Hole © Manfred Rahs

US-female Alptraum aka Hole

30 Jahre skug, auch anhand von Coverstorys! Courtney Love und die weiteren Berserkerinnen im Quartett Hole (skug #7) verkörpern wie ihre feministischen Role-Models Patti Smith (#36), Lydia Lunch (#101) und Kim Gordon von Sonic Youth animalische White-Trash-Bühnenpräsenz. Ein skug-Interview aus 1991.

Anlässlich 30 Jahre skug wühlt die Redaktion in alten Heften. Hätten wir Zeit und Geld, würden wir einiges mehr erstmals auf skug.at publizieren. Doch manches muss jetzt schon sein. Die ehemalige skug-Autorin und München-Außenstelle Barbara Winkler schreibt über weibliche Ikonen der Rockmusik. Hole ließen in ihrer Musik emotionalem Frust und Schmerz freien Lauf. Laute Katharsis als Therapie, die intensive Körperlichkeit vermittelt. Mit unbändiger Energie die Wut rausschreien und das Toben in Songs kanalisieren, das konnte die Band um Courtney Love sehr gut. Hier also Barbara Winklers Gespräch mit den Hole-Musikerinnen, erschienen in skug #7, 1991, und Reflexionen über das Feminine, den Feminismus, aber auch die männlich-expressive »male attitude« von starken Frontfrauen in der Rockmusik, die auch ihre Verletzlichkeit bloßstellten und gleichzeitig brillante Songschreiberinnen waren. Rock’n’Roll und Rebellion kennzeichnen auch das Werk der erwähnten Vorbilder Patti Smith, Kim Gordon und Lydia Lunch, die männliche Macht aggressiv angreifen, ohne Verleugnung ihrer Weiblichkeit und ohne Opfer zu sein.

Originaltext in skug #7, 1991
Originaltext in skug #7, 1991

My language is not silence

Selten zuvor hat eine Band »trash« – vor allem live – so eindeutig als Formalismus definiert wie Hole. Die Bezeichnung »stage bitches« hat folglich auch nicht lange auf sich warten lassen – was sie dabei aber außer Acht lässt, ist die Tatsache, dass hier drei Frauen und ein Mann am Werk sind, die inhaltlich ein Ganzes bilden und darüber hinaus in einer Tradition stehen, die den Rock’n’Roll als Rebellionsform am Leben erhalten hat. Eine neuerlich notwendige Korrektur also?

Programmatisch also das Schreien. Vom Besten, Härtesten und Aggressivsten der letzten Zeit soll hier die Rede sein. Welcher Zeit? Ein Seelenabgrund voll Düsternis und Schmerz tut sich auf. Ein Trip in die dunklen Seiten der Erinnerung, ein Alptraum mit offenen Augen. Alle Qualen des Inneren auf den Punkt gebracht, da herrschen die Variationen nur noch Grau in Grau. Angst, Frustration und Sex, ein schwarzes Loch tobender Leidenschaften, unerfüllter Sehnsüchte und von echtem Hass. Wenn dieser Sumpf ans Licht kommt, dann ist er niemals gefällig. Das war er nicht bei Patti Smith, nicht bei Lydia Lunch und ist er auch nicht bei Hole. Hole als eine der neuesten, Furore machenden Bands dieser exzessiven Richtung. Aufwühlend und von ganz und gar besitzergreifender Tendenz ist die Präsenz dieser Band. Hole sind laut, lärmend, verwüstend und anklagend, offen in ihrer Entäußerung wie in ihrer Musik voll depressiver Riffs und manischer Gitarren. Radikal in einer Poetik des Alptraums, hier des amerikanischen female Alptraums.

Musik als Therapie: Um Körperlichkeit wiederherzustellen. Um die Intensität einer Leidenschaft wiederzufinden. Selbstentfremdung als Kennzeichen unserer gegenwärtigen Kultur, Klischees und Normen, die dich von deinen eigenen Empfindungen distanzieren. Rufen doch die meisten Dinge, die uns bewegen, nur noch Erinnerungen an etwas wach, an vergangene Erlebnisse, aber ein primäres Erlebnis gibt es kaum mehr. Musik ist nach wie vor ein unmittelbares Medium, intensives Erleben direkt und authentisch zu gestalten. Wahre Leidenschaft durch gewaltige Musik. Körperlichkeit durch intensivste Sinneswahrnehmung. Das heißt, erst wenn wir gewisse Schranken und Hindernisse abgebaut haben, kann uns die Ursprünglichkeit von Musik in ihrer hypnotischen Wirkung tatsächlich erreichen und durchaus befreiende Konsequenzen haben (Katharsis tönt es aus philosophischer Ecke). Ein Wagnis, wenn nicht ein Schritt zur Selbstaufgabe. Im kultischen Sinne. Rockmusik als Kultersatz. Die extreme Körperlichkeit der Musik entsteht also nicht durch einbalsamierende Klänge und Melodiengebilde, sondern auch durch die konkrete Körpererfahrung von Mensch und Instrument.

