Benjamin Finger, Mia Zabelka und Zahra Mani beim zurückhaltenden Spiel zum Thema Lebenretten © Jelena Vojinovic

»Alarm sounds alarming«

Zahra Mani und Karin Schorm forderten bei einem Festival im kroatischen Hrelji bei Rovinj internationale Musiker*innen dazu auf, künstlerisch und aktiv zur Flüchtlingspolitik Stellung zu beziehen. So sollte das Leben sein. Leben in Community, Pause von Internet und Hass.

Eine schwarze Straßenbahn fährt über sein weißes Hemd und seine weiße Schirmkappe. Girlanden, Türen, Muster in den Türen. Strukturen. Tibor Szemzö sitzt in der Projektion seines eigenen Schwarz-Weiß-Films und macht Musik zu den fahrenden Bildern. Live. Improvisiert. Bei seiner Kunst handelt es sich um ein Komplettmysterium. Vergangene Zeiten in ihren eigenen Rätseln, die werden auch nicht entschlüsselt. Eine alte Frau, fast ohne Haare, schaut starr in die Kamera, steht steif, während die Kamera leicht oberhalb an ihr vorüber zieht. Sie bleibt zurück. Tibor spielt auf einer großen Bassquerflöte. Diese Filmbilder kann man nicht enträtseln, nicht verstehen, nicht nachvollziehen. Dazu redet Tibor auf Ungarisch und seine Stimme hat so einen eigentümlichen Klang, sie klingt ebenfalls wie aus entfernten Zeiten. Abgekapselt. Fremdartiges, Ungewohntes als Fremdes stehen lassen können. Traurig auch. Untergegangene, rätselhafte Welten mit einem ganz eigenen Charme. »Die Menschen in dem Film waren übrigens Holocaust-Überlebende!«, ruft er zum Schluss auf Englisch. Die Musik und die Sprache erinnern an die Klagen einer Ann Clarke, aber auf Ungarisch!

Tibor Szemzö mit seinen untergegangenen, rätselhaften Welten © Jelena Vojinovic

Elefantenherde in der Nacht
Zahra Mani und Karin Schorm kuratierten für ihr Steinhäuser-Areal in der Nähe von Rovinj ein Festival mit dem Namen »Alarm«. Als Teil des EU-Projektes »Echoes from invisible landscapes«. In der Podiumsdiskussion zu Beginn geht es um die Seerettung von Flüchtlingen. Die Atmosphäre ist dicht, dicht, dicht. Wenn man drei Tage lang mit Musiker*innen wohnt, lernt man sie von einer speziellen Seite kennen. Der Drummer Jaka Berger stellte ein altes Schlagzeug in ein Flüchtlingsheim in Ljubljana und gibt dort Unterricht, erzählt er. Der Klarinettist Roberto Paci Dalò aus Rimini, der Theaterdirektor ist und Opern schreibt, berichtet, wie sein Musikprofessor ihn in Jerusalem zwang, für die Hochzeit einer reichen Familie Klezmer zu spielen. Der Tontechniker gibt zum Besten, wie er extra nach Milano fuhr, für ein Konzert von Metallica, und die Frau kennenlernte, die Metallica die Hemden bügelt! Man erhält Einblicke, die mit Kunst und Leben zu tun haben: Die britische Vokalkünstlerin Vivian stößt, wenn sie morgens in das kalte Schwimmbad klettert, musikalische Schreie aus. Könnte man direkt aufnehmen. Der norwegische Elektronikmusiker Benjamin schläft mit dicken Kopfhörern, um nicht von seinem eigenen Schnarchen aufgeweckt zu werden. In der Nacht trampelt einem eine Elefantenherde über den Kopf. Holzdecke in altem Steinhaus.

