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Lotti Tauber

»Concern and Simplicity Volume 1: Original Recordings, 1981–1986«

Freedom to Spend

Seit vielen Jahren erscheinen Veröffentlichungen, die obskure und vergessen geglaubte Musik wieder zu Gehör bringen und damit auch die Biografien der Menschen, die diese Musik gemacht haben, ins Licht einer interessierten Nischenöffentlichkeit rücken. Auf diese Weise kommen solche Aktivitäten einer Rehabilitation gleich, der Wiedergutmachung. Betreiber*innen von Labels steigen in Archive hinab, bergen Artefakte und retten damit nicht nur die Musik, sondern auch die damit verbundenen menschlichen Schicksale vor dem Vergessen. Sie heben ins Bewusstsein der Gegenwart, was in der Vergangenheit nicht adäquat zum Ausdruck kam oder gar negiert wurde. Die Archivveröffentlichung ist in diesem Sinne der Versuch einer historischen Korrektur, und die unendliche Geschichte der Musik wird um ein weiteres esoterisches Kapitel ergänzt. So veröffentlichte das New Yorker Label RVNG Intl. vor einigen Jahren und noch zu ihren Lebzeiten die experimentelle elektronische Musik von Pauline Anna Strom wieder und verhalf so ihr und ihrem Werk zu später Anerkennung. Auf dem mit RVNG Intl. verbundenen Freedom-to-Spend-Label nimmt man sich nun Lotti Tauber an. Die Schweizer Pianistin hat in den 1980er-Jahren Kompositionen für Solopiano veröffentlicht. Diese Privatpressungen wurden in sehr kleinen Auflagen verlegt und sind, wie man im Englischen sagt, so rar wie Hühnerzähne. Ab und an tauchen Originale auf den einschlägigen Online-Plattformen zum Verkauf auf, dann wird’s teuer. »Concern and Simplicity Volume 1: Original Recordings, 1981–1986« versammelt acht Kompositionen von Lotti Tauber, und ich nehme an, dass im Hintergrund daran gearbeitet wird, ihr gesamtes Werk wieder zu veröffentlichen. Die jetzt erhältliche Zusammenstellung ist ein Vorbote, vielleicht auch ein Testballon, um Interesse und Nachfrage anzuregen, denn Lotti Taubers Musik und die obskuren Schallplatten sind selbst eingefleischten Sammler*innen nicht unbedingt ein Begriff. Jetzt ist natürlich die berechtigte Frage, ob bei all dem geheimniskrämerischen Geraune hinter vorgehaltener Hand und jenseits der angedeuteten historischen Perspektiven die Musik was taugt? Allerdings. Neben Klassikern wie Arvo Pärt und Erik Satie oder den Gurdjieff-Interpretationen von Thomas de Hartmann kann Lotti Tauber ein passendes Zuhause finden und so zur Entspannung strapazierter Nervenkostüme beitragen. Die sanfte Musik von Lotti Tauber mutet schlicht an, aber es ist ja nicht selten so, dass ein bleibender Eindruck gerade dort erzeugt wird, wo mit wenigen dezenten und bewusst gesetzten Gesten hantiert wird. So auch bei Lotti Tauber. Mühelos und leicht muten die acht Kompositionen an und machen so vergessen, dass sie auch in Auseinandersetzung mit körperlichen Leiden ins Werk gesetzt wurden, denn die Musikerin litt zeitlebens unter chronischen Schmerzen, wie man dem begleitenden Text zur Veröffentlichung entnehmen kann. In der Musik erfuhr Lotti Tauber Linderung, und ihre Musik kann jetzt, wie erwähnt, auf ein neues Publikum einen ähnlichen Effekt haben. Alles ist gut, für einen Augenblick. 

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
22.10.2026

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