Steirischer Herbst 2019 © Grupa Ee

Steirischer Herbst 2019

Mit dem Titel »Grand Hotel Abyss – ein angenehmer Weltuntergang« greift die Steirischer-Herbst-Intendantin Ekaterina Degot eine Metapher des aus Budapest stammenden Philosophen Georg Lukács auf, der damit in den 1930er-Jahren seine Enttäuschung über die Abgehobenheit der linken »Intelligentsia« ausdrückte.

Wer einmal, um sich einen Überblick zu verschaffen, die Hürde des über 300 Seiten starken Programmhefts genommen hat, dem eröffnet sich beim Steirischen Herbst 2019 ein vielschichtiges und hochpolitisches Programm mit Schwerpunkt auf performativen Arbeiten und Videoinstallationen. Erfrischend wirkt dabei die Ausgewogenheit aus lokalen und internationalen Beiträgen, die gemeinsam einen europäischen Kulturraum umreißen, der vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer reicht. Mit seiner Videoinstallation »Putin’s Happy« (2019) stemmt sich Jeremy Deller im Künstlerhaus gegen Bestrebungen, die westlichen Ausläufer dieses Raumes abzutrennen. Dafür sprach er mit Befürworter*innen und Gegner*innen des Brexit, setzt deren Argumente und Ansichten in Beziehung zueinander und kommentiert diese mit großformatigen Stickarbeiten, welche Ästhetik und Slogans der Transparente der Gegner*innen aufgreifen.

Jeremy Deller »Putin’s Happy« (2019) © Mathias Völzke

Als Kontrast zu Deller widmet sich die Ausstellung im Untergeschoss den Druckgrafiken von Ian Hamilton Finlay. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 arbeitete der schottische Künstler an einer großräumigen, von konzeptuellen und bildhauerischen Werken durchzogenen Garteninstallation namens »Little Sparta«, rund vierzig Kilometer südwestlich von Edinburgh, dem »Athen des Nordens«. Seine vielfältigen Textarbeiten zeigen dabei eine Nähe etwa zur onomatopoetischen Poesie von Ernst Jandl, mit dem Finlay ab den 1960er-Jahren im Austausch stand. Es ist daher auch kein Zufall, dass sich sein Gedicht »all alone« auf Olaf Nikolais Deserteurdenkmal am Wiener Ballhausplatz wiederfindet1. Als Bindeglied zwischen Finlay und Deller fungiert der Beitrag von Jasmina Cibic, deren Arbeiten sich um das Thema des kulturellen Kolonialismus drehen. Während sich der Zugang zu ihren Videos als vergleichsweise mühsam erweist, illustriert die von der in London lebenden Slowenin ausgestellte Metallskulptur die Idee des trojanischen Pferdes mit einem sprachlichen Kniff: in der Inschrift »NOTHING THAT YOU FEAR / EVERTHING THAT YOU DESIRE« verstecken sich auch die Fragmente »YOU FEAR EVERTHING / YOU DESIRE NOTHING« (siehe Abbildung), womit Cibic die Schizophrenie des populistischen Nationalismus zum Ausdruck bringt.