Konsequent und gerade deshalb so einzigartig exerzieren das Sonic Youth seit Beginn ihres musikalischen Schaffens. Erleben an sich ist das eigentliche Ziel, und die Musik kann dadurch nur entgegen jeglicher Normsetzung sein. Selbst wenn sie anfangs nur mit Gegenständen ihre Gitarren bearbeiteten, so war es genau diese Struktur, die der Rockmusik eine neue Richtung gab. Ein primäres Erlebnis durch die Musik, primäre Erfahrung durch Sex, primäre Zerstörung durch Gewalt … als Reaktion auf die Illusion einer Realität, die von glanzvoller Medienkultur und utopischer Identität lebt. Die eine mögliche Antwort auf den amerikanischen Way of Life. Im gleichen Atemzuge aber entsteht eine Angst genau vor dieser Intensität, einer Intensität, in der man sich zu verlieren glaubt. Heute will man konsumieren, unterhalten werden und Gefälliges erleben. Ein primäres Erlebnis jedoch ist etwas so Intensives, vor dem die meisten Menschen in allen Erfahrungsbereichen zurückscheuen. Der schmale Grat zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn wird darin nur zu schnell deutlich. Und Wahnsinn ist nach wie vor eine Sprache, eine Artikulationsform, die sich unserer Realität entzieht, die unverständlich, dadurch bedrohlich wirkt und nach außen eine Art Verweigerung der eigenen Existenz darstellt.

Hole © Manfred Rahs

»I think that just being open is intense. And being able to feel everything you’re able to feel.« Lynne Messinger 

Kehren wir zurück zu Hole. Holes entscheidender Kick ist diese ungebändigte Energie, die, wenn in Bestform, Ausbruch ungeahnter Virilität und Kraft bezeugt. Kein bisschen Musik zum Anhören und Genießen, sondern nur dann ein Genuss, wenn man sich mit hinein in den Strudel rhythmischer Lärmeskapaden und abgründiger Seelenpein stürzt. Die Lust am eigenen Leid und Leib verspüren. Mit weitaus hysterischen Gitarrenriffs und wütender Stimme fabrizieren Hole einen Sound, dessen Weg hinunter in die Tiefen von guten und bösen Kräften jeglicher Dimension führt. »Good sister, bad sister, better burn that dress, sister, scar tissue, blood blister, suck upon the dregs, sister.« – »Pretty on the Inside« als Titel der Debut-LP ist geradezu eine genial gelungene Paraphrase über den Zustand dieser Band.

White Trash in der Tradition von Sonic Youth, Birthday Party und etlichen anderen sowie Lydia Lunch im Speziellen und Patti Smith im Allgemeinen. Aber dazu später. Was nun die Aufmerksamkeit rund um Hole ausmacht, ist ganz sicherlich die Tatsache, dass es sich hier nicht nur um eine extrem kompromisslose und exzessive Form von Rockmusikpoesie handelt, sondern drei der vier Protagonisten dieser Band weiblichen Geschlechts sind (»›Hole‹ as one woman« Eric). Und das mit vollem Bewusstsein. Mit Courtney Love haben Hole eine Frontfrau, deren tobende Wut weit über die Grenzen des netten, anschaulichen Mädchens on stage hinaus geht. Courtney Love ist sich sehr wohl ihres Auftretens, ihrer Macht, ihrer Aggressivität und ihrer Ausstrahlung bewusst – »I just stopped being scared about what I’m doing« – mit dem Ergebnis, dass sich die Band ständig mit einem Girl-into-music-Hype konfrontiert sieht. Zu gerne kommen die Vergleiche mit anderen Frauenbands, vor allem mit Babes in Toyland, auf. »Hole ist in erster Linie eine Band, Hole, das sind Jill, Caroline, Eric und ich«, sagt Courtney bestimmend, »und wenn die Musik viel von meinem Frust, meinen Schmerzen beinhaltet und ich das ausdrücke, so sind es Dinge, die ich als Individuum, als Frau empfinde und erfahren habe, und nichts anderes.«

