© Florian Fusco

Propaganda-Ort des Habsburger-Reiches

Krieg würde im derzeitigen Heeresgeschichtlichen Museum Wien als »Naturereignis« dargestellt und der »Habsburger-Mythos« ständig verstärkt. Eine Tagung stellte einmal mehr die Dringlichkeit einer tiefgreifenden Veränderung fest.

Bei der Veranstaltung zum Heeresgeschichtlichen Museum Wien erfuhr man Erstaunliches: »Die Habsburger drohten ihrer Bevölkerung, daher müsste man dringend die Geschichte des Hauses einbinden«, warnte ein ehemaliger HGM-Vermittler eindringlich. »Denn das HGM war das Nationalmuseum der Habsburger, ein Ort der Propaganda.« Die Diskutant*innen der Tagung »Heeresgeschichtliches Museum neu? Chancen einer angesagten Reform« befinden sich im Wiener Literaturhaus, die Zuseher*innen online – so schaut Corona-Realität aus. Die fleißige Initiative »HGM neu denken«, vertreten u. a. vom Politologen Peter Pirker und der Kulturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Elena Messner, musste den Zeitpunkt ihrer Tagung mehrmals verschieben.

»Erst in den 1990er Jahren wurde überhaupt der Zweite Weltkrieg thematisiert. Für uns Vermittler gibt es spannendes Anschauungsmaterial für die Habsburger, die dermaßen verklärt werden.« Auch der neue Saal zeige einen extrem affirmativen Zugang zu den Habsburgern, »man spürt dieses Reich«. Zum Beispiel gibt es nun »riesengroße Helden-Pappfiguren an den Fenstern«, etwa eine von Conrad Hötzendorf – dabei müsste man doch endlich »einen Bruch mit dem Affirmativen machen«. Das HGM sei in der momentanen Ausgestaltung ein hervorragender Ort, um zu zeigen, dass sich »viele Bedeutungsschichten überlagern, wie Geschichte konstruiert wird bzw. dass in einer Herrschaftsgeschichte nur die Täter sichtbar sind und die Opfer kommen nicht vor«.

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Den Holocaust »unterbringen«
»Auch Wehrmachtsangehörige hätten Juden gerettet, wird verkündet.« Tagungsorganisator Peter Pirker wirkt nicht zufrieden mit der aktuellen HGM-Sonderausstellung »Die Gerechten. Courage ist eine Frage der Entscheidung« der »Österreichischen Freunde von Yad Vashem«: »Die Ausstellung wirkt hineingezwängt, deplatziert und fügt sich absolut gar nicht in den Raum ein.« Lange Jahre wurde ein Platz für diese Ausstellung in Wien gesucht, der Verein schrieb alle möglichen NGOs an, doch keine verfügte über Platz und Ressourcen, um das Projekt zu realisieren (Anm.: SOHO in Ottakring war interessiert). Nun eröffnete die ÖVP-Ministerin Edtstadler.

»Vom Mauthausen Komitee gibt es oben auch einen kleinen Teil – die Inszenierung wirkt aber so, als ob man zeigen möchte, dass man etwas zum Thema Holocaust getan hat. Es solle niemand sagen, wir bringen den Holocaust in unseren Räumen nicht unter.« Später listet Historiker Pirker penibel die nationalsozialistischen »Verdienste« diverser Direktoren des HGM auf.

In einem spannenden Film von Matthias Breit wird das Museum Absam gezeigt, denn die Habsburger flohen nach Tirol. Das Habsburger-Arsenal diente ursprünglich als Bollwerk zur Abwehr von Aufständen und wurde wegen 1848 »gegen Handstreiche aufständischer Volksmassen gesichert« – es ging um »Aufständische«, nicht um »Revolutionäre«. Es gab sogar eine Waffenfabrik im Arsenal.

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Folgen einer Tätergesellschaft
Heidemarie Uhl von der Akademie der Wissenschaften findet, dass eine Überarbeitung des derzeitigen Heeresgeschichtlichen Museums nicht ausreichen würde, denn »es ist ein Museum in einer Tätergesellschaft und es geht um die Rolle des Militärs innerhalb dieser«. Ein neues Museum solle »international herzeigbar« sein. Momentan könne man »unkommentierte SS-Uniformen sehen« und ebenfalls »unkommentierte Fotos von armen Wehrmachtssoldaten« – die ergäben eine »emotionale Bindung«, denn »das ist dein armer Opa, dieser Wehrmachtsangehörige«.

Eva Blimlinger von den Grünen schlug in eine ähnliche Kerbe: »Es gibt Kräfte in der FPÖ und der ÖVP, die dort ihre eigenen Vorstellungen von Kameradschaftsbund hegen und pflegen können. Es geht um eine politische Auseinandersetzung mit einer schwarzblauen Mehrheit und – wir gewinnen eher nicht.« Im neuen »Haus der Geschichte Österreichs« dürfe zum Beispiel nicht der Begriff »Austrofaschismus« erwähnt werden?!

»Das HGM neu sollte ein Ort der Demokratie und deren Verhandlung sein, denn dort wird Geschichte verhandelt«, betont Kurator und Historiker Niko Wahl. »Dieses Haus kann Vergangenheit als sehr bewältigt darstellen.« Was sie ja bekanntermaßen nicht ist. Er plädiert auch dafür, dass das Museum für Heeresangehörige da sein müsse, »weil die Grenzschutz machen und die Leute abwehren müssen. Wenn das klappt, dann ist es ein gelungenes Haus.« (Anm. Vorbild dafür könnte das »Museum of Coexistence« in Jerusalem sein, das Führungen für Polizei und Militär durchführt.)

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Krieg als Naturereignis
Tim Corbett wünscht sich, dass Juden nicht auf den Holocaust bzw. auf »Opfersein« reduziert würden, denn im Ersten Weltkrieg dienten zum Beispiel 300.000 jüdische Soldaten, im Zweiten Weltkrieg kämpften 10.000 Österreicher in den alliierten Armeen. »Viele, die im Ersten Weltkrieg kämpften, wurden im Zweiten ermordet – das ist eine verschränkte Geschichte.« Kurze Pause. Dann der Nachsatz: »Auch 14.000 Muslime kämpften in der k. und k. Armee«. Felicitas Heimann-Jelinek möchte ebenfalls eine Sichtbarkeit der Integration der Juden als Teil der Gesellschaft, wie eben in der Militärgeschichte: »Bei der Revolution, bei der Konterrevolution, überall waren Juden dabei – sie sind nämlich auf allen Seiten.«

Dann geht es wieder flott gegen die Habsburger: »Krieg wird im HGM als Naturereignis inszeniert und nicht erklärt, man sucht vergeblich den einfachen Soldaten, die Zivilbevölkerung, den Gegner«, stellt Wolfgang Muchitsch, der Präsident des Museumsverbandes, fest. Der Historiker Peter Melichar resümierte: »Das HGM zeigt die Restbestände der k. und k. Armee, die kaiserliche Sammlung, es thematisiert aber zum Beispiel nicht, dass die k. und k. Armee die höchste Selbstmordrate weltweit beinhaltete. Die Rüstungsindustrie wird nicht thematisiert, stattdessen bewegen wir uns im Zentrum des Habsburger Mythos.«