Daniel Decker © Markus Brandstetter

Auratisches Business voller mythischem Schmerz

Daniel Decker erzählt in »Not Available – Platten, die nicht erschienen sind« von einer untergehenden Kunstform und von Gründen und Konzepten, warum Longplayer vorschollen blieben bzw. bleiben – von Katy Perrys ersten, zu wenig kommerziellen Alben bis zu Tödliche Doris’ fünftem, unsichtbarem Album.

Wer heutigen Jugendlichen zu erklären versucht, was Kommunismus ist, stößt auf Probleme. Zu unvorstellbar anders ist die utopische Gesellschaft ohne Luxus und ohne Privateigentum an Produktionsmitteln. Fast so schwierig ist es, der Generation Streaming zu erklären, was Popmusik früher einmal bedeutet hat. Im Zeitalter des Streamings ist Popmusik hauptsächlich Trainingspartner beim Laufen oder akustischer Stimmungsregulierer wie ein Lichtdimmer. Dass Pop einmal ein widerspenstiges Identitätskonzept und ein ausdifferenzierter Lebensstil war, das ist fast so unvorstellbar wie der Kommunismus.

Verschollene oder nicht erschienene Popalben sind deshalb eher das Problem von Menschen, die irgendwann zwischen 1950 und 1975 geboren sind. Jetzt sitzen diese Jahrgänge vor ihren High-End-Plattenspielern und warten auf die nächste Neubearbeitung ihrer Lieblingsalben aus den 1960er, 1970er oder 1980er-Jahren. Die Streamingkids kennen das Hörerlebnis Album nicht mehr. Sie kennen Playlists. Vom Streamingdienst angebotene Songzusammenstellungen mit Titeln wie »Entspannung«, »Frühstück« oder »Romantik«. Oder individuell kuratierte Songlisten, die man im Shuffle-Modus durchhört. Eine feste Songfolge, die man immer und immer wieder anhört, das gibt es in der Hörbiografie jüngerer Menschen praktisch nicht mehr.

Popgeschichte als Kapitalismusgeschichte

Daniel Deckers Buch »Not Available« muss diesen Popmusikhörer*innen also als vollkommenes Kuriosum erscheinen. »Ich rede bewusst von Platten, denn die unveröffentlichte Platte ist eng mit dem Tonträger als physischem Medium verbunden«, schreibt Decker. Das Buch ist ein archäologisches Unternehmen. Es feiert eine untergehende Kunstform. Und gerade unveröffentlichte Alben eigenen sich dafür besonders gut. Denn sie machen den eigentümlichen Entstehungsprozess der Kunstform Album sichtbar. Und sie zeigen, wie untrennbar die Kunst mit dem Markt verbunden ist. Denn oft stand nicht die Unzufriedenheit der Künstler*innen der Veröffentlichung im Weg, sondern die Frage, ob sich die Platte wohl verkaufen wird. »Not Available« erzählt nicht nur Popgeschichte, sondern auch Kapitalismusgeschichte. Aber das kann man sowieso nicht trennen. Was es heißt, sich auf das Musikgeschäft einzulassen, das zeigt Decker anhand des zähen Aufstiegs von Katy Perry, deren erste Alben mangels kommerziellen Potenzials nicht veröffentlicht wurden. Oder 50 Cent, der von seiner Plattenfirma einfach fallen gelassen wurde. Als Killer ihn, den ehemaligen Drogenhändler, mit neun Schüssen niedergestreckt hatten, bekam die Firma kalte Füße und veröffentlichte das bereits fertige Album nicht.

Manchmal war es für Künstler*innen aber auch eine Last, einen Vertrag erfüllen zu müssen. Darum lieferten sie aus Protest extra unbrauchbares Material. Van Morrison etwa sollte jeden Monat einen exklusiven Song für seine Plattenfirma liefern. Er merkte schnell, dass er damit in den kreativen Bankrott getrieben wurde. Er nahm an einem Nachmittag ein komplettes Album mit Schrotttiteln wie »Twist and Shake«, »Shake and Roll« oder »Scream and Holler« auf. Je später der Nachmittag, um so miserabler die Songs. Monty Python nannten ihr Vertragserfüllungsalbum sogar »Monty Phython’s Contractual Obligation Album«. Die Rolling Stones dagegen lieferten der Plattenfirma Decca 1965 den obszönen »Cocksucker Blues«, der damals natürlich unveröffentlichbar war.

Kunst des Scheiterns & Scheitern an der Kunst

Am Beispiel der Beatles-Platte »Get back« zeigt Decker, was für endlose Prozesse manche Alben durchlaufen haben. Die Beatles versuchten 1969 zu einfacher Rock’n’Roll-Musik zurückzukehren. Darum der Titel »Get back«. Daraus sollte ein Film werden, der die Band beim Proben zeigt und als großes Finale einen spektakulären Auftritt. Stattdessen filmte das Filmteam den Zerfall der Band. Während der Dreharbeiten zerstritten sich die vier. Aus dem Film sollte dann ein Album werden. Da die Beatles aber seit 1966 nicht mehr live gespielt hatten, war das Material von keiner besonders guten Qualität. Letzten Endes peppte der legendäre Produzent Phil Spector die Songs mit seinem Wall-of-Sound-Konzept auf und nannte die Platte »Let it be«. Keiner der vier Beatles war zufrieden. McCartney versuchte sogar die Veröffentlichung zu verhindern. Als das Album 1970 erschien, waren die Fab Four bereits Geschichte. Ähnliches berichtet Decker auch über das Album »Techno Pop« von Kraftwerk.

Manchmal scheiterten Alben tatsächlich an der Kunst. So rollt Decker ausführlich die Geschichte des Beach-Boys-Albums »Smile« auf, das letzten Endes wegen der nicht umsetzbaren künstlerischen Ansprüche von Chef-Beach-Boy Brian Wilson kollabierte. Ab und zu ist aber gerade die Nichtverfügbarkeit des Albums das Konzept der Künstler*innen. Um das zu zeigen, erzählt Decker die faszinierende Geschichte der unsichtbaren fünften Langspielplatte der Band Tödliche Doris. Die Band nahm 1985 in West-Berlin neun Stücke auf. Zu diesen Songs spielte die Band weitere Tonspuren ein, die ihnen aber nicht hinzugefügt, sondern als eigenes Album veröffentlicht wurden. Man konnte die Alben einzeln anhören, oder mit viel Gebastel zusammen. Dieses gemeinsame Abspielen war dann das unsichtbare fünfte Album. Wenn das nicht Kunst ist, was dann?

Das Buch bietet nicht nur gut geschriebene und spannende längere Texte, sondern auch ein alphabetisches und kommentiertes Verzeichnis mit unveröffentlichten Platten. Pop ist ein Business. Aber ein auratisch schimmerndes Business voller mythischem Schmerz, Scheitern und Leiden. Daniel Decker weiß das. Und das merkt man beim Lesen seines Buches.

Daniel Decker: »Not Available – Platten, die nicht erschienen sind«, Ventil Verlag, Mainz 2021, 248 Seiten, EUR 17,00

Link: »Not Available« (Ventil Verlag)