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Ja, Pyrates!

Viva Libertatia!
Auf der Pirateninsel mit Captain Misson, Bey, Burroughs und Ja, Panik.

»Libertatia«: ein Albumtitel als Befreiung für eine Band wie Ja, Panik, die sich zuletzt den Realitäten ungeschützter gestellt hat als irgendeine andere. Benannt nach einer Piratenkolonie, eine reale Utopie, vielleicht aber auch völlig fiktiv. Eine, die Spuren aus dem 18. Jahrhundert bis in unsere Tage hinterlassen hat, weit über Jack Sparrow hinaus. Zum Beispiel William S. Burroughs: Sein 1981 erschienener Roman »Cities of the Red Night« ist selbst für einen, der in »Naked Lunch« schlechte Trips in Tanger zu Experimentalliteratur verklebte, ein Gipfel aufreizend assoziativer Zusammenhanglosigkeit. Ein Privatdetektiv, das mysteriöse Virus B-23, dessen Symptome der Liebe nicht unähnlich scheinen, die Geschichte der Städte der Roten Nacht, in denen ewig Wiedergeborene sich lustvoll am Ende ihrer Jugend zu Tode bringen, dazu die Anarcho-Piraten und Trans-PiratInnen, die im 18. Jahrhundert das Werk des Cpt. Mission erfüllen, das da heißt: Libertatia – ein »retroaktives Utopia«, wie Burroughs es in einer Vorrede nennt; eines, das die Welt hätte verändern können: »Imagine a number of such fortified positions all through South America and the West Indies, stretching from Africa to Madagascar and Malaya and the East Indies, all offering refuge to fugitives from slavery and oppression: Come to us and live under the Articles. At once, we have allies in all those who are enslaved and oppressed throughout the world. […] The chance was there. The chance was missed. […] Your right to live where you want, with companions of your choosing, under laws to which you agree, died in the eighteenth century with Captain Mission.«

A Deo a Libertate
Mission selbst, der in der ältesten Quelle Misson heißt und dessen sprechender Name sich scheinbar erst und ausgerechnet in der anarchistischen Literatur des letzten Jahrhunderts bildet, mag tatsächlich eine fiktionale Gestalt sein – Captain Johnsons »A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates« von 1728, in dessen zweitem Band sie auftritt, verwischt die Unterschiede zwischen Realität und Fantasie. Wenn Cpt. Johnson nicht ohnehin Daniel Defoe ist, Autor von »Robinson Crusoe« und Kommunist avant la lettre.

Seiner Lebensbeschreibung folgend, war Misson ein französischer Adliger, den es zur See zog. Unter dem Einfluss eines abgefallenen (selbstredend lüsternen) Priesters sich dem Deismus zuwendend und das Zwanghafte aller Religionen und Regierungen erkennend, entschließt er sich nach einer erfolgreichen Seeschlacht, er möge »bid Defiance to the Power of Europe, enjoy every Thing he wish’d, reign Sovereign of the Southern Seas, and lawfully make War on all the World, since it would deprive him of that Liberty to which he had a Right by the Laws of Nature« – und so entstand auf den Planken seines Schiffes eine neue Gesellschaftsform, die auf Gleichheit, Kollektiveigentum und Harmonie aufbaute. Die sich eine Verfassung gab, jene Burroughs’schen Artikel: Basisdemokratie, Religionsfreiheit … Die zugleich piratisch war und post-piratisch: Ihre Flagge war weiß, von allen Zeichen befreit. Diese Piraten raubten nicht, sondern führten einen legitimen Krieg Prinzipien beugten. Machten sie Beute, wurde sie geteilt. Fielen ihnen Sklaven in die Hände, wurden sie freie Mitglieder der Gemeinschaft. Als Missions Gemeinschaft später auf Madagaskar an Land geht und eine befestigte Siedlung anlegt, wird sie Libertatia heißen und ihre Bewohner Liberi, »desiring in that might be drown’d the distingush’d Names of French, English, Dutch, Africans, &c.«.

Nomadische Kriegsmaschinen
Libertatia überlebte nicht. Bei einem Ûberfall durch die lokale Bevölkerung wurde es recht bald, wie auch die dreihundert Menschen, die sich dort als »Liberi« niedergelassen hatten, ausgelöscht. Aber das Piratige am Piratismus ist ohnehin das Nomadische, das Verweigern des Ankommens. Missions Kolonie war letztendlich temporär, aber als in der Geschichte platziert erdacht: im Sinne einer Geschichte, auf die Defoe und Burroughs rekurrieren. Anarchistische DenkerInnen haben hingegen gerade das Herausgehobensein der PiratInnen aus diesen Zusammenhängen betont, ihre Flüchtigkeit, ihr beständig Werdendes.

