Der Fenstergucker

In Daniel Wissers Versroman »Dopplergasse 8« passiert nicht viel – aber das ist trotzdem spannend.

Ein Autor schaut zum Fenster raus und beobachtet das Haus auf der anderen Straßenseite. Es ist das Haus Nummer 8 in der Dopplergasse, Simmering. Ingrid wohnt dort und der so genannte Klingone. In der Gasse lebt auch der Dichter Z., der »die Buchstaben des Zauberbergs umordnen will, damit sie einen ganz neuen Roman ergeben.« Manche der Hausparteien streiten, andere sind verreist, soweit wäre das nicht spektakulär. Wäre der Ich-Erzähler nicht in Ingrid verliebt, die ebenfalls vis-a-vis wohnt. Ingrid erscheint von Anfang an als Phantasma, das Daniel Wisser sprachlich in mäandernde Wortflüsse umsetzt: »ich liebe die ingrid/ meine ingrid/ und nicht die ingrid aus den wirklichkeiten/ sämtlicher kataloge/ kinderfreundeversammlungen und klangschalenseminare/ ich liebe eine ingrid die sich gewaschen hat/ und kein verschmutztes adamsweib mit apfelgeschmack«.
Obwohl Wisser eine überschaubare Welt beschreibt, die in Wien liegt, kann man hier eher von einem Biotop als von Lokalkolorit sprechen. Wenngleich es den Schnitzelwirt in der realen Dopplergasse wirklich gibt und der im Buch berichtete Mord an einem Bürstenbinder historisch belegt ist.
In »Dopplergasse 8« passiert nicht viel, aber das ist trotzdem spannend, weil Wisser Lyriker ist und Witz hat. Zudem hat er seine Sprache in jedem Moment im Griff. Ob Ingrid sich doch noch am Fenster zeigt, soll hier nicht verraten werden – Bücher kaufen und lesen kann ja wohl jeder selbst.
Empfohlen sei auch die Literatur-Zeitschrift Der Pudel, die Daniel Wisser seit dem Jahr 2000 herausgibt. Ein Jahresabo ist auf www.derpudel.at für 8,70 Euro erwerbbar. Über die musikalischen Aktivitäten Daniel Wissers kann man sich schon demnächst informieren: Er ist Mitglied des Ersten Wiener Heimorgelorchesters, dessen zweite CD erscheint im November im Vertrieb von Trost Records.

Daniel Wisser: Dopplergasse 8. Ein Roman in 45 Strophen. Ritter Verlag: Klagenfurt: 2003. 13,90 Euro. Der Pudel – Zeitschrift für methodische Dichtung: >> http://www.derpudel.at
Erstes Wiener Heimorgelorchester: Wir haben die Orgeln nur von unseren Kindern geborgt (Trost 2003)