Jasmina Cibic »Das Geschenk – Akt 1« (2019) © Chris Hessle

Performances von Michiel Vandevelde und Keti Chukhorov/Guram Matskhonashvili
Einige Beiträge verstehen sich als Fortsetzung des Programms von 2018, welches unter dem Motto »Volksfronten« stand. Dies betrifft etwa die Arbeit von Michiel Vandevelde, der sich in »Human Landscapes – Book II« in Nâzım Hikmets epischem Gedicht »Menschenlandschaften« verliert. Die Aufführung im großen Minoritensaal stellt das Publikum in mehrerer Hinsicht auf eine Geduldsprobe: Vor dem Hintergrund einer großformatigen, barocken Bibelszene (»Die Speisung der Fünftausend« aus dem Jahr 1732) erwartet bereits ein Chor die eintreffenden Besucher*innen. Diese nehmen in zwei einander zugewandten Dreierreihen Platz. Dazwischen befinden sich acht beidseitig angeordnete Monitore, die Vorstellung ist ausverkauft. Während das Publikum den Kopf verdreht, um den Arbeiterliedern zuzuhören, scheint sich auch der Chor in seiner Haut nicht recht wohl zu fühlen. Die Darbietung wird am Klavier begleitet und ist technisch anspruchsvoll – mit einem Arbeiter*innenchor hat das allerdings kaum etwas zu tun. Zwischen den Gesangseinlagen wechseln lange Erzählpassagen zwischen Englisch und Türkisch mit dreisprachigen Untertiteln. Dazwischen tauchen manchmal Schatten einer nächtlichen Zugreise mit dem mittlerweile als Touristenattraktion beliebten Anadolu Ekspresi auf. Später werden kommentarlos Porträts eingeblendet (hinterher erfährt man in einem Handout, dass es sich dabei um in der Türkei inhaftierte oder ermordete Autor*innen und Journalist*innen handelt, darunter auch Nâzım Hikmet). Für das letzte von fünf Kapiteln (uff!) durchstreift Vandevelde mit der Kamera Museen bzw. Gedenkstätten in ehemaligen Gefängnissen in Ankara, Willebroek, Berlin und Tallinn. Zwar nimmt sich Vandevelde eines spannenden Themas an und entwirft dabei interessante Querverbindungen, doch die seltsame Anordnung der Installation sowie einige Ungenauigkeiten im Detail führen dazu, dass ihm der große Bogen der Aufführung entgleitet.

Dagegen zeigt das georgische Duo Keti Chukhorov (Text) und Guram Matskhonashvili (Regie) mit »The Global Congress of Post-Prostitution«, wie man mit einfachen Mitteln sehr geschickt mit Raum umgehen kann. In einem vergleichsweise klassischen Setting – Bühne, Saal und Balkon – erschließen die Schauspieler*innen den Raum nach und nach: So ragen zu Beginn nur zwei Beine unter dem geschlossenem Bühnenvorhang hervor, während gegen Ende selbst die technische Ausstattung des Hauses in die Handlung miteinbezogen wird. Nun mag dieser Ansatz zwar nicht unbedingt neu sein, er ermöglicht es aber der Choreographin Lana Kavrelishvili, das Geschehen auf der Bühne regelmäßig zu verlagern, um damit die Charaktere auf vielschichtige Art und Weise in Beziehung zu setzen. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Einsatz von Licht und Sprache zu. So übernimmt die Monitorwand am rechten Bühnenrand, auf welchem dem Publikum erst die russischen Textpassagen auf Englisch übersetzt werden, später die Funktion eines Hintergrundes für Schattenspiele. Die Texte des Stücks, eine mit Sarkasmus und demonstrativer Scheinheiligkeit gewürzte Tour de Force durch die Untiefen kritischer Theorie, wechseln zwischen keineswegs akzentfreiem Englisch, Russisch und eingespieltem Hochdeutsch (unter einer Maske). Dazwischen gibt es viel Glitter, Selfies und Drama, welche dem Stück trotz Mord und Totschlag eine fulminante Leichtigkeit verleihen.

sh19_KetiChukhrov_GuramMatskhonashvili_by_MathiasVoelzke

Installationen von Andreas Siekmann, Giorgi Gago Gagoshidze und dem »Alphabet des anarchistischen Amateurs«
Allgemein bietet das Programm des Steirischen Herbstes heuer eine große Bandbreite an künstlerischen Installationen. So findet sich am Griesplatz eine Installation von Andreas Siekmann (»Nach Dürer«, 2019), die Albrecht Dürers Entwurf für ein »Denkmals für die besiegten Bauern« (1525) aufgreift. Während der Dolch im Rücken des Bauern – eine Variante der in rechtsextremen Kreisen beliebten »Dolchstoßlegende« – erhalten bleibt, werden die Elemente aus dem bäuerlichen Leben am Fuße des Denkmals (Tiere, Ernte) durch moderne Waren mit direktem Bezug zu Abschottung, Gewalt, Bio- und Informationstechnologie ersetzt.

