Aksak Maboul © Paul Vercheval

Statusabfrage der Rock-Opposition

Das belgische Traditions-Label Crammed Discs, Spezialist für die Rock- Avantgarde seit den 1980ern und Förderer solcher Größen wie Konono N°1, Tuxedomoon oder Minimal Compact, lässt abermals von sich hören. Der Labelklassiker »Un peu de l’âme des bandits« von Aksak Maboul sowie die Bonus-CD »Before and After Bandits« erscheinen mit massig Extras in Form von Demo-Aufnahmen und Live-Material neu. Aus diesem Grund eine kleine Rekapitulation der Geschichte, die auch mit Rock in Opposition verbunden ist.

In England fand gegen Ende der 1970er-Jahre ein Festival namens »Rock in Opposition« (RIO) statt. Musiker von Henry Cow und den Art Bears – und hier vor allem der Schlagzeuger Chris Cutler, einer der Hauptprotagonisten der Szene – waren maßgeblich beteiligt. Das Festival versammelte mehrere Bands aus dem Bereich des Prog-Rock, die irgendwie anders waren als ihre erfolgreichen Prog-Kollegen, verband sie doch alle derselbe Umstand, dass niemand sie gewinnbringend vermarkten konnte oder wollte. In DIY-Manier supportete man sich deswegen selbst und gab damit den Startschuss für die gleichnamige Musikrichtung »Rock in Opposition« (auch als Avant-Prog bekannt), deren Bands bis heute einen hohen Status in Fankreisen genießen. Allen voran stehen sicher Magma aus Frankreich, aber auch Bands wie Slapp Happy aus Deutschland, Univers Zero aus Belgien, Art Zoyd aus Frankreich oder die grandiosen Samla Mammas Manna aus Schweden sind zu nennen. Sie alle setzten im Gegensatz zum in den 1970ern gängigen Prog-Rock weniger auf ausgedehnte, mit dem Penisplektrum gespielte Gitarrensoli, als darauf, ihrer Experimentierlust freien Lauf zu lassen und sich in neue, unverbrauchte Gebiete vorzuwagen. Dank Einflüssen der klassischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts und des Jazz wurden wesentlich anspruchsvollere und vertracktere, durchkomponiertere, kunstvollere Alben produziert. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb damit vorhersehbar für die meisten aus.

Das wohltemperierte Potpourri
Eine der Bands des doch etwas elitären Kreises von Künstlerbands um die Gründerväter des Avant-Prog sind Aksak Maboul aus Belgien. Die Band wurde 1977 von Vincent Kenis und Marc Hollander gegründet und für das vorliegende, zweite Studioalbum holten sie sich u. a. die Ex-Henry Cow-Musiker Chris Cutler und Fred Frith dazu. Dieses 1980 veröffentlichte Album feiert nun sein 38-jähriges Jubiläum und erhält auf dem von Marc Hollander 1980 gegründeten Label Crammed Discs eine Neuauflage, remastered von den originalen, analogen Tapes. In der LP-Version ist zudem eine Bonus-CD namens »Before and After Bandits«, mit unveröffentlichten Live- und Demo-Aufnahmen enthalten. Die Band tritt seit einiger Zeit auch wieder live auf.

Aksak Maboul © MMC Octave

Zugegeben, die irgendwie schief klingende Gitarre, der Gesang, der wie der einer zum Leben erwachten Nase klingt, und die ganzen anderen, seltsamen Geräusche sind nicht gerade Easy Listening. Aber das erwartet hier auch niemand wirklich. Wer sich auf nichts einlassen will, macht hier eh Schluss. Es passieren dann sehr viele Dinge gleichzeitig und man muss sich erstmal zurechtfinden. Das Ganze geschieht dazu noch recht fix. Und dann ist es auch schon wieder vorbei und wird von einem Klavier samt Geige abgelöst, die ein trauriges Stück spielen, dessen Stimmung und Geschwindigkeit jedoch ständig changiert. Und das ist auch typisch für dieses Album. Ständige Wechsel der Tempi, breite Instrumentierung, unterschiedlichste Genreeinflüsse und so weiter sind der Fall. Da mag es nach King Crimsons »Red« klingen, dann wieder sind die LSD-Keys, Mantra-artiger Gesang (wie man ihn von der Band Gong kennt) und fernöstliches Getrommel zu hören. Und dann wieder ein Schlagzeug aus dem Free Jazz oder stumpfer Punk mit viel Noise. Weit voraus, will man meinen. Und bei diesem ganzen Eklektizismus wird einem klar, dass sich hier etwas ganz Neues, Eigenständiges herauskristallisiert hat. Nicht bloß untereinander zehrt man von Ideen der RIO-Bands, wie die gegenseitige Beeinflussung eindrücklich zeigt. Als Avantgarde beweisen die Musiker ihr Können, indem sie zwischen verschiedensten Genres assoziieren und diese Ideen kreativ verwirklichen. Dieses Album ist ein herausragendes Beispiel dafür und mit seiner humorigen, leichtfüßigen Art auch ein guter Einstieg in dieses doch eher unzugängliche Business. Die Konsistenz wird einem erst im Laufe des Hörens bewusst.

Auch die fast 1,5 Stunden starke Bonus-CD mit dem Titel »Before and After Bandits«, die, wie der Name nahelegt, Material vom Anfang 1977 bis ins Jahr 2015 enthält, hat es in sich. Das Archivmaterial besteht aus diversen Live- und Demo-Aufnahmen, die teils noch experimenteller klingen als das ohnehin schon progressive Hauptalbum. Insgesamt weniger schnell, findet man doch weitaus ausschweifendere und tiefgehende Beschäftigungen mit den verschiedenen Genres. Da sind Stücke, die fast wie moderner Drone klingen. Oder welche, die aus der Feder eines klassischen Komponisten stammen könnten. Man hört die Einflüsse, die sie auf andere Bands haben werden. Und das alles ist oft recht Zappa-esque, besonders, was die Bläser anbelangt. Verspielt, neugierig und wild. Schön, schön! Lohnt!

Die Opposition geht weiter
Seit 2007 wird in Carmaux in der Region Okzitanien (Südfrankreich) wieder ein Rock-in-Opposition-Festival organisiert, mit Bands wie u. a. Gong, Sleepytime Gorilla Museum, Soft Machine, Koenjihyakkei oder den Young Gods. Alles geht in eine ähnliche Richtung: Musik, die von dem Willen, neue Gebiete zu erkunden, geprägt ist und durch äußerste Musikalität zu begeistern weiß. 2018 wird es vom 14. bis 16. September stattfinden, mit haufenweise zu entdeckenden neuen Acts wie Albert Marcoeur & le Quatuor Béla.

Link: http://rockinopposition.rocktime.org/index.php/en/

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