Karin Pauer & Johanna Pauer © T.M.I.L.

Getaktete Metamorphosen

Schon als Kind choreografierte Karin Pauer die anderen Hortkinder und ärgerte sich über deren fehlendes Rhythmusgefühl beim Einstudieren von Lambada-Tänzen. Nun zeigt die zur Profitänzerin Gereifte »five hundred thousand years of movement«.

Karin Pauers Performance »five hundred thousand years of movement«, die im Rahmen von ImpulsTanz am 17., 19. und 20. Juli 2018 im Wiener mumok aufgeführt wird, ist eine sehr humorvolle Kosmologie von minimalen Bewegungsevolutionen, bei der ein riesengroßer Pullover die Antropomorphisierungsprozesse empathisch einkleidet. skug traf sich im Vorfeld der Aufführungen zu einem angeregten Gespräch mit der in der [8:tension] Young Choreographers’ Series auftretenden Wienerin. Es geht um die Übertragung zeichnerischer Transformationen auf die Bewegung und die dabei stattfindende Darstellung des Vergehens der Zeit, mit Italo Calvinos Buch »The Complete Cosmicomics« als Inspirations- und den Swingle Singers als Sound-Quelle.

skug: Deine Performance »five hundred thousand years of movement«, bei der du Themen wie Evolution, Veränderung und Transformation ironisch verarbeitest, hatte eine Zeichnung als Initialereignis. Die Zeichnung hat den Titel »nextness«, magst du uns darüber etwas erzählen?
Karin Pauer: Das Zeichnen war für mich bis jetzt etwas Privates. Letztes Jahr habe ich mich intensiver darauf eingelassen und in einem meditativen Prozess kleine Formen, die sich verwandeln, ähnlich wie Buchstaben zeilenartig angeordnet. Der Farbverlauf innerhalb der organischen Formen ändert sich ständig, diese »emotionalen« Transformationen sind Momente von Metamorphosen, die ich festhalte. Jede Zeile hält minimale Veränderungen der Elemente, der »next forms«, fest. So habe ich dann angefangen, über Evolution nachzudenken und wie wir uns auch ständig verändern, verwandeln, sozusagen evolvieren.

Die Formen erinnern auch an Mikroorganismen …
Ich war fasziniert von der Vorstellung, dass ein Großteil unseres Körpers aus Mikroorganismen besteht. Als Tänzerin setzt man sich naturgemäß sehr stark mit dem eigenen Körper auseinander, aber mit diesem Aspekt hatte ich mich noch nie auseinandergesetzt. Dieses Bewusstsein war neu für mich: dass wir kleinste Organismen beherbergen, die nach eigenen Regeln und Strukturen »Community-orientiert« funktionieren. Was könnten wir Menschen von unseren innersten, mikroskopischen Vorgängen lernen, von einer »Philosophie der Mikroorganismen«, mit ihrem Schwerpunkt auf Kollaboration? Ich hatte dann diese Neugierde: Was passiert, wenn ich diese visuellen Mikroveränderungen auf die Bewegungspraxis meines Körpers übertrage? Es ist ja als Tänzerin oder Choreografin oft schwierig, einen Grund zu finden, warum Bewegungen auf der Bühne genau auf eine bestimmte Art durchgeführt werden. Warum bewegt man seinen Körper auf nicht alltägliche oder funktionsorientierte Art? Ich habe mit dieser Arbeit versucht, die zeichnerischen Transformationen auf die Bewegung meines Körpers zu übertragen. Das war der Ausgangspunkt meiner aktuellen Arbeit.

nextness © Karin Pauer

Sind die Zeichnungen nun auch auf der Bühne Teil des Stückes?
Ich habe versucht, das Stück »five hundred thousand years of movement« so minimalistisch und klar wie möglich zu halten. Und auch wenn die Zeichnungen ein wichtiger Bestandteil davon sind, haben sie auf der Bühne keinen Platz gefunden. Es wird nächstes Jahr einen zweiten Teil dieser Performance geben, vielleicht versuche ich dann, sie als Videoanimation zu integrieren.

Gab es noch andere Inspirationsquellen für dieses Stück über Transformationen?
Das Buch »The Complete Cosmicomics« von Italo Calvino. Jede Kurzgeschichte nimmt einen wissenschaftlichen Fakt über die Entstehung unseres Universums als Ausgangspunkt, um von einem Subjekt, von dem man nicht weiß, welche Lebensform das eigentlich ist, darüber erzählen zu lassen. Das Buch schafft es irgendwie, diese unendliche Weite des Universums und der Zeit einzufassen und dabei extrem phantasie- und humorvolle und zutiefst menschliche Geschichten zu erzählen. Meine Timeline-Projektion ist von diesem Stil inspiriert.

Das Vergehen der Zeit wird in deinem Stück von einem monotonen Metronom-Beat dargestellt. Dazwischen gibt es kurze »Entspannungsmomente«. Welches Musik-Sample hast du dafür verwendet?
Mit einem Mikrofonständer markiere ich bestimmte Events auf der projizierten Timeline, die ich dann abstrakt auf der Bühne interpretiere, wie zum Beispiel den »Biggest Dinosaur Strike in History«. Der Sound dazu ist ein von The Swingle Singers verjazztes Bach-Stück, der Titelsong einer italienischen naturwissenschaftlichen Fernsehdokumentationsreihe.

Gegen Ende des Stückes kommt eine zweite Person ins Spiel …
Auf der Timeline gibt es einen Moment, »x’s  Mom comes to visit«, das ist der Zeitpunkt, wo meine Mutter Johanna Pauer mich im Stück »besuchen kommt«. Sie wird Teil von einem Transformationsprozess, einem Moment »traumhafter Unlogik« in dem Stück. Bis dahin gab es noch diese konstruierte Linearität der Zeit, in diesem finalen emotionalen Moment verschieben sich nun diese klaren Abfolgen: Mutter und Tochter – wer ist die nächste Form von wem, wer spiegelt wen? Generationstechnisch bin ich die »nächste Form« meiner Mutter, meine Mutter ist wiederum, wenn sie in »five hundred thousand years of movement« die Bühne betritt, die »nächste Form« in meinem Stück.

Link: https://www.impulstanz.com/performances/2018/id1237/