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Arbeiten, bis der Arzt kommt

Innerhalb der unzähligen Baufehler unserer Gesellschaft sticht das – gelinde gesagt – kranke Verhältnis zur Arbeit nochmals hervor. Es wäre Zeit, daran etwas zu ändern. In der Veranstaltung »Grundloses Auskommen Arbeitshaus – Mindestsicherung – Grundeinkommen« wird dies mit Texten vorbereitet.

»Arbeit nervt«, so viel ist jedem*jeder klar, nur zugeben tut es fast niemand. Insbesondere im ländlichen Milieu gibt es ein enges Monitoring der jeweiligen Arbeitsleistung, das durchaus Züge des Sadistischen hat. Es gilt, im Schweiße deines Angesichts sogar den Misthaufen am Grundstücksrand sauber zu halten, damit den Nachbar*innen keine offene Flanke für Beschwerden geboten wird. Noch schlimmer ist die Erwerbsarbeit. Unlängst beschwerte sich einer der früh vergreisten »Shooting Stars« der türkisen Bewegung darüber, dass die meiste österreichische Mindestsicherung in Wien bezogen werden würde. Am Land macht man so etwas eben nicht. Lieber den Oasch zukneifen und schauen, dass es noch irgendwie geht, damit man »niemandem was schuldig ist«, und genau beobachten, ob es sich nicht irgendwer »leicht macht«. Ob Stadt oder Land, zeigt sich hier ein gerüttelt Maß an Selbsthass und Verleugnung der eigenen, menschlichen Bedürfnisse. Warum ist dies so? Wie konnte es überhaupt so weit kommen? War nicht jedem Bürger und jeder Bürgerin immer bewusst, dass die aufzubringende Arbeitsleistung und das Vermögen sehr ungerecht verteilt sind? Hatte nicht ein gewisser Herr Mateschitz (genau, jener »Erfinder«, der nie etwas erfunden hat) damit geprahlt, noch nie in seinem Leben mehr als zwei Tage die Woche gearbeitet zu haben?

So geht es sicher nicht weiter
Das Problem wird von allein nicht kleiner und es gefährdet das Lebensglück aller. Insbesondere auch jener, die in »kreativen Berufen« arbeiten. Wer – so nennt es der Volksmund philosophisch falsch – gerne »idealistisch« arbeitet, tut gut daran, niemals über Rente nachzudenken. Wird es nämlich nicht geben. Eine Generation von geschätzten vier bis fünf Millionen Menschen in der deutschsprachigen Welt arbeitet in der hiesigen Kreativindustrie und wird für ihren Lebensabend in die Armut verklappt. Was geleistet wurde an Schönem und Gutem, wurde ganz selbstverständlich nie gerecht entlohnt. Das macht man ja alles »für sich selbst«. Die Konsequenzen, diese Menschen frühzeitig aus ihren monetär wertlosen Beschäftigungen rauszukegeln und sie sie auf den normalen Arbeitsmarkt zu gießen, werden geflissentlich von der Politik nicht durchgedacht. Im Grunde ist man froh, dass sich Theaterleute, Architekt*innen, Musiker*innen, Schreiber*innen und ihresgleichen mit viel Selbstausbeutung durchschlagen und am Ende eines erwerbsarmen (aber zuweilen durchaus glücklichen) Arbeitslebens eben wie begossene Pudel dastehen.

Die Rechenexempel liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch, die eindeutig belegen, dass eine derart industrialisierte Gesellschaft weder genügend sinnvolle, noch fair bezahlte Arbeit schaffen kann. Im schmutzigen Kern liegt ein Ausbeuten von Lebens- und Arbeitskraft möglichst bei denen, die unsichtbar bleiben. Sie befinden sich vornehmlich im globalen Süden oder konnten sich in den Norden durchschlagen, um »vor Ort« ausgebeutet zu werden. Für die Menschen des globalen Nordens wurde hingegen der »Bullshit-Job« erfunden, der anders als die Arbeit in der Coltan-Miene nicht schnell, sondern langsam tötet. Denn Arbeitstiere, die auf der »Suche nach Sinn« sind, halten es auch nur so-und-so-lange aus, bis sie mit dem Saufen oder Tablettenschlucken anfangen. So, jetzt reicht’s mit dem Ausmalen der Misere, die skug-Leser*innen ohnehin bekannt sein dürfte.

Arbeitskultur im Context
Was also tun? Zunächst einmal nachlesen bei denen, die Schlaues zu dem Thema gesagt haben. Günther Anders, Alfred Dallinger, Martin Mair, Karl Reitter oder Franz Schandl wären so Namen, die im Kontext von »Forum«, »Grundrisse« oder »Streifzüge« Bemerkenswertes zur Arbeit gesagt haben. Mit dem Projekt Context XXI sollen deren Texte erhalten und gesichert werden. Allein dies erscheint ein lohnendes Projekt zu sein und vielleicht finden sich in den Archiven ja sogar ein paar weibliche Autorinnen, schließlich dürfte Frauen die »harte Arbeit« kein Fremdwort sein. Barbara Eder und Robert Zöchling haben sich nun die aufopferungsvolle Mühe gemacht und aus dem Context-Archiv Texte zum Thema Arbeit herausgesucht. Am 10. August werden sie in der Freien Akademie Meidling im Labor Arbeitskultur zum Thema »Grundloses Auskommen Arbeitshaus – Mindestsicherung – Grundeinkommen« moderieren.

So viel darf verraten werden: Die zuvor ausgemalten Probleme werden sich ohne strukturelle Änderungen nie bewältigen lassen. Ob eine gesellschaftliche Befriedung durch bedingungsloses Grundeinkommen möglich wird, ob damit der Wahnsinn eines unsinnigen Ressourcenverschleuderns (sowohl von Energie als auch Arbeitskraft) bewältigt werden kann, wird sich an einem hoffentlich nicht allzu heißen Sommerabend in Meidling weisen. Einfach vorbeischauen.

Links: http://contextxxi.org/

https://labor-alltagskultur.at/