Demonstration vor der Oper gegen den Besuch des Schahs von Persien am 20. Jänner 1969 © Franz Naetar

Status quo der Revolution

Das Wissen, das sich in sozialen und autonomen Bewegungen ansammelt, droht allzu schnell vergessen zu werden. In seinem Werk kämpft der Autor Robert Foltin gegen diese Art Geschichtsverlust. In seinem neuen Buch bietet er eine Bestandaufnahme aktueller revolutionärer Bewegungen.

Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Buchs »Vor der Revolution« von Robert Foltin soll zunächst ein kurzer Einblick in einige seiner bisherigen Arbeiten gegeben werden. Dabei soll auch auf seinen theoretischen Ansatz und die aktuellen Überlegungen des Autors eingegangen werden.

Vom (Post-)Operaismus …
Es war ein Ereignis, als Robert Foltin, damals Redakteur bei der linken Theorie- und Debatten-Zeitschrift »Grundrisse«, das Buch »Und wir bewegen uns doch – Soziale Bewegungen in Österreich« herausbrachte. Endlich konnte man über jene Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre lesen, die Arena-Bewegung, die Hausbesetzer*innen, die Punks, die Burggarten-Bewegung, die Autonomen, die in der Geschichtswissenschaft ansonsten nur ein Fußnotendasein fristen. Bewegungen, die in Wien ihre teilweise noch sichtbaren Spuren hinterließen, denen man sich nahe fühlte, wurden lebendig. In seinem im Mandelbaum Verlag erschienenen zweiten Teil »Und wir bewegen uns noch« nahm er auf die jüngere Geschichte sozialer Bewegungen in Österreich Bezug. Dort schrieb er einleitend auch, warum für ihn soziale Bewegungen eine solch wichtige Bedeutung haben: »Die kapitalistische Entwicklung und die institutionellen Veränderungen werden durch die soziale Bewegung angestoßen und reagieren darauf, entweder indem sie die emanzipatorischen Elemente aufnehmen und/oder indem sie die Bewegung unterdrücken.«[i]

Dieses Verständnis gesellschaftlicher Entwicklung entstammt einer Theoriebildung der radikalen Linken, die den Namen »Operaismus« bzw. in der aktuellen Variante »Postoperaismus« trägt. Zu diesem theoretischen Ansatz verfasste Foltin zusammen mit dem »Grundrisse«-Genossen Martin Birkner ein Einführungsbuch in der theorie.org-Reihe. In »(Post-)Operaismus« schildern sie die Entstehungsgeschichte des Operaismus in Italien der 1970er-Jahre, also jener sozialen Bewegung, die sowohl die Arbeiter*innen in den Fabriken als auch die Student*innen erfasste und mit Parolen wie »Wir wollen alles!« oder »Nehmen wir uns die Stadt!« aufhorchen ließen. Bekannt ist der Name Antonio Negri, der wesentliche Theorieansätze lieferte und 2000 mit dem Buch »Empire«, das er gemeinsam mit Michael Hardt schrieb, einen Bestseller lieferte. Die Faszination für die (post)operaistische Theorie formulierten Birkner und Foltin folgendermaßen: »Es ist ihr Bezug zur Praxis, auch im Sinne von Theorie als Praxis.«[ii]

… über die Autonomen …
»Ohne tradiertes Wissen beginnt bereits an den Grenzen der eigenen Lebensgeschichte geschichtliches Vergessen.« So schrieb das GdV (Gegen das Vergessen) Autor*innenkollektiv in der Zeitschrift »Radikal« in den 1980er-Jahren. Diesem Vergessen vor allem der radikaleren sozialen Bewegungen entgegenzuarbeiten, ist ein Motor für Robert Foltin. Selbst in der autonomen Bewegung der 1980er-Jahre sozialisiert, veröffentlichte er 2015 ein Buch zur Theorie und Geschichte der Autonomen. Diese bis in die Gegenwart existierende Strömung innerhalb der radikalen Linken entstand in den bereits erwähnten antiautoritären Kämpfen in Italien und fand in der Folge auch in Deutschland, Österreich und anderen Weltgegenden ihre Verbreitung. Die Autonomen haben keine einheitliche Theorie, keine feste Struktur, sondern sind vielmehr ein Netz aus Personen, Gruppen und Projekten. Die meisten lehnen Staat und Parteien ab und setzen auf Selbstorganisation und Selbstbestimmung. Letzterer entspricht auch die Bedeutung des Begriffs »Autonomie«. Bekannt geworden sind sie durch ihr Aufsehen erregendes Erscheinungsbild (meist in schwarz), ihre Militanz, die Hausbesetzungen und ihren Kämpfen gegen eine Flughafenerweiterung (Startbahn West in Frankfurt) sowie gegen die Uran-Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf und das Atommüll-Endlager in Gorleben usw.

