Bis an den Rand des Meeres

Véronique Olmi beschreibt in ihrem Debütroman »Meeresrand« das tragische Leben einer Kindesmörderin.

Eine Mutter bricht mit ihren beiden Kindern Stan und Kevin ans Meer auf. Die Kinder sind zwar verwundert über die Fahrt ans Meer, weil sie an einem Wochentag stattfindet und sie in die Schule müssten – dennoch freuen sie sich darüber, schließlich ist dieser Ausflug die erste derartige Aktivität der kleinen Familie und eine große Herausforderung für die Mutter, die sonst nie etwas planen kann. Zu Hause sitzt sie oft stundenlang am Küchentisch, unfähig etwas zu tun. Die Protagonistin führt mit ihrer Kleinfamilie ein düsteres, von Depression geprägtes Leben. Letztlich zerbricht die Hauptfigur an ihrem Unvermögen eine gute Mutter zu sein.
Ausgangspunkt für das Buch war eine Zeitungsmeldung über den Mord einer Mutter an ihren Kindern. Im berichteten Fall haben die Kinder unmittelbar vor ihrem Tod Geld von ihrer Mutter bekommen und (wie im Buch) einen Rummelplatz besucht.
Während mit dem Meer gemeinhin Sommer, Sonne und Urlaub assoziiert werden, steht in Véronique Olmis erstem Roman das Meer als Metapher für das Unergründliche. Setzt man statt Meer nun »Leben« ein, deutet der Titel »Meeresrand« jene Entscheidungssituation an, in der sich die Figuren befinden: Entscheiden sie sich für die eine Richtung, geht alles irgendwie weiter, der andere Weg könnte jedoch in den Abgrund und zur Erlösung führen. Steht man an dieser Klippe, sollte man sich nur bis an den Rand des Meeres wagen, ins Meer nicht mehr.
Olmi erzählt nüchtern, fast protokollarisch und hat ein erschütterndes Buch über eine Frau am Ende geschrieben: Am Ende und damit am Rande der Gesellschaft – oder eben am Rande des Meeres. Sie beschreibt eine trostlose, düstere soziale Welt, in dem sie starke Bilder richtig einsetzt. Es regnet viel, die Tage scheinen gleich dunkel wie Nächte zu sein. Die Stiegen im Hotel werden zu beinahe unüberwindbaren Hürden. Trotzdem versucht die namenlose Protagonistin das Unmögliche: Die Kinder sollen sich vergnügen. Zu mehr als einer Fahrt am Jahrmarkt, einem Cola-Getränk und einer heißen Schokolade im Kaffeehaus und ein paar Keksen aus dem Laden reicht das in der Keksdose mitgebrachte Kleingeld aber nicht.
Véronique Olmi, 1962 in Nizza geboren, zählt in Frankreich zu den bekanntesten Theaterautorinnen. Sie ist zudem Schauspielerin und Regieassistentin, hat selbst zwei Kinder und lebt heute in Arles, jener unweit vom Mittelmeer gelegenen Stadt, in der sich einst Vincent Van Gogh ein Ohr abgeschnitten hat.

Véronique Olmi: »Meeresrand« Verlag Antje Kunstmann 2002, EUR 14,90

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