Aus den Eingeweiden: Monte Cazazza

Das schlechte Gewissen des US-Undergrounds ist zurück. Oder zum ersten Mal richtig da. Ladies and gentlemen, »the man you love to hate«, wie der »San Francisco Chronicle« einmal schrieb: Monte Cazazza mit »The Cynic«.

Foto: Tracey Roberts

 

So höre doch auf den Wind, der Stimme bringt, aus dem Nichts, das ewig wusste.

Caspar Brötzmann: »Koksofen«

 

Satte 31 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung »To Mom On Mother’s Day« für Industrial Records ist aktuell die erste Fulltime-CD von Monte Cazazza auf Blast First Petite erschienen. Wie schon bei der Compilation »The Worst Of Monte Cazazza« (1992; Grey Area) zeichnete Brian Lustmord für Produktion und Mix verantwortlich. 

Wohl kein Musiker/Performancekünstler der Industrialzeit ist so mythenverbrämt wie Cazazza. Ein Typ, der dem konzilianten Woodstock-Amerika immer schon Charles Mansons triefende Spahn Ranch entgegenhielt, der als »Spezialist« für (Serien- und Massen-)Mörder und Nekrophilie gehandelt wird, der zusammen mit Genesis P-Orridge Mail-Art betrieb und vom Kunstcollege Oakland noch am Tag der Aufnahmeprüfung hinausgeschmissen worden war. Wegen seiner schockierenden Shows hatte er in den mittleren 1970ern Auftrittsverbot in Kalifornien. Dieses Schicksal teilte er mit John Duncan. Der Geschichten Aufzählung wäre endlos …

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Immerhin, in diesem Dickicht: Er war es, der Throbbing Gristle den Slogan »Industrial Music For Industrial People« zusteckte. Nach intensiver Zusammenarbeit mit TG und Psychic TV hatte er Projekte mit Factrix (»California Babylon«, 1982; Subterranean Rec.) und besonders mit Mark Pauline von Survival Research Lab. am Laufen. Und seit angeblich 15 Jahren liegen Soundskizzen in Lustmords Schublade.

Monte Cazazza stocherte immer schon dort herum, wo sich andere angewidert wegdrehen und trieb auf die Spitze, was im (extremen) Underground seit jeher vorhanden war: Blut, Gedärme und Verwesung als Transformationsprozesse, die Beschreibung oder die Exekution dunkler Triebe als bewusster Tabubruch, indes immer abgefedert durch heftigst realitätsbleckenden Sarkasmus. Grausamkeiten direkt in die Fresse, Georges Bataille mit seinem »Transgression suspendiert das Tabu, ohne es zu unterdrücken« ( aus »Eroticism«, 1957) vor die Füße gekotzt. Bei Cazazza versprach der »Stairway« nicht mehr »Heaven«, sondern »Hell«. Wohl nur die frühen SPK konnten es mit Cazazzas dichter Psychopathologie aufnehmen. Seine Musik mit ihren Kindermelodien, Auszähl-reimen und unscheinbaren Loops stand allerdings im krassen Gegensatz zu den Noiseattacken von SPK oder Whitehouse (»Dedicated to Peter Kürten«, 1981), sie war viel eher ein Transportmedium für literarische Ausflüsse: Denn genau diese vermeintliche Unschuld machte Tracks wie den über das »Mördermädchen« Mary Bell so verstörend. Ein »child from hell«, während süßes Glockenspiel erklingt.

 

Abgesangspop

Monte_Cazazza_Cynic.jpgLeaning… leaning… safe and secure from all alarms.
Leaning… leaning… leaning on the everlasting arms.

Rev. Harry Powell in »The Night of the Hunter«

»The Cynic« ist ein Zusammenstellung von Tracks, die, rein als Musik genommen, 2010 redundant erscheinen. Wichtig, wie gehabt, ist der Metatext. Und der hat es in sich. Cazazza covert »A Gringo Like Me« von Ennio Morricone und die Lyrics von »Birds of Prey« geifern ebenfalls in den Tex-Mex-Wüstensand. Der Text zu »What’s So Kind About Mankind?« wurde zusammen mit Lydia Lunch verfasst – die Minimal-Wave-Nummer der Saison. Dagegen klingen »Break Number One« und »Venom« wie halbgare Electro-Covers von Moroder-Spacecowboy-Stücken. Schließlich »Terminal«, eine Art Neuinterpretation von Psychic TV’s »Terminus« vom ihrem Debüt »Force The Hand Of Change« (1982). Der Text stammt aus einem von britischen Soldaten verfassten Schmähgedicht über die Grausamkeiten während des Krimkriegs (» … when blood turns yellow«). Womit wir über Umwege beim Psychedelic Folk von Pearls Before Swine gelandet wären, die auf »Balaklava« (1968) diese erste Medienschlacht der Geschichte aufgearbeitet hatten und von denen Psychic TV bekanntlich Fans waren. Somit wird »Terminal« zum offensichtlichsten Anknüpfungspunkt an die ausgehende Industrialzeit.

Mit nur sieben Nummern ist »The Cynic« ein äußerst schmales und alles andere als kohärentes Kompendium. War für »Worst Of« die Aufarbeitung von Vietnam- und Manson-Traumatas noch ein gewichtiges Thema, lassen sich bei »The Cynic« Verbindungsklammern nicht ausmachen. Keine »Axis of Evil«, keine 9/11-Paranoia, kein Guantanamo, keine Schulmassaker, weder Afghanistan noch Irak. Als hätten die letzten 15 Jahre nicht stattgefunden.

Monte_herz.jpgCazazza hat es sich im »Westen«, dem mythischen Gründungsort Amerikas und seiner Pop-Projektion, fein eingerichtet. Dass dieser Ort ebenfalls gewaltsam dunkel(st) strahlen kann, wissen wir aber nicht erst seit Sam Peckinpahs »The Wild Bunch«. »The Cynic« ist noch am ehesten in dem Setting von Alejandro Jodorowskys »El Topo« anzusiedeln. Indes minus dessen Surrealismus und auf jeden Fall »Mondo«- und sonstige Slasher-Filme hinter sich lassend. Ein Wüsten-Gringo und nicht mehr blutverschmiert mit einem Kuhherzen in der Hand. Cazazza devastiert weiterhin die Eingeweide der amerikanischen Kultur, mit »The Cynic« geht es geschichtsbewusst in ihr innerstes Mark. Wer weiß, was passiert wäre, wäre er wenigstens ein bisschen mediengeil. Monte Cazazza ist und bleibt ein großer Mahner, ein zynischer Komiker, ein schockierender Künstler. Einer, der wie kein anderer den Schrecken des Realen auf sich vereint und es als gesellschaftliches Geschwür aufplatzen lässt.