Courtney Love © Manfred Rahs

»There’s been so much white male posturing in rock, that what’s really important to me is getting across the female perspective – and that includes both rage and vulnerability.« Courtney Love 

Courtney: Was den Vergleich mit den Babes in Toyland angeht: Kot und ich sind beide aus Portland, wir haben zusammen in einer Band gespielt, sie spielte Gitarre und ich sang. Wir sind auch jetzt noch gut befreundet, aber unser Arbeiten ist ganz unterschiedlich. Dass man uns ständig vergleichen will, finde ich ziemlich lästig, aber es hat wohl auch mit dem Girl-Ding zu tun. Rockmusik hat eine sehr junge Geschichte und war von Anfang an von Männern bestimmt, die Frauen sind nach und nach da eingestiegen, die letzten 30 Jahre drehten sich nur um die Haltung weißer Männer, unterstützt und bewundert von Frauen. Und es hat sich langsam zu dem Punkt hin entwickelt, dass die Position, die Männer heute einnehmen, langsam lächerlich und langweilig wird. Ich sehe da eine Art Evolution, noch sind es Männer, die die Macht und das Vorrecht in der Rockmusik haben. Es begann mit Männern, die Zeiten wurden etwas freier, in den 60ern gab es schon die ersten Frauengruppen, die 70er hatten die Runaways und Patti Smith, die 80er die Bangles, Go-Gos und noch mehr Patti Smith, es wuchs und wuchs, I mean, just talkin’ about evolution.

Jill: Ich hoffe, dass nach unserer nächsten LP niemand mehr von »the girls« reden wird, sondern »that’s Hole«.

Courtney: Ich denke, es geht hier auch darum, unser Konzept zu sehen, das über diesen Hype hinausgeht, in den man uns packen will. Wir sind Songwriter und wir arbeiten hart daran. Die Lyrics sind ein wichtiger Teil der Musik, es sind traumatische, persönliche Erfahrungen, tiefe emotionale Lügen. Ich denke, es gibt nur sehr wenig wirklich gute Post-Punk- und independent female Songwriter und wir versuchen darüber hinaus in einen Prozess wirklich guten Songwritings überzugehen. Daran sind wir hauptsächlich interessiert, natürlich gibt es da jede Menge Einflüsse, aber wir arbeiten hart an uns selbst. Letzte Nacht waren wir wirklich sloopy und das passiert eben manchmal und wenn das passiert, bekomme ich wirklich Angst. Eine Teilschuld hat natürlich das Touren, du kannst einfach nicht immer voll da sein. Aber ich möchte wirklich zeigen, dass wir an unseren Songs, unserer Dynamik arbeiten.

Jill: Okay, mit unserer ersten LP denken die Leute, »das ist es, wofür Hole steht«, aber egal, ob wir touren, im Studio sind oder proben, die Dinge entwickeln sich und gehen vielleicht in etwas anderes über, mehr und mehr, anstatt nur totally angry zu sein. Da ist sehr viel Wut, aber es kann sich in verschiedenen Formen entwickeln und ich denke, der wichtigste Punkt für mich ist, dass ich an etwas weiterarbeite.

