör finden. Natürlich erzeugen solche Situationen lokal Spannungen.

Norient BuchcoverIn »Out of the Absurdity of Life« spricht die amerikanische Soziologin Portia Seddon vom »Global Ghetto«. Bemerkenswert finde ich, dass dabei plakative Themen um Gewalt und Moneten nach wie vor so prominent aufgegriffen werden. Anscheinend lässt sich die Ikongraphie des Ghettos oder des Favelas weiterhin gut vermarkten.

Das hat vorher schon funktioniert und mit Kanälen wie Youtube und Facebook potenzieren sich diese Mechanismen. Gewalt ist schlicht ein Thema, das Menschen immer schon fasziniert hat. Der italienische Komponist Luigi Russolo hatte ja bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den Krieg vertont und die Futuristen fanden den Krieg ein ästhetisches Phänomen. Aber wahrscheinlich ist es viel banaler: Man kann sich jeden Tag in den Boulevardmedien davon überzeugen, wie gut Katastrophen, Mord und Totschlag Leser ziehen.

 

Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen den Lärmkompositionen von Russolo und aktuellen Kriegsvertonungen?

Natürlich ist das heikel. Die Musiker in Beirut, die in experimentell-elektronischen Kreisen arbeiten, sind sehr gut über die Musikgeschichte ihrer Genres informiert und haben eine ähnliche Ausbildung wie wir im Westen. Weswegen sie sich durchaus für futuristische und Musique Concrète interessieren. Sie haben den Vorteil, dass sie heutzutage mit ein paar Klicks diese Musik hören, inkorporieren oder sich davon absetzen können.

Wie gestaltet sich lokales Trendscouting? Was tun, um die Musikkultur eines jeweiligen Landes abzustecken und was sind Kriterien für Qualität?

Ich mache zurzeit viele Interviews mit – wie es Seddon nennt – MP3-Bloggern. Sie suchen nach Platten oder Cassetten aus bestimmten Regionen oder tauschen mit Sammlern und stellen dieses Material online. MP3-Blogger haben eine große Leidenschaft für Musik, sie suchen nach Sounds, die sie dringlich finden. Qualität hat dabei immer mit einer sehr persönlichen Auswahl zu tun. Es hat sich aber herauskristallisiert, dass man als Blogger oder Musikjournalist schon eher gelesen wird, wenn auch andere Blogger, Journalisten oder Medien die von einem vorgeschlagene Musik ebenfalls als qualitativ einstufen. Ob man da immer richtig liegt oder sich täuscht, ist natürlich nie abschließend zu sagen und wird vielleicht die Zeit zeigen. Aber das ist ja mit das spannende an Kunst und Musik.

Für mich gestaltet sich eine wenn man so will Feldforschungsstudie so: Man kann mittlerweile schon im Vorfeld viele Musiker oder Blogger im Internet suchen. Wenn ich in eine Stadt gehe, schreibe ich sie z. B. über Facebook an, denn viele sind darüber vernetzt und die meisten können entweder Englisch oder Französisch. Auf einer anderen Ebene ist das aber ein großes Problem im Weltmusik-2.0-Diskurs, denn man beschäftigt sich hierbei größtenteils mit Eliten, die an diese internationalen Kommunikationsmedien angeschlossen sind.

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On location: Kairo (c) Norient

 

Klischeehaft gesprochen sind Blogger überdurchschnittlich gebildete, weiße, männliche Personen in ihren späten Zwanzigern, frühen Dreißigern. Wie gestalten sich weibliche Positionen zu Musikproduktion und Blogging?

In der arabischen Welt kann man beobachten, dass es viele Musikerinnen gibt, die sich mit experimenteller und elektronischer Musik oder Rap beschäftigen. Ich war gerade in Kairo, dort gibt es in der experimentellen Musikszene einen richtigen Frauen-Boom mit bereits etablierten und auch jüngeren Künstlerinnen wie etwa Nahla Matter, Yara Mekawei oder Ola Saad. Ich konstatiere, dass der Frauenanteil dort genauso hoch ist wie in der Schweiz. In Beirut finde ich das Verhältnis sehr ausgeglichen, siehe etwa Cynthia Zaven, Malikah, Joelle Khoury oder Liliane Chlela. Bei den Bloggern würde ich zustimmen: die meisten sind wahrscheinlich wirklich zwischen 20 und 35 Jahren alt, großteils weiß, männlich und ganz einfach Nerds. Bei Norient haben wir mittlerweile Frauenmehrheit: Annegreth Schärli ist für die Grafik zuständig, Theresa Beyer war Mitherausgeberin von »Out of the Absurdity of Life« und gestaltet wurde das Buch von Michèle Zoller von Traversion.

