Günter Brus, »Wiener Spaziergang«, 1965, Foto: Ludwig Hoffenreich © Günter Brus

Kunst als Mahnmal

Aktuell werden im Belvedere 21 zwei sehr unterschiedliche Ausstellungen gezeigt. Auf den ersten Blick haben diese nichts gemeinsam, doch gerade beim Hinausgehen aus dem Museum, sobald die Kontemplation einsetzt, tun sich spannende Schnittpunkte im Werk von Rachel Whiteread und Günter Brus auf.

Der österreichische Künstler Günter Brus trägt immer wieder den Nebentitel »vom Staatsfeind zum Staatskünstler«. Bei seinem »Wiener Spaziergang« von 1965 zum Beispiel will Brus Institutionskritik am Dorotheum üben, schließlich geht er an diesem Ort als lebendes Bild vorbei – als lebendes Kunstwerk im öffentlichem Raum. Brusʼ Kritik bezieht sich außerdem auf den Umstand, dass im Dorotheum auch unrechtmäßig erworbene Kunstwerke verkauft wurden. Kunst von jüdischen Sammlern, die oft während des Nazi-Regimes enteignet worden waren. Sein Wiener Spaziergang beginnt nicht zufällig am Heldenplatz, dem Ort, an dem sich 1938 Österreich an Nazi-Deutschland anschloss und Hitler von der breiten Masse freudig begrüßt wurde. Die frühen Arbeiten und Aktionen von Günter Brus müssen in Analogie zum Nationalsozialismus gelesen werden. Der Sprache der Nationalsozialisten entnommen Begriffe wie »Entartete Kunst« waren Inspirationen für Brus’ Verstümmelungsaktionen. Die Verletzungen, die er sich in seiner Rolle als Kunstfigur antut, sind harmlos in Gegenüberstellung zu den grauenvollen Taten, die während des NS-Regimes geschehen sind, und das Publikum steht in gewisser Weise symbolisch für die Gesellschaft, die sich das »ansieht« und es hinnimmt.

Auch in der 1969 in Berlin gegründeten Kunstzeitschrift »Die Schastrommel« üben Brus und viele andere KünstlerInnen Kritik an Österreich: »Die intolerante Haltung der österreichischen Behörden erklärt sich aus der faschistischen Vergangenheit des Landes. Der alpine Faschismus sitzt jedem Österreicher tief unter der Haut. Da Österreich als ein von den Nazis okkupiertes Land gilt, konnte der Österreicher keine Schuldgefühle entwickeln, die ihn genötigt hätten, sich mit einer faschistischen Verseuchung auseinanderzusetzen. Dörflerische Engstirnigkeit, Selbstgefälligkeit, Stolz auf monarchisches Erbe wie Spanische Hofreitschule, Staatsoper und Schifahren machen den Rest.« Mittlerweile ist Günter Brus einer der etabliertesten österreichischen Künstler und hat sogar sein eigenes Museum, das Bruseum in Graz. Es mutet doch etwas ironisch an, dass seine Kunstwerke aktuell im Dorotheum zu fünfstelligen Beträgen verkauft werden. Kritik an der aktuellen politischen Situation nimmt Brus nur noch leise.

Günter Brus, »Portfolio Ana IV«, 1964/2004, Foto: Khasaq (Siegfried Klein), mit Anna Brus © Belvedere, Foto: Johannes Stoll

Skulpturale Erinnerungen
Die britische Bildhauerin Rachel Whiteread wurde 1993 als erste Frau mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet. Sie gießt Alltagsgegenstände, Möbel und ganze Räume ab und spielt mit der Idee, das Unsichtbare zu materialisieren. Spuren von Vergangenheit, Erinnerungen und Negativräume werden in ihren Arbeiten in solide Formen gebracht. Whiteread hat mit Wien eine Verbindung, die ebenfalls an die faschistische Vergangenheit Österreichs anknüpft, wenn man an ihr Holocaust-Mahnmal am Judenplatz denkt. 1993 gab es auf Ansuchen von Simon Wiesenthal eine internationale Ausschreibung zur Errichtung eines Mahnmals in Gedenken an die 65.000 im Nationalsozialismus ermordeten Juden. Ausgewählt wurde Rachel Whitereads Konzept für eine invertierte Bibliothek in Anlehnung an die kulturhistorische Bedeutung von schriftlichen Quellen im Judentum. Die Leerstellen zwischen den Büchern symbolisieren die Leerstellen, die durch die Vertreibung und Ermordung vieler Intellektueller und Schriftsteller unwiederbringlich entstanden sind.