Andreas Siekmann »Nach Dürer« (2019) © Mathias Völzke

Der in Berlin lebende Künstler Giorgi Gago Gagoshidze nimmt im Palais Attems das tragische Schicksal seines eigenen Vaters Nugzari als Ausgangspunkt für eine von bittersüßer Ironie getragene Auseinandersetzung mit Adam Smiths Begriff von »der unsichtbaren Hand des Marktes«. Als Gastarbeiter in Portugal hatte Nugzari Gagoshidze im Jahr 2008 bei einem Arbeitsunfall seine rechte Hand verloren. Seitdem erhält er eine kleine Invalidenpension, die zum Einkommen seiner Familie maßgeblich beiträgt und die es ihm erlaubt, in Georgien eine kleine Landwirtschaft zu betreiben. Somit erweist sich die unsichtbare Hand Nugzaris für ihn und seine Familie als viel realer als jene Prothese, die für ihn unpraktisch und damit wertlos ist.

Als Bestandteil des Parallelprogramms versammelt die Ausstellung »Alphabet des anarchistischen Amateurs« im <rotor> die Arbeiten von fünfzig Künstler*innen, die sich auf das gleichnamige Buch von Herbert Müller-Guttenbrunn beziehen, einem herausragenden Protagonisten der anarchistischen Bewegung im Graz der Zwischenkriegszeit. Auf viel zu knappem Raum finden sich eine Vielzahl an Zeichnungen und Drucken, Skulpturen aus Alltagsmaterialien, Videos und Fotografien – darunter etwa Paul Lässers Styroporskulptur »Fäuste« (2018), Ralo Mayers »Collection of Closed Ecosystems« (2008–2019) oder auch Zeichnungen von Gamlet Zinknovsky.

Paul Lässer »Fäuste« (2018) © Chris Hessle

Ausblick auf das musikprotokoll
Das musikprotokoll des ORF ist auch heuer wieder ein fixer Bestandteil des Steirischen Herbstes. Den Auftakt bilden vier Konzerte im Dom im Berg, eines davon von der Formation Doublé aus dem Umfeld von Ventil Records, in der Katharina Ernst und Christina Kubisch Schlagzeug und Elektromagnetismus kombinieren (am 3.10. ab 19:30 Uhr im Dom im Berg). Ein Schwerpunkt ist dem georgischen Komponisten Mikheil Shugliashvili (1942–1996) gewidmet und bringt neben seinem bekanntesten Werk »Große Chromatische Fantasie« (Tamriko Kordzaia, Tamara Chitadze und Stefan Wirth, am 5.10. um 21:00 Uhr im Grazer Congress) auch »Polychronia« (RSO Wien, Uraufführung am 5.10. um 19:30 Uhr im Grazer Congress) und »Sextet« (Klangforum Wien, am 4.10. um 19:30 Uhr im Next Liberty) zur Aufführung. Als ein weiterer roter Faden zieht sich die Vision einer maschinellen Musik durch das Programm, etwa in Form von der algorithmischen Kompositionen des Ensemble Méchanique (George Antheil, Winfried Ritsch und Helmut Kaplen, am 6.10. um 18:00 Uhr im Kunsthaus) oder den Roboterskulpturen von Adam Donovan und Katrin Hochschuh (am 4.10. um 18:00 Uhr sowie am 5.10. um 16:00 Uhr im ESC Medien Kunst Labor). Wem diese Invasion an kalter Technik nicht geheuer ist, dem sei das Trio Revolutionary Birds ans Herz gelegt (am 4.10 um 22:30 Uhr im Next Liberty), das arabischen Gesang in der Sufi-Tradition (Mounir Troudi) mit Percussion (Wassim Halal) und Dudelsack (Erwan Keravec) verbindet.

1 Danke an Lukas Tagwerker für den Hinweis

Links:
http://steirischerherbst.at
http://musikprotokoll.orf.at