Bild: Thomas Paster

Homoerotik im Einfamilienhaus

Mit »Spot«, ihrem achten regulären Album, gelingt es Attwenger, wieder einmal zu überraschen. Seit der letzten Veröffentlichung »Clubs« gewinnt der konzeptionelle Ûberbau an Gewicht.

Hans-Peter Falkner und Markus Binder sind, war 2013 ihr erstes Live-Album »Clubs«: eine Collage aus kurzen Fetzen ihrer Stücke von Auftritten an ungewöhnlichen Orten oder mit Gastmusikern, getaktet durch exotische Ankündigungen ihrer Konzerte und Radioschnipsel im Fieldrecording-Style. Dazu gab’s eine DVD mit trashigen Smartphone-Filmen von Tourneen. Im weiten Feld des Pop ist es vermutlich das einzige Album dieser Art. In diesem Jahr begehen Attwenger unaufgeregt ihr Vierteljahrhundertjubiläum, die begleitende Platte »Spot« zeigt sich dabei formal und inhaltlich wie immer ausgeklügelt. Sie enthält zwölf rund zwei Minuten lange Stücke, die von Jingles (eine Minute und kürzer) unterbrochen werden.

Stilistisches Neuland

Im von Falkner gesungenen »japaner« fühlt man sich mit Zitherklängen tief in die Gefilde des Regionalradios versetzt. Konterkariert wird der Sound vom Text, in dem es um einen kleinen Touristenunfall und die unerschütterliche japanische Lachfassade geht. »wöd« kommt im Sound vertrauter daher, sogar die Melodie klingt bekannt! Kein Wunder, handelt es sich doch dabei um die erste oberösterreichische Coverversion von »It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)« von R.E.M. aus dem Jahr 1987. Dabei ist wohl außer dem Refrain textlich kein Stein auf dem anderen geblieben. In puncto zungenbrecherischem Tempo schenkt hier die eine Version der anderen nichts. Weiter in die Elektronik begibt sich »oida«, zu dem es ein amüsantes Video von Jessica Hausner gibt. Ein gewisser P. E. Finzi tanzt darin exaltiert neben Toiletten bzw. vor einem Aufzug und unterstützt mit seinen Bewegungen den Text. Reduzierter geht’s fast nicht, günstig in der Produktion, originell – und deshalb wunderbar zu Attwenger passend. Anderweitig auffällig ist die Petitesse »i bin froh«, die in ihrem Swingstyle der Schellack- Ära Reverenz erweist.

Welche Drogen nehmen Attwenger?

»Wir wissen nicht, welche Drogen Attwenger nehmen, aber wir wollen sie auch haben!«, schreibt der Münchner Autor und Musik-Afficionado Franz Dobler auf seiner Website begeistert. Dem kann man nur beipflichten. Nach Punk, HipHop, Techno, Electro, Rock’n’Roll, afrikanischen Rhythmen, Trance, Polka und Volksmusik sowieso gelingt es dem ausgebufften Duo, wieder Unerwartetes zu integrieren. spot_medium.jpgGanz zu schweigen von den ungewöhnlichen Themen, die abgehandelt werden. Schön derb etwa im rätselhaften Jingle »ferl und fritz«, der spontane Homoerotik behandelt. Oder das aberwitzige »automatische«, das die Tücken einer automatischen Tür besingt. »einfamilienhaus « bringt auf den Punkt, was sie von Einfamilienhäusern halten, nämlich »nix«. Mit den sonst im Pop besungenen Inhalten hatten Attwenger aber eh nie was zu tun; zu zentral ist für Markus Binder das lautmalerische Element und der höhere Blödsinn, der dem Eindeutigen hinsichtlich Verdichtung einiges voraus und nebenbei den Vorteil hat, dass er auch von all den des Oberösterreichischen nicht Mächtigen auf einer anderen Ebene bestens verstanden werden kann.

Attwenger: »Spot« (Trikont/Lotus)

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