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»Tina«

Nach zwei Autobiografien, einem Spielfilm und einem Musical rollen T. J. Martin und Dan Lindsay nun auch via Doku das Leben der Queen of R’n’R Anna Mae Bullock aka Tina Turner nochmals auf. »Tina« überzeugt zwar als poppiger Feel-good-Streifen, enttäuscht aber gerade dort, wo er kritisch sein will.

Man sollte sich fragen, was über eine so Große wie Tina Turner, die 2018 ihre zweite Biografie veröffentlichte und der 2019 sogar noch ein eigenes Musical gewidmet wurde, noch großartig Neues in einem Dokumentarfilm gesagt werden kann. Einerseits könnte ein Film wie dieser durchaus durch den Trendfaktor bestimmt sein, den bunte Feel-good-Biopics über Musikikonen des letzten Jahrhunderts in den vergangenen Jahren zu haben scheinen (man denke nur an »Bohemian Rhapsody« oder »Rocketman«). Andererseits könnte es aber auch sein, dass der filmische Abriss der nunmehr 81-jährigen Tina Turner bei »Tina– What’s Love Got to Do with It« 1993 endet, einem Spielfilm, der damals viel Furore auslöste, weil er in erster Linie die gewalttätige Beziehung zu ihrem Ex-Mann Ike Turner thematisiert. Dass danach nun doch noch ein ganzes Stück weiterer Karriere und Leben passiert ist, bleibt dadurch wohl noch offen und filmisch inszenierbar. Dass nach knapp siebenmonatiger Kinopause ein Film, der von großartigen Live-Aufnahmen und tosenden Menschenmassen begleitet wird, irgendwo Sehnsuchtsgefühle und gute Laune auslöst, soll dem Streifen von Dan Lindsay und T. J. Martin vergönnt sein. Allerdings gibt es dann doch genau dort Abstriche, wo er versucht, dem eigens inszenierten Schatten zu entkommen und eben einen Mehrwert zu schon bestehenden literarischen und filmischen Erzeugnissen zu bilden.

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»I remember the girl in the fields with no name«
Anna Mae Bullock, die als Tochter eines Baumwollbauern aufwuchs, lernt als gerade mal 17-Jährige den Musiker Ike Turner kennen, der sie sehr schnell – aufgrund ihrer herausragenden Stimme und Energie – als absolute Goldmine erkennt und bei seiner Band Kings of Rhythm mitsingen lässt. Bald schon allerdings sind es Ike und Tina Turner, die mit drei, vier Shows pro Abend die lokalen Spielstätten und Bars füllen und eine rasante Karriere hinlegen. Von 1962 bis 1978 sind Ike und Tina – die ihren Künstlernamen von Ike oktroyiert bekam – verheiratet und auch musikalisch »partners in crime«. Was bis zur großen Aufdeckungsstory des »People«-Magazins 1981 aber so gut wie niemand wusste, war, dass Tina Turner durch ihren Ex-Mann Ike nicht nur emotional manipuliert und missbraucht, sondern gleichzeitig auch fast von Beginn ihrer Beziehung an regelmäßig verprügelt und vergewaltigt wurde.

Diese Geschichte sowie der Überlebenskampf, den Tina als Künstlerin nach ihrer Scheidung von Ike durchleben musste, blieb im 1993er-Film »Tina – What’s Love Got to Do with It« wenn, dann nur angerissen. Und es ist – wie auch in dem diesjährigen Film betont – wichtig, zu unterstreichen, wie sehr das Herauskommen mit dieser Geschichte über Gewalt und jahrelangen psychischen Terror absolut nicht selbstverständlich für das Jahr 1981 war. Genauso wie die Veröffentlichung ihrer ersten Biografie »I, Tina« 1984 und dem eben erwähnten, auf dem Buch basierenden Film von 1993, der im Kern diese Story zum Thema hatte.

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»Without a thing of value, why settle for second best «
Es gleicht allerdings einer ziemlichen Ironie, wie die Dramaturgie des jetzigen Films »Tina« selbst thematisiert, wie sehr Tina Turner durch den Schatten ihrer Ex-Beziehung verfolgt und belastet wird und doch auch in diesem Streifen die Geschichte mit Ike den Tenor des restlichen Films mitbestimmt. Es beißt sich hierbei die kritische Darstellung dieser Zeit gewissermaßen selbst in den Schwanz. In unzähligen Talkshow-Ausschnitten wird gezeigt, wie Tina sich wieder und wieder zuerst über Ike äußern muss, bevor über ihre eigentlichen neuen musikalischen Soloprojekte gesprochen wird. Dabei bleibt das Gewalt-Narrativ, von dem sich Tina im Privaten wie im Öffentlichen ja selbst so sehr loslösen wollte, irgendwo beim Zuschauenden hängen. Und es sagt an einer Stelle sogar Tina selbst, dass man »Tina« sicherlich nicht ohne ihre Geschichte der Gewalt denken darf.

Trotzdem ist es schade, dass durch die Überinszenierung des Verfolgt-Werdens durch ihre Vergangenheit untergeht, wie beeindruckend ihre Solokarriere eigentlich ist: Dass Tina es als Ende-40-Jährige schaffte, ihren Traum umzusetzen, als erste Schwarze Frau Stadien wie die Rolling Stones zu füllen. Und dass das allein ihrer eigenen Vehemenz und Sturheit geschuldet ist, sich gegen eine weiß und männlich dominierte Musikindustrie durchzusetzen, sodass sie aufgrund des Unverständnisses ihrer Musik gegenüber schließlich sogar die USA verlassen hat, um in England ihren Erfolg zu suchen. Stattdessen wird in »Tina« groß ihr »spiritual awakening« im Buddhismus als »mindset change« stilisiert und am Ende noch lang und breit auf das Finden ihrer späten Liebe mit dem Deutschen Erwin Bach eingegangen, mit dem sie bis heute in der Schweiz lebt. Es sind beides Dinge, die zu erwähnen nicht falsch ist, aber die dennoch die eigentliche Kraft und Stärke dieser großartigen Frau etwas diminuieren.

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»Simply the Best«
Zuletzt bleibt die HBO-Produktion eben doch irgendwo ein musikalisches Feel-good-Movie und hat in diesem Sinne auch ihre Berechtigung. Allerdings erzählt sie uns nicht viel Neues, sondern rückt die Geschichte der Rock’n’Roll-Legende nur – mit unzähligen Interviews begleitet – in ein vielleicht etwas persönlicheres Licht. Wie Tina Turner ganz zum Schluss selbst sagt: Mit diesem Film möchte sie ihr Kapitel »Tina Turner« abschließen und einfach nur mehr Anna Mae Bullock sein. Und nach so einer beeindruckenden Lebensgeschichte und Karriere will man es eigentlich niemandem mehr gönnen als der 81-Jährigen.

Österreichischer Kinostart: 11. Juni 2021.

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