Das Thema Copyright wird im Westen seit einiger Zeit heftig diskutiert. Die Idee um das Original ist meiner Meinung nach stark an die Künstlerautorität gekoppelt. Ist Copyright auch ein Thema für Weltmusik 2.0? Als ich beispielsweise letztes Jahr in Marokko war, wurde mir erzählt, dass es sich bei der dortigen traditionellen Musik eher um ein zyklisches Verhältnis zwischen Altem und Neuem handelt. Einerseits ist Copyright ein sehr hemmender Zugang – denken wir an Sample-orientierte Musiken wie HipHop -, andererseits muss man von etwas leben.

Themen um Copyright werden natürlich auch beispielsweise im arabischen Raum diskutiert, es ist dafür ein Problembewusstsein vorhanden. Sie ärgern sich, wenn Blogger, DJs oder Journalisten die Nummern ohne Credit-Nennung ins Netz stellen. Allgemein gesprochen ist es bei Online-Netzwerken sehr schwierig, festzustellen, was noch legal ist und wo Grauzonen beginnen. Auch ethische Fragen sind weiterhin ungelöst: Wie gehe ich mit Original und Sample um, ist es verwerflich, wenn ein Elitekünstler Kriegsmusik macht etc. Es ist sehr wichtig, sich die individuellen Hintergründe und soziopolitischen Zusammenhänge anzusehen, die dazu führen, warum oder wie jemand etwas macht. Westliche Rezeptionsmuster funktionieren hier nur sehr bedingt.

Bei Norient versuchen wir immer, Credits zu geben. Das ist uns sehr wichtig. Für die Radioproduktion »Sonic Traces: From the Arab World« haben wir die darauf befindlichen 300 Samples fein säuberlich aufgelistet und das OK der jeweiligen Künstler eingeholt. Als wir die CD »Golden Beirut« mit subkultureller Musik aus dem Libanon herausgebrachten, haben wir dafür ganz normal Lizenzgebühren bezahlt.

Wie wird man im Westen bekannt? Handelt sich dabei um Ausnahmephänomene?

Zum großen Teil ist das sicherlich Zufall. Man muss als Künstler parat beziehungsweise verfügbar sein und muss auch schon einiges geleistet haben, um vom Zufall profitieren zu können. Dann braucht es zur richtigen Zeit die richtigen Leute, die darauf anspringen und für Verbreitung sorgen.

Ein gutes Beispiel ist Omar Souleyman aus Syrien. Seine Dabke-Musik wurde lange auf Cassettenständen in Kiosken oder auf Bazaren vertrieben. Seine Tapes kamen einem amerikanischen Label in die Hand und sie veröffentlichten eine CD mit ihm. Souleyman, der im arabischen Raum alles andere als friktionsfrei wahrgenommen wird, spielt mittlerweile auf dem Glastonbury-Festival und hat Remixe für Björk gemacht. Was aber auch wieder für seine Qualitäten spricht. Denn man muss nicht nur auf den lokalen Bühnen zuhause sondern auch auf den internationalen sicher sein.

Wie wird außereuropäische Musik von hier lebenden Migranten aufgenommen?

Es ist sehr wichtig, wer die Party, das Konzert oder das Festival veranstaltet und die Auswahl der Musik spielt eine ebenso wichtige Rolle wie der Veranstaltungsort. Es gibt nach wie vor innerhalb der Clubs und den Clubs gegenüber sehr große Schwellenängste.

Wenn man z. B. ein Inder in Bern ist, vielleicht noch in der ersten Einwandergeneration, und es findet eine indische Party in einer Berner Kultureinrichtung statt, dann kann schon der Eintritt ein Problem sein, man kennt niemanden, man fühlt sich vielleicht weder in der Berner noch in der eigenen Gemeinschaft wohl, und dann kommen all diese Kulturleute … Vielleicht ist es ja auch so, dass man die Klischees, die man durch diese Partys quasi gespielt bekommt, vermeiden will. Oder weil man nun endlich woanders ist und eben genau nicht die Musik der Heimat hören will, nach dem Motto: »Das ist Exotika, damit wollen wir nichts zu tun haben, wir wollen Rockmusik hören«.

Natürlich ist auch die Toleranz lokaler Kulturbetreiber gering, weshalb diese Partys nicht unbedingt in einem »authentischen« Setting stattfinden sondern in einem, das ihren Vorstellungen entspricht. Wir haben in der Berner Dampfzentrale einmal eine Party veranstaltet, für die wir mit serbischen DJs aus dem Berner Raum zusammengearbeitet haben. Die haben dann Balkan-Beats und Turbo Folk aufgelegt. Der Community hatte das sehr gefallen, aber die Berner Kulturschaffenden waren doch etwas konsterniert. Beim Musikfilmfestival funktioniert die Einbindung lokaler Communities interessanterweise besser. Wir schreiben sie an und versuchen, sie möglichst aktiv in die Auswahl miteinzubeziehen.

Norient Filmfestival