Roberto aus Rimini und Jure aus Ljubljana beim improvisierten Zusammenspiel in rotem Licht © Jelena Vojinovic

Echtes Leben eben
Auf dem großen Areal ist Platz für viele und alles. Auslauf für Hunde und Musiker*innen. So sollte das Leben sein. Community, Pause vom Internet und Hass. Echtes Leben eben. Beim Soundcheck checkt Roberto seine eigenen Elektroniksounds zur Klarinette. Es klingt toll. Er erweiterte die Klezmer-Musik enorm, sagt er. Aufnahmen, Wiederholung, dazu spielt er Klarinette, erneute Wiederholung – die Klarinette ertönt plötzlich mehrstimmig. Improvisation. Kreisch mit Hall, das war klar. Der Tontechniker schaut erstaunt. Krachend zerbeißt Tibor eine Birne. Eigentümlich heimelige Atmosphäre. Akkordeonist Jure Tori stammt aus einer alten Punkband, die inzwischen selbsterfundenen, slowenischen Tango erzeugt. »Ich brauche die Punkenergie bis heute«, meint er. »Alarm sounds alarming. Society is moving away from democratic society«, heißt es in der Einleitung zur Podiumsdiskussion, in der sich alles um die Rettungsschiffe »Sea Eye« und »Aquarius 2« und deren Lebensrettungen dreht. Nach der aufregenden Diskussion, in der die Schriftstellerin Dragica Rajcic die Fahne des Humors und des Lebens hochhält, spielen die Bands vorsichtig und zurückhaltend. Mia Zabelka beginnt eigentümlich leise und höflich. Sie steht ziemlich weit hinten auf der Bühne. Ihr Schatten fällt auf die Leinwand. Benjamin und Zahra folgen ihr in der Zurückhaltung. Am Ende verwendet Mia ein kleines Gerät, das wie eine Grille zirpt. Ruhiges und friedliches Ausklingen. Ganz neue Töne von ihr.

Magie des Lebens
Beim Biertrinken auf der Mani-Konoba werden wir von Mücken zerfressen. »Fahren wir nach Pula!«, schlägt Sanja Popov plötzlich vor. Gemeinsam mit ihrem Mann Janez Leban organisiert Sanja das bekannte Sajeta-Festival im slowenischen Tolmin, nächstes Jahr feiert es sein 20-jähriges Bestehen. In Pula essen wir an einem einsamen Tisch mitten in einer Gasse, mit Aussicht auf den Pulaner Industriehafen. Dann drehen wir eine Runde um das Amphitheater im Dunkeln. Benjamin kudert nonstop mit einem Filmemacher aus Berlin. Im Radio Pula sitzen wir dann in der Kantine im Hochhaus, trinken Multivitaminsaft aus dem Automaten und horchen aus einem alten Kassettenrekorder zu, wie Mia Zabelka und Zahra Mani live im Studio spielen. In Wien, Ljubljana und Zagreb bringen sich live andere Musiker*innen ein. Das Fenster steht offen, die Luft riecht nach Meer und Smog. Unterhalb des Radios turnt eine Runde Skateboarder auf der Straße. Tibor spricht aus dem altmodischen Gerät. Er ist live aus Wien zugeschaltet. Unterhalb des Fensters erzeugen die Skateboarder ihre Version von Geräuschen. Die Magie des Lebens, sie ist das Einzige, was hilft, gegen das verordnete, öffentliche Sterben im Mittelmeer. So wie eine syrische Schwimmerin mit ihrer hoffnungsvollen Schwester ein Flüchtlingsboot schwimmend an das Ufer zog und elf Menschen das Leben rettete. Nun sitzt sie in türkischer Untersuchungshaft.

Blick aus dem Radio Pula auf die Skateboarder-Version der Magie des Lebens © Janez Leban

»Alarm« und »Echoes on Air« fanden im Rahmen von »Echoes from invisible landscapes« statt. Das Projekt wird von der EACEA und der Alp Adriatic Alliance kofinanziert.

Link: http://echoesfrominvisiblelandscapes.com/