Courtney: Ja, das ist das erste, was aufgenommen wird, weil es das Auffallendste ist, und damit haben wir auch begonnen, und dieses Toben ist noch immer da, aber es ist nicht das Einzige, was unsere Band ausmacht. Es liegt daran, dass das seltener geschieht und vielleicht deshalb so provoziert. 1 mean, es ist so verwirrend, wir bekommen plötzlich jede Menge Presse und ich denke, wir sind nicht die ersten, die ihre Wut nach außen tragen. Was mich wirklich ärgert, ist z. B. jemand wie so ein Typ neulich von einem Fanzine, der meinte, unserer Musik ist total geplant und inszeniert. Was heißt hier geplant, glaubst du, Mark Arm ist nur einstudiert oder Nirvana, die jeden Abend ihre Backline zerstören, was soll das? Ich glaube nicht, dass es aufgesetzt ist, wenn ich einen Song über wirklich tiefe emotionale Situationen singe, in der ich sehr verletzlich bin und diese Verletzlichkeit auch offen zeige. Sowas sagt er doch nur im Hinblick auf die Tatsache, dass ich hier als Frau auf der Bühne stehe. Aber man kann sich jede Menge Bands anschauen, die eine bestimmte Intensität ausdrücken (no namedropping) und da wird dann nicht von Inszenierung geredet. Ich habe einmal eine Gitarre zerstört, in London, ich hasste es, ich hasste mein ganzes Leben, alles, alles war beschissen, das Konzert, der Sound, die Technik und Leute reagierten »Hey, you destroyed a guitar«, ich meine, ich habe eine Million Guys gesehen, die ihre Gitarre zerstörten, und kaum jemand kam da so daher. Das ist dann ganz normal. Fuck that.

Patti Smith © Vistawhite, Wikimedia/CC BY-SA 3.0

»Women are especially capable of animal sounds due to the fact that we reproduce in such a completely animal way when giving birth, you’re just howling-away like a wolf. You can’t help it, it just comes from real far away, so far you don’t know where it comes from.« Patti Smith

Was Courtney hier ganz unbewusst anspricht, ist die typische Reaktion einer männlichen Gesellschaft auf das offensive und aggressive Auftreten von (nicht nur) Frauen. Rockmusik ist da geradezu symptomatisch, da sie viel mit Darstellung, Präsentation und aktivem Verhalten zu tun hat. Courtney Loves Bühnenpräsenz thematisiert offensiv und direkt Sex, bedrohlich, da in Verbindung mit weiblichem Erscheinungsbild und direkten Bedürfnissen. Diese Frau fordert, hat eigene Bedingungen für ihr Leben, bestimmt ihre Rolle selbst, indem sie ihrer Persönlichkeit größtmöglichen Raum gibt. Ein Individuum voll von Hass, Liebe und Widersprüchen und im gleichen Augenblick so angreifbar und verletzlich. Selbstinszenierung in zarten Kleidern und starrem Blick. Posing for business, ganz bewusst. Die eine Seite von Hole als artifizielle Aufmachung mit Stil, die andere ist direkter Angriff und volle Blöße durch die Musik. Dabei ist die magische Wirkung nicht Courtneys alleiniger Verdienst, auch wenn sie anfangs im Blickpunkt steht. Erics Raserei an der Gitarre entwickelt eine weitere Dynamik, die, getragen durch Jill am Bass und Caroline am Schlagzeug, den Grenzwert optimal auslotet.

Hole stehen mit ihrer Expressivität nicht einzigartig da, im Gegenteil, sie bilden für mich nur einen weiteren Schritt in Richtung eines stärker werdenden Bewusstseins über eine Kraft, in der männliche und weibliche Energien in sich zum Tragen kommen. (Ein Grund, der aus Sonic Youth eine durchaus »weibliche« Band macht). Die enorme Energie, mit der z. B. Patti Smith (und Hole geben ganz offen gerade ihren Einfluss zu) geradezu halsbrecherisch (im wahrsten Sinn) über die Bühnen fegte, war eine Neuigkeit, mit der sich anfangs nur wenige anfreunden konnten. Patti Smith hatte keine Schwierigkeiten, ihre male attitude herauszulassen oder die Fesseln einer passiven Weiblichkeit zu sprengen. »Ich fühlte mich immer sehr stark androgyn. Ich habe viele männliche Rhythmen in mir, gleichzeitig liebe ich es, Frau zu sein.« Sie wurde wegweisend für das, was in den 80ern folgte. »Rock’n’Roll ist das Härteste, was ich bisher gemacht habe. Es ist jeden Abend derselbe Alptraum«, und Patti lebte diesen Alptraum zu 100 %. Eine dünne, ruppige Person, deren Unberechenbarkeit und exzessive Darstellungsform ihrer Zeit weit voraus war. Da gab es keine Kompromisse, da war pure Energie, die ihren Konzerten die Intensität von fast religiösen Erlebnissen gab. Eine Performerin, deren Ausstrahlung und Magie über die physische Präsenz hinausging. Sie gab alles oder nichts und als sie spürte, dass die Unmittelbarkeit und Intensität nachließen, stieg sie aus.

