a1534485121_16
David Grubbs

»Whistle From Above«

Drag City

David Grubbs ist kein Unbekannter. Mit Jim O’Rourke ist er für seine Beteiligung an der neben Tortoise sicherlich einschlägigsten Postrock-Band aus Chicago bekannt: Gastr del Sol. Alben wie »Camoufleur« oder »Upgrade & Afterlife« gelten zurecht als Meilensteine des amorphen musikalischen Genres. Typisch für David Grubbs ist sein cleaner, nicht oder nur sehr wenig verzerrter Gitarrensound. Der erinnert einerseits an Tom Verlaine oder Robert Quine, die Gitarristen der New Yorker Punk-Band Television, andererseits gilt für Gastr del Sol wie viele von David Grubbs Soloalben, dass sie auch auf dem deutschen Jazz-Label ECM erscheinen könnten. Die transparente Produktion, die luftigen Arrangements und der kristallklare Sound erinnern an Alben wie beispielsweise »Gateway« (1975) von John Abercrombie, Dave Holland und Jack DeJohnette. Bei David Grubbs spielen auf »Whistle From Above« u. a. Andrea Belfi, Rhodri Davis und Nate Wooley mit, und sie spielen eben eher dem Jazz als dem Rock zugeneigte instrumentale Musik – daher der Vergleich zum legendären Label. Mittlerweile ist es auch kein Geheimnis mehr, dass man in Chicago in den frühen Neunzigerjahren ECM-Platten im Dutzend aus Ramschkisten fischte und sich zu dem Sound inspirieren ließ, der als »Postrock« bekannt werden sollte. Ob David Grubbs davon träumt, von Manfred Eicher angerufen und zu einer Produktion eingeladen zu werden? Könnte schon sein und man wird ja wohl noch träumen dürfen! Jenseits dieser historischen Dimensionen ist die Musik von David Grubbs und seinen unterschiedlichen Kooperationspartner*innen aber eigenständig genug und bietet eine große Detailverliebtheit und Fülle. Die zartgliedrigen und oft schwebend oder federnd anmutenden instrumentalen Arbeiten sind bei aller musikalischen Finesse nicht sperrig, ein gewisser Wohlklang, Unaufgeregtheit und Ruhe zeichnen sie aus – und in dieser quasi studienratsmäßigen Aufgeräumtheit und historischen Selbstgewissheit mögen sie im ersten Moment auch ein wenig unattraktiv wirken. Das ist vielleicht eine Frage des Temperaments. Die kühle Geste des vermeintlich abgeklärten Gitarristen sollte aber nicht mit Leidenschaftslosigkeit verwechselt werden, der Charme, der von David Grubbs’ Musik ausgeht, ist eben eher ein diskreter. Wie oder ob diese Musik wirkt, wenn man heute zwanzig Jahre alt ist? Schwierige Frage. Für den ich-weiß-nicht-wie-wahrscheinlichen Fall, dass junge Menschen hier mitlesen und zum Beispiel im hiesigen Indie-Mainstream bekannte Bands wie The Notwist oder auch die beiden späten Alben von Talk Talk noch hören, ist der Weg zu David Grubbs im Grunde nicht weit. Ältere Semester wissen ohnehin um die oben angedeuteten Perspektiven und Zusammenhänge und können unaufgeregt interessiert registrieren: Ah, neues Album von David Grubbs, solide, verlässlich, sehr gut. 

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
20.08.2025

Schlagwörter

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Nach oben scrollen