Paris 1968 © Franz Naetar

Foltin stellt in seinem Buch »Autonome Theorien – Theorien der Autonomen?« diese linke Strömung in einen breiteren historischen Kontext und verfolgt die Traditionslinien weiter zurück in die 1920er- und 1930er-Jahre zu den anarchistischen und rätekommunistischen Bewegungen, die ihre revolutionären Anliegen nicht als Parteisache sahen, sondern in der Betriebsarbeit, im sozialen Experiment oder in anderen sozialen Protestformen verwirklichen wollten. Von hier nimmt er den Faden auf und zieht ihn zu den Bewegungen der 68er, zu jenen in den Stadtteilen, der neuen feministischen Bewegung, den Studierenden an den Unis, den Jugendbewegungen mit ihren Subkulturen, den Kämpfen von Arbeiter*innen gegen das Fabriksystem und den verschiedenen internationalistischen, antirassistischen oder Antikriegsbewegungen. Im Blickfeld behält er dabei stets das darin enthaltene theoretische Werkzeug.

… bis zur Theoriebildung
Da »sich sozialrevolutionäre Theorien auf die Möglichkeit der Veränderung konzentrieren«[iii] und nicht nur auf eine allgemeine Welterklärung, muss sich in der jeweiligen historischen Situation in der eine soziale Bewegung entsteht, auch die »revolutionäre Wissensproduktion (…) weiter entwickeln«[iv]. Diese Theorieentwicklung steht aber auch in einem Wechselverhältnis zum akademischen Diskurs, der gegenwärtig sehr dominierend ist, da es nur wenig theoretische und inhaltliche Debatten außerhalb des universitären Feldes gibt. Für die Linke und vor allem für die radikale Linke muss dies als ein Verlust und Mangel gesehen werden. Foltin betreibt keine originären Theoriebildungen, sondern versucht, vorhandene theoretische Überlegungen verständlich zu machen und sie mit gesellschaftlichen Entwicklungen und konkreten sozialen Bewegungen zusammenzudenken. Darin liegt – unter anderem – seine Stärke.

In seinem letzten Buch versucht Foltin vermehrt auf aktuelle Debatten einzugehen und sie einfließen zu lassen, um sie für eine revolutionäre Perspektive fruchtbar zu machen. »Vor der Revolution«, so der Titel, ist zwar noch rechtzeitig vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie herausgekommen, hat jedoch (noch) nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient. Foltin diskutiert in dem wieder im Mandelbaum Verlag erschienenen Buch in kurzen und prägnanten Kapiteln mehrere Felder des Zeitgeschehens. Im ersten rollt er einige Probleme auf, wie z. B. die ökologische Frage, jene des Wohnens sowie rassistische und sexistische Unterdrückungsformen, die das kapitalistischen Wirtschaftssystem mit sich bringt. Die Themen werden dabei sehr konkret, oft mit einführenden Zeitungsmeldungen diskutiert – vom Dieselskandal, über den Klimawandel bis zur Wiener Abriss- und Wohnbaupolitik.

Als sich der Rektor der studentischen Öffentlichkeit stellt, nutzt das die FNL mit Unterstützung der Kabarettgruppe Die Komödianten zu einer Aktion © Franz Naetar

Bewegung statt Partei
Von den aktuellen Problemen kommt er im Folgekapitel zu jenem Subjekt, das für die Linke einst der Hoffnungsträger für die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft war: die Arbeiter*innenklasse. Heute legen nur noch wenige Hoffnung in sie. Sie steht sogar mehrheitlich in Verruf, sich für die verschiedenen rechten Parteien und Strömungen vereinnahmen zu lassen. Mit den Soziolog*innen Didier Eribon und Arlie Russell Hochschild und anderen Theoretiker*innen geht Foltin der Frage nach, wie rechts die Arbeiter*innen sind, und beleuchtet auch Aspekte, die gerne übersehen und aus politischen Analysen ausgeklammert werden: Welche Abwertung wird den Prolet*innen von Politik, Medien und den bessergestellten Schichten entgegengebracht? Welche Erfahrungen und Erzählungen, welche »deep story« – hier bezieht er sich auf den Begriff von Arlie Russel Hochschild – prägen sie? Foltin kommt dabei zu folgendem Schluss: »Die Rechte wird aus Enttäuschung über die Nichtbeachtung der sozialen Frage gewählt, nicht aber, weil von ihr eine Lösung erwartet wird.«[v]