Lydia Lunch © Manfred Rahs

»I always think of my music, or writing, or whatever, as an exercise in exorcism. I guess… to shake the ghosts, get the bad spirits out.« Lydia Lunch

Bei Lydia Lunch kennen wir die Wut, den Zorn, der ihre Auftritte begleitet. Diese raue, voluminöse, dreckige Stimme, so grob vulgär und beißend, so anklagend, schimpfend und quälend, mit aller Kraft ihr Territorium verteidigend. Lydia Lunch als Künstlerin und Musikerin hat sich noch nie davon abhalten lassen, schlechte Erfahrungen zu machen, um sie dir dann ins Gesicht zu spucken. Geisteraustreibung und Wahntiraden, ob in musikalischer, filmischer oder sprachlicher Form. Ein 40-minütiger wütender Monolog, wie sie ihn zum Beispiel bei ihren Spoken-Words-Touren vorzutragen pflegte, zerstört jede letzte Illusion von heiler Welt. Lydia ist laut, bösartig und angriffslustig und schon lange nicht mehr nur Opfer. »Meine Musik ist purer Selbstausdruck und hat nichts zu tun mit dem, was Trend, Hype, Stil oder Mode ist, oder damit, andere zu ärgern. Was mich ärgert und zornig macht, das kommt raus. Ich bekomme so viel Scheiße, Gewalt und Brutalität mit, und das ist es, was ich herauslasse, die Verletzungen, die mir zugefügt wurden. It’s pure rage.«

Und wenn Courtney Love davon redet, dass jedes Girl in dieser Welt nur endlich eine Gitarre in die Hand nehmen und losschreien sollte, so ist das nicht anderes als Lydia Lunchs programmatische Aufforderung: »Ladies, get your guns, get your goddamn guns«. Eine Haltung, die mehr als bedrohlich ist. Exemplarisch hier vorgeführt auch von Hole. Rock’n‘Roll im Sinne von Rebellion kommt letztendlich genau dann zum Tragen, wenn Konventionen in musikalischer wie personifizierter Hinsicht überwunden werden. Frauen können bei Gott aggressiv, grausam und bösartig sein, ohne dass sie dadurch etwas spezifisch Männliches annehmen, geschweige denn so wie Männer sein, d. h. in den Besitz der Macht kommen wollen. Vielmehr wird genau diese Macht angegriffen, in subversivster Form, durch konkrete Artikulation, durch Musik, durch Verweigerung. Natürlich irritiert es, wenn ein niedliches Wesen wie Kot von den Babes in Toyland auf der Bühne zum rasenden Irrwisch wird und ihren ganzen Wahnsinn aus der Gitarre heraustreibt. Natürlich ist es roh, wenn Patti Smith einen nach ihrem Bein greifenden Fan kräftig tritt und dazu nur lakonisch kommentiert: »Don’t touch me without me saying my okay.« Und natürlich ist es gröbste Provokation, wenn sich Kim Gordon, Lydia Lunch und Sadie Mae zusammentun, um in dem reinen Live-Projekt Harry Crews über die Widrigkeiten des Lebens zu sinnieren und dabei musikalische Tobsuchtsanfälle hinlegen, dass ihnen so mancher gerne den Strom abgedreht hätte.

Kim Gordon © Manfred Rahs

»Music is not the only way to reach this intensity, but I can’t see another one at this time.« Kim Gordon

Das übliche Argument »schauen gut aus, aber können nicht spielen« erscheint nur mehr als peinliche Rechtfertigung eines bestehenden Unbehagens. Konzentrierte Energie, offensiver Sex, direkte Konfrontation mit dem, was ich bin (»Born to be, born to be me«, Patti Smith) dazu noch jede Menge Körperlichkeit und Lust, das ist der Konsens, mit dem eine Band wie Hole durchaus als »the only Rock’n’Roll band in the world« bezeichnet werden können. (Natürlich sind sie nicht die Einzigen). Wenn dabei starke und intelligente Frauen Platz beanspruchen, ohne groß ihre Weiblichkeit zu verleugnen, wird das Ganze dann noch um einen Grad delikater. Aber that’s up to you, guys, to check it out. Ich habe damit keine Probleme. Eric anscheinend auch nicht. (War da noch was? Ach ja, »girlism«, gäääähn …)

Discographie: Hole: »Pretty on the inside« (Cityslang/Vielklang 1991)