© Lisa Kortschak

Videopremiere: »23:61« von 76 % aka Lisa Kortschak

Auf zum »Ufo« aufs Dach des Leopold Museums im MQ. Mensch muss nicht dorthin, sondern kann sich per skug-Videopremiere hinbeamen. Leicht verstörende und doch sich im Ohr festsetzende Synthieklänge untermalen das dort geschehende futuristisch-visuelle Unterfangen »23:61« von 76 %.

Ohne Zweifel war Lisa Kortschak bisher zu wenig im Wahrnehmungsradius von skug. Ihr Schaffen umfasst zahlreiche Ausstellungsteilnahmen und berüchtigte Installationen mit perfekten Titeln wie »Out in the Closet« oder »Peep Show – What you see is what you get«. Auch filmte sie die »Detroit Overture«, ein Konzert für acht Autos im einst prächtigen Michigan Theater, das heute als Parkgarage dahinsiecht. Mit dem Kurzfilm »Liquid Sonic Palindrome«, der in dem ästhetischen Meisterwerk des Wiener Amalienbads spielt, wo ein Ensemble von Schwimmern ein abstraktes Musikstück generiert, nahm Kortschak an der Diagonale teil. Dazu war sie als Co-Kuratorin tätig, für die Konzertserie Brutto! im Brut, mit Rania Moslam und Gregor Mahnert. Doch zurück zur Musik, zu den Musikvideos. Kortschak ist und war auch als Sängerin aktiv, bei Storno Beat, Tankris oder Half Darling. Für Elektro Guzzi intonierte sie »Miney Mick« erstmals als 76 % und steuerte mit Mahnert auch ein akklamiertes Musikvideo bei.

Lisa Kortschak arbeitet transmedial und denkt interdisziplinär, auch wenn es »nur« ein Musikvideo ist. »23:61« ist nun der erste Song von 76 % als Solo-Artist (Komposition, Gesang, Instrumentierung). Erneut wählt Lisa Kortschak ein architektonisches Meisterwerk aus. Laurids Ortners MQ Libelle, seit April 2020 am Dach des Leopold Museums zugängig, besticht insbesondere durch die geschwungene ellipsoide Form sowie eine Lichtinstallation von Brigitte Kowanz, die als zentrales Element im Video auftaucht und deren urbane Hochebene auch Schauplatz ist. Die Synthies tragen Halbmast, symbolisch sticht ein Schiff in See: »The sun is low, the breeze is stiff / It’s weeks since we have left the harbour…« Der Titel »23:61« fungiert auch als Mahnung, dass es schon zu spät sein könnte. Tarkovskyesk liegt etwas in der Luft, das nicht absehbare Folgen für die Menschheit bringen wird. Die Lyrics künden von einer Überfahrt ins Ungewisse. Fünf Performer*innen sind in einer Statik gefangen, wirken wie erstarrt, agieren in einer Twilight Zone. Traum und Wirklichkeit verschwimmen … kurz flackert ein Soundmotiv auf, das nach dem New Yorker Duo Suicide klingt. Abgrundtief schöne Musik mit Trauerflor. Es löst sich längst nicht mehr alles in Wohlgefallen auf. Zwei Gesichter und die Haare morphen wie weiland bei Aphex Twin. Es wird dunkel. Ausdrucksstarke Klangbilder zum Zeitenwandel im Anthropozän.

Link: lisakortschak.klingt.org