Rachel Whiteread spricht immer wieder von »five years of hell«, wenn sie an diese Zeit zurückdenkt, denn es dauerte tatsächlich fünf Jahre, bis das Projekt eröffnet werden konnte. Zum einen wurden Reste einer Synagoge unterhalb des Judenplatzes gefunden. Diese gehen auf das Jahr 1420 zurück, als ein Pogrom die Vertreibung und Ermordung jüdischer Bewohner zur Folge hatte, die sogenannte »Wiener Gesera«. Damit einhergehend wurde die Zerstörung der jüdischen Kultstätten von den katholischen Herrschern zugelassen. Somit brachte das Projekt Spuren der antisemitischen Vergangenheit hervor, die weiter zurückreichen als der Nationalsozialismus. Eine Ironie der Geschichte. Zum anderen gab es Proteste und starken Widerstand von Seiten der FPÖ, die das Mahnmal verhindern wollte. Als es 2000 endlich eröffnet wurde, kam es im selben Jahr zur Regierungsbildung FPÖ/ÖVP. Rachel Whiteread war anlässlich der Ausstellungseröffnung 2018 wieder in Wien und vermutlich nicht sehr überrascht über die aktuelle Regierung bzw. politische Situation in Österreich.

Rachel Whiteread, Holocaust-Mahnmal, 2000 © Belvedere, Foto: Johannes Stoll

Anknüpfungspunkte
Das ehemalige 20er Haus, nunmehr Belvedere 21, wurde 1958 für die Weltausstellung in Brüssel als Österreich-Pavillon von Karl Schwarzer erbaut. Die moderne Architektur, die nicht an die Jahrhundertwende anschließt, sondern an die internationale Moderne, sollte auch die Aufbruchsstimmung Österreichs symbolisieren. Transparenz, Internationalität, Innovation, eine Verbindungslinie zwischen Ost und West – drei Jahre nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages will sich die Zweite Republik neu positionieren. In diesem Sinne kann die Ausstellungsarchitektur selbst als Mahnmal für die aktuelle Positionierung Österreichs gesehen werden. Auch Rachel Whitereads Arbeiten, die im Erdgeschoß gezeigt werden, evozieren viele Bezüge. Zum Beispiel zum Hitler-Geburtshaus in Braunau, vor dem ein kleiner Gedenkstein angebracht wurde, nachdem es bereits Touristen gab, die dort Hitler-Souvenirs kauften, ganz abgesehen von Neonazis, die regelmäßig dorthin pilgern. Ob das Haus überhaupt noch stehen sollte, ist eine ungelöste Debatte. Oder Assoziationen zu Graz und dem Lager Liebenau. Nach wie vor werden dort Leichenreste von NS-Opfern vermutet, doch die Stadt weigert sich, die Grabungen vornehmen zu lassen, und baut stattdessen einfach darüber. Eine österreichische Lösung.

Rachel Whiteread, Ausstellungsansicht, Foto: Johannes Stoll © Belvedere

Die Ausstellungen zeigen, dass Themen, die nicht aufgearbeitet werden, dazu neigen, immer wiederzukehren. Wenn Österreich auch 2018 nicht dazu bereit ist, seine faschistische Vergangenheit aufzuarbeiten, ist es nicht verwunderlich, dass neofaschistische und antisemitische Tendenzen wieder laut werden.

Günter Brus, bis 12. August 2018, Belvedere 21
https://www.belvedere.at/bel_de/ausstellung/guenter_brus

Rachel Whiteread, bis 29. Juli 2018, Belvedere 21
https://www.belvedere.at/bel_de/ausstellung/rachel_whiteread

Rachel Whiteread im Gespräch mit Ann Gallagher: 6. Juni 2018, 18:00 Uhr,
Belvedere 21
https://www.belvedere.at/de/events