Wenn Foltin von der Arbeiter*innenklasse schreibt, dann ist der Begriff »Multitude« nicht weit. Im Folgekapitel zeigt er seinen theoretischen Rahmen anhand der Schriften des bereits erwähnten Antonio Negri, der gemeinsam mit Michael Hardt diesen Begriff prägte. Die revolutionäre Hoffnung liegt nicht mehr im weißen, männlichen Industrieproletariat, sondern in der vielfältigen und unterschiedlichen Menge der »populären Klassen«. Hier soll nicht die ganze Argumentationsbewegung nachgezeichnet werden, sondern darauf hingewiesen werden, wofür der Begriff bei Foltin aufgegriffen wird, und zwar, um die emanzipatorischen Kämpfe in einem diffusen Subjektbegriff fassen zu können – vom Mai 1968 bis zum Arabischen Frühling und der Occupy (Wall Street) Bewegung 2011. Es geht ihm dabei darum, immer wieder aufzuzeigen, wie einfache Menschen die Welt verändern, um hier gleich den Titel eines weiteren Kapitels zu verwenden.

Foltins Misstrauen bis Ablehnung gegenüber repräsentativen Politikformen und der Parteipolitik führt zu einer Verlagerung der Perspektive. Anhand der vielen Bespiele, die er im Buch anführt, möchte er zeigen, »dass die Verweigerung von Verhandlungen zu den reformistischen oder reformerischen Ergebnissen führt, von der Politiker*innen und Repräsentant*innen meinen, nur sie könnten diese durchsetzen. Veränderungen wurden erreicht, weil die Revoltierenden mehr wollten und befriedet werden sollten. Sie wurden durch die Militanz der Bewegungen und die Beteiligung der Bevölkerung erreicht.«[vi] Das Buch ist ein Versuch, kurz und knapp einen aktuellen Überblick zu bieten, und bezieht dabei eine Position, die auch als ein Plädoyer für die radikale Linke zu verstehen ist. Als diese »müssen wir«, so Foltin, »in die sozialen Bewegungen, bestehende wie entstehende, intervenieren, ohne uns auf das Spiel formal-demokratischer Wahlen einzulassen. In der Selbstorganisation der Bewegungen, in der Revolution und in den Revolten entsteht erst die erhoffte, die wirkliche Demokratie, die von einigen meiner Freund*innen Kommunismus genannt wird.«[vii]

Robert Foltin: »Vor der Revolution«, Mandelbaum kritik & utopie, 2020

Literatur von Robert Foltin (Auszug):

  • »Und wir bewegen uns doch«, Edition Grundrisse, 2004
  • »(Post-)Operaismus«, Schmetterling Verlag, 2006 (mit Martin Birkner)
  • »Die Körper der Multitude. Von der sexuellen Revolution zum queer-feministischen Aufstand«, Schmetterling Verlag, 2010
  • »Und wir bewegen uns noch«, Mandelbaum kritik & utopie, 2011
  • »Autonome Theorien ­­– Theorie der Autonomen?«, Mandelbaum kritk & utopie, 2015
  • »Vor der Revolution«, Mandelbaum kritik & utopie, 2020

Links:
http://robertfoltin.net
https://www.mandelbaum.at/buch.php?id=955

[i] Robert Foltin: »Und wir bewegen und noch«, Mandelbaum Verlag, 2011, S. 9
[ii] Robert Foltin, Martin Birkner: »(Post-)Operaismus«, Schmetterling Verlag, 2006, S. 8
[iii] Robert Foltin: »Autonome Theorie – Theorien der Autonomen?«, Mandelbaum Verlag, 2015, S.8
[iv] ebd. S.13
[v] Robert Foltin: »Vor der Revolution«, Mandelbaum Verlag, 2020, S. 56
[vi] ebd. S. 129
[vii] ebd. S. 15