Musil-Marathon im Spitzer © Bill Bayer

Fragmente eines fragmentarischen Buches

Im Spitzer in der Wiener Leopoldstadt wurde am 22. und 23. März 2019 aus »Der Mann ohne Eigenschaften« vorgelesen. War Robert Musil ein verkappter Dichter, der sogar zu »germanischer Inbrunst« Bilder erfinden konnte?

»Ich verstehe sie«, hätte die Tante gesagt. »Du störst sie mit deinem Ernst.« Hinter dem Vorleser im Spitzer im 2. Wiener Gemeindebezirk stehen die Stühle gestapelt wie in einer Skulptur des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei. Die ganze Nacht durch wird »Der Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil gelesen. Das Spitzer ist die Dependance des Odeon Theaters in der Taborstraße und liegt seitlich davon in einem Hof. »Du kannst sagen, man muss nicht jedes Buch lesen. Man muss im Krieg auch nicht jeden Soldaten töten.« Dem Vorleser fallen die Augen zu, die Lider stehen auf Halbmast, aber er produziert ständig diesen amüsierten Unterton. Oder steht der schon im Buch? Der Vorleser hängt schief im roten Polstersessel, mitsamt seinem schwarzen Anzug. Das Spitzer, die kleine Filiale des Odeon, verfügt über wunderschöne Räume, genau wie das Theater selbst. »Ich beschäftige mich eher friedensgeschichtlich«, tönt es. Oder: »Es hat ordentlich nach Gehirnphosphor gerochen. Er schaute mir immerzu auf meinen Säbel. Er wuchs aus seinen Hosen förmlich heraus.« Ganz eigene Gedankenwelten in Sprache oder Bilder umsetzen. Das konnte Robert Musil.

Musil-Marathon im Spitzer © Bill Bayer

Der Kriegsschüler
Schwarzes Klavier vor schwarzem Vorhang auf der Bühne. Das Spitzer wird leider nur für Veranstaltungen geöffnet. Die Bilder passen zu dem Ton der Wandfarbe: Beige auf Braun, »Wallpaper Kalligraphie« steht darunter. Details, Dekorationen des Lebens in »Der Mann ohne Eigenschaften«. Ein Beispiel gefällig? »Was der Mensch will und was er dazu liest.« Was für Charaktere: »die Kriegsschüler«! Fragmente eines fragmentarischen Buches: »Stell dir Ordnung vor« oder »Ganze Welt, habt acht. Bis zu den Sternen hinauf.« Die Gedanken schweifen immer wieder ab, hängen fest an einem Wortköder, einem Worthaken. Und man ist schon wieder futsch für die Aufnahme der nächsten Sätze. Man stellt sich ständig jemanden vor, einen Erzähler, der nonstop redet – Selbstgespräche eines schwatzenden Selbst? Rätsel des Erzählers über Rätsel der Welt über Rätsel der Zuhörerin. Ein Beispiel: »Warum wir beim Militär, wo wir die Ordnung haben, ständig sterben müssen?« Kapitel 101. Die feindlichen Verwandten. »Man macht aus der Leere eine Schelle.« Ein Bilderreichtum herrscht vor, wie ihn Walter Benjamin als notwendig für jede Menschenseele beschrieb. Aber auch nicht wenige Komplikationen: »Gedanken, die Macht gewinnen wollen, hängen sich an Gedanken, die schon Macht haben.« Vielleicht war Robert Musil ja ein verkappter Dichter, der eigentlich Gedichte schrieb? Aber diese Gedichte so sehr verdichtete, überquoll vor »dem Mond, der über dem Marmarameer aufsteigt«, dass schlussendlich Prosa herauskam?

Musil-Marathon im Spitzer © Bill Bayer

Germanische Inbrunst
»Ich bin doch kein Backfisch, der sich verschossen hat«, meint Diotima. »Seinen Nebenmenschen, den Menschen in der Frau lieben, kommt ungeheuer selten vor«, sagt Ulrich. »Entschlossene Einseitigkeit. Verdächtiger Zustand der Freiheit.« Der Vorleser kann nicht mehr. »Bah!«, gibt er von sich. Mit Kapitel 102 taucht der nächste Vorleser auf der Bühne auf. »Meine Nation, das ist körperlich.« Einen »Hauch von unschuldiger Wollust«, umgibt die germanische Gerda. »Nationales Gefühl« plus »Verschmelzung der Ichs« ergeben eine germanische Inbrunst, »ein zartes Gedenken an Brunst«, ein »rückhaltloses Gefühl bis in die Beine«. Wow, besser hätte wirklich niemand diese Verirrungen beschreiben können. »›Ich lache!‹ Aber er irrte sich. Er weinte.« Er kriegte ein »Bedürfnis nach frischer Luft«. Dann geht es um »Lebenslockung«, eine »Wortschlacht«, um »Ideenfackeln«. »Besonders die jungen Antisemiten standen unter dem Stern einer allumfassenden, nicht körperlichen Liebe. Sie stritten im Namen der Liebe gemeinsam über alles.« Auweh. Dann geht es natürlich sofort um »Menschenopfer«. Hat ihre eigene Logik, diese Mördertranszendenzliebe. Wo die hinführte, wissen wir genau. Für Alfred Kerr, den berühmten Theaterkritiker und Förderer Musils, und für Robert Musil selbst und seine jüdische Frau Martha ins Exil in die Schweiz.

Mit Worten gefüllt und abgefüllt, geht man nach Hause. Noch mehr hätte man nicht aufnehmen können. Wie schaffen die Veranstalter und Vorleser, Bernd Remsing, Karl Ernst und Florian Humer, diese überbordende Lyrikaufnahme nur, wie halten ihre Hirne die Überfrachtung aus? Muss die jahrelange Übung sein.

Alle Zitate sind aus der Mitschrift wiedergegeben, das Original ist nachzulesen unter: http://musilonline.at/

Im Herbst wird der zweite Band von Robert Musils »Mann ohne Eigenschaften« (470 Seiten, geschätzt 26 Stunden lang) vorgelesen werden. Look out for it!

Derzeit im Spitzer: Ausstellung des Lebenswerkes von Ulrike Kaufmann.
https://im-spitzer.net/event/ulrike-kaufmann-lebenswerk/