Quasi ein Jubiläum. Max Nagls Label hält mit »Remise« bei Veröffentlichung Nr. 40. Rude Noises birgt wahre Schätze und »Remise« enthält Kostbarkeiten, die allmählich aus unserem Hörbewusstsein verschwinden. Das Entrée »Roost« beamt meiner Erinnerung nach in Landschaften im Osten Europas, wo die Schreie von Federvieh noch Bestandteil der Landschaft sind und Tümpel und Teiche nicht trockengelegt wurden. Doch bricht sich mitten im Track die dräuende Moderne Bahn. Irgendwie klingen die in die Idylle platzenden metallenen Geräusche eines Gerüstabbaus in der Wiener Operngasse nach einem Aufräumen des Altbestands. Aufgrund der nunmehrigen Vermeidung von Bahnübergängen, etwa auf der Pottendorfer Linie, werden die wohlklingenden Geräusche in der Umgebung von Bahnschranken bald der Vergangenheit angehören. Umso schöner ist, dass Max Nagl diese Sounds von einem »Bahnübergang« in selbige Nummer hievt, wo das Bimmeln einer Bahnübergangsglocke den herannahenden Zug ankündigt, das Pfeifen einer alten Dampflok beschaulich tönt und alles zusammen eine wunderbar schwermütige Liaison mit Nagls wehmütig geblasenem Saxophon eingeht. »Gumpklav 1–8« sind Preziosen des Gebrauchs des prepared piano. Diese Kompositionen, locker verstreut über den 19 Stücke umfassenden Longplayer, sind verschrobene Miniaturen, wo etwa über dem Hall der präparierten Klaviersaiten hauchzarte Saxophonpassagen thronen. Anschließend, auf »Ike elley«, scheinen Fabriksgeräusche mit Baustellengeräuschen vermischt zu werden. Auf diese industrualized Sounds folgt wieder Ohrenstreicheln: »Mbira« featured zwar das afrikanische Daumenklavier, bezieht sich aber auf die Melodie, wo betörende Geigen als Hauptinstrument fungieren und sich, die relaxed Mood verstärkend, Bass, Marimbasounds, Maultrommel, Gitarre und Saxophon dazugesellen. Ein Ohrenschmaus sondergleichen ist auch das ruhige »Papageis«, das Papageienrufe einarbeitet, aber dank der fluiden Begleitgeräusche – Gitarren meet smooth Sax – ungemein ins Herz flattert. »Am Ring« mit gelooptem Einsatzfahrzeugsirenen-Sample dürfte tatsächlich Geräusche aus der Rundstraße um den Kern des 1. Wiener Gemeindebezirks bergen, wobei das darauffolgende »Wobei« mit seiner Beiläufigkeit, gekrönt von Rufen australischer Vögel so schnell vorbeischlüpft, dass einen sogleich die Fröhlich- und Geschäftigkeit von »Schottentor« mit stupendem Pfeifen und den stampfend-marschierenden Geräuschen der Rolltreppe beim Aufgang zur Tramhaltestelle, untermalt von getragener Pianomelodie, gefangennimmt. Das Herz geht über, wenn noch dazu Max Nagl mit seinem Saxophon die Melancholia ins Opulente hievt. Sogleich wähnt der*die Hörer*in sich in »Özdahl« in einem türkischen Basar, dank Perkussion going Middle-East, begleitet von prächtig mäandernden Sax-Klängen. »Ozcrow« widmet sich danach einer Krähe als Beschwerdeführerin und nach einer letzten die Hörgänge wachsam stimmenden »Gumpklav«-Passage mündet »Remise« mit dem Dämmerschlaf-Outro »Rehsing«, worauf eine Radiostimme, aufgenommen im AM-Autoradio in Australien, ein Pferderennen kommentiert, in die Stille. 38 Minuten und 45 Sekunden Hörgenuss sind vorüber und schon bald wird erneut der CD-Startknopf gedrückt, um in diesen wundersamen Hörimpressionen zu schwelgen.

Max Nagl
»Remise«
Rude Noises

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