Corine Pelluchons Ende Juli 2026 im Verlag Mohr Siebeck erschienene Schrift »Transdeszendenz, Ökologie, Demokratie« erweist sich – in Erweiterung ihres Denkens über »Die Macht des Weiblichen« und die »Ethik der Wertschätzung« – als philosophisches Manifest von außerordentlicher Dichte und Dringlichkeit. Hervorgegangen aus der Fest- und Preisrede der Pariser Philosophin anlässlich ihrer Auszeichnung mit dem renommierten Dr.-Leopold-Lucas-Preis, verdichtet der Band ihren Denkansatz und führt noch tiefer in jenes philosophische Terrain, das man als eine »Ökologie der Vulnerabilität« bezeichnen könnte. Pelluchon untersucht darin die psychischen und politischen Hindernisse, die einer ökologischen Aufklärung und demokratischen Erneuerung entgegenstehen. Dabei geht es ihr keineswegs darum, soziale, ökonomische und strukturelle Ursachen gegenwärtiger Krisen durch eine Psychologisierung des Politischen zu ersetzen. Vielmehr stellt sie eine zusätzliche Frage: Welche unbewussten Mechanismen machen Menschen für autoritäre und rechtsextreