Der Herr Lehmann und das Leben.

Über Sven Regeners »Herr Lehmann. Ein Roman.«

Frank Lehmann, Anti-Held des grandiosen Debüts des Element-of-Crime-Masterminds Regener, hat sich mit seinem Leben arrangiert: Im Berlin des Jahres 1989 arbeitet er als Barkeeper, trottet durch den Alltag, gibt sich mit der Durchschnittlichkeit nicht nur zufrieden, er bekennt sich sogar klar zu ihr. Doch mit dem Näherrücken des dreißigsten Geburtstages, wiederholten Begegnungen mit einem großen Hund (»Ghost Dog« lässt grüßen), einem nahenden Besuch der Eltern – die ihn für den Geschäftsführer eines Restaurants halten – und einer emotionalen Verwirrung, in die ihn die schöne Katrin stürzt, beginnt die scheinheilige Welt des stoischen Protagonisten zu zerbröckeln.

Das »Fossil« Lehmann, der von allen nur mit »der Herr Lehmann« angesprochen wird, ist von einer einnehmenden Mediokrität: er ist nicht langweilig, er scheint bloß simpel. Doch trotz seines Stillstands ist auch er nur ein permanent Unterschätzter. Der absolut nicht begeisterungsfähige Protagonist beginnt mit der Rückeroberung der Welt, die ihm nach und nach entglitten ist. Lehmann geht damit aber weniger auf die Dreißig zu; er stolpert vielmehr in diese Richtung, strauchelt mitunter. Denn es ist das eigene Leben, das ihn auch zu ekeln scheint, »denn irgendwie scheint sich ja die ganze Welt einig zu sein, dass man so etwas wie einen Lebensinhalt unbedingt braucht. Ist das Leben so? Nur ein Behältnis für was anderes? Ein Fass vielleicht? Oder eine Kotztüte?« Lehmanns Leben stagniert, doch er hat sich damit abgefunden: sein Leben reicht ihm so, wie es ist.
Regener hat hier Versatzstücke des Bildungsromans eingebaut, das Leben, auch das im beinahe endgültigen Stillstand, bietet zwar die eigentlichen Abenteuer, die als solche aber kaum noch erkannt werden.

Lehmann setzt sich nun den Gefahren dieses Alltags aus, doch sein Scheitern scheint vorprogrammiert: der Besuch der Eltern führt zu einer katastrophalen Reise nach Ostberlin, er wird hintergangen und verlassen. Der Fall der Berliner Mauer, die mit Lehmanns Geburtstag zusammenfällt, regelrecht mit ihm zusammenstürzt, wird neben Lehmanns Tristesse zur nebensächlichen Dekoration; und tatsächlich bleibt der Protagonist stets am Rand der Ereignisse stehen. Die Härte und Aufrichtigkeit die Regener in die Figur des Frank Lehmann legt, ist erschreckend und zugleich faszinierend: Herr Lehmann erfährt keine tatsächliche Veränderung, er bleibt relativ statisch, zumeist unberührbar, aber eben (nicht mehr) unverletzlich; das Weitermachen fällt ihm leicht, die Abenteuer der Zukunft lässt er auf sich zukommen, denn sie kümmern ihn vorerst nur wenig: »Tut mir leid. Ich weiß, das ist enttäuschend und so, ich will ja auch keine Spaßbremse sein, aber es ist nun mal leider so

Sven Regener
Herr Lehmann. Ein Roman, 300 Seiten
Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2001
DM 36,-; sFr 33,-; öS 263,-; EUR 18,41