PiratIn zu werden hat viele Gründe, schreibt Gabriel Kuhn, der das Piratentum mit dem Vokabular von Deleuze/Guattari und Max Stirner deutet, mit Ego, Nomadentum, Molekularität und der Kriegsmaschine; gemeinsam ist ihnen der Zweifel an gesellschaftlichen Strukturen und vorgefertigten Rollen, an Hierarchien und Kontrollapparaten, sie reichen von Verfolgung bis Ennui. Dass alle PiratInnen gleich sind, zieht junge Adlige ebenso an wie den ausgebrochenen Häftling, und diese Gleichheit ist es auch, die das Flüchtige, das Molekulare, das Anarchische begründet: Der Einzelne bleibt für sich, subjektiviert sich nicht durch die Gruppe, kann sich aber vorübergehend mit anderen zusammenschließen, dort für Momente eine Rolle innehaben, die ständig neu ausgehandelt und besetzt wird. Dass die See selbst ein Raum ist – ein unerschlossener, unkontrollierter Raum zumal in einer Zeit, da das europäische Festland längst erschlossen und verteilt ist – und der Vagabund zum Citoyen wurde – dessen Qualität und Beschaffenheit sich ständig wandelt -, passt bestens dazu.

Die Intensität des Aufstands
Jene Flüchtigkeit wider Willen, die Libertatia beschreibt, ist es auch, die Hakim Bey in seinem von der frühen Rave-Kultur begeistert rezipierten Manifest für »Temporäre Autonome Zonen« – kurz: »T.A.Z.« (1991) – besingt. Anders als Burroughs bezieht sich Bey auf Libertatia nicht als gescheitertes Experiment, sondern im Sinne des T.A.Z.-Konzepts als vorübergehenden realen Freiraum, der kurz unter das Radar der Aufteilung der Welt schlüpfen und verborgen existieren konnte, und wie die T.A.Z. selbst, so Bey, eine »Taktik des Verschwindens« ist. Wo er aber beschreibt, dass diesen Zonen »die vorwärtstreibende Intensität, die mit dem Aufstand assoziiert wird, eigen ist, ohne notwendigerweise zu Gewalt und Märtyrertum zu führen «, klingt deutlich die Inspiration für eine Haltung an, die Ja, Panik auf »Libertatia« annehmen: die Intensität des Lebens, so hoffnungslos das auch sein mag, zu richten gegen die Agonie der Depression, die das Vorgängeralbum »DMD KIU LIDT« von 2011 thematisierte und die, so scheint es, nicht nur dem lyrischen Ich der Band zu schaffen machte.

So vorgestellt, ist »Libertatia« ein close reading von Hakim Bey: ein Feiern der eigenen Fehler, ein Feiern trotz der Zweifel, dass die Feier falsch sein könnte, verlogen, machistisch, konterrevolutionär, eines, das der eigenen Dekonstruktion Ekstase entgegensetzt, einen kurzen Moment der Gewissheit, dass das Utopische real wird, in einem Hier und Jetzt, dem kaum noch zu helfen ist. Und das wäre Ja, Panik hoch anzurechnen, dennoch in eine Form von Eskapismus fließt, die zu umarmen leicht fällt, insofern sie – anders als die meisten eskapistischen Fantasien der Popkultur zuvor, seien es die White-Negro- Hipster, die zigeunerromantischen Balkanistas, die VoluntouristInnen – eine ist, die den »rassisch Anderen«, den exotisch Fremden, als Bezugspunkt hinter sich gelassen hat, eine postrassistische. Die Sehnsucht nach einem Piratismus in den sich wandelnden Räumen zwischen, über- und unterhalb der Wachposten von EZB, NSA und Frontex ist ein Exotismus, der sich radikal auf das Eigene bezieht, auf das Selbstwerden des Eigenen, durch ein Anders-, ein PiratInwerden hindurch.



Literatur:

panik_1.jpg Hakim Bey: »T.A.Z. Die temporäre autonome Zone« Berlin 1994.
William S. Burroughs: »The Red Night Trilogy (1973-87)«, in: ders.: »Word Virus. The William S. Burroughs Reader«, hrsg. von James Grauerholz/Ira Silverberg. New York 1998, S. 403-498.
William Defoe: »General History of the Pyrates« Mineola 1999 [1728].
Gabriel Kuhn: »Life Under The Death’s Head. Anarchism and Piracy «, in: Ulrike Klausmann/Marion Meinzerin/Gabriel Kuhn: »Women Pirates and the Politics of the Jolly Roger«. Montréal u. a. 1997, S. 225-280.

Ja, Panik: »Libertatia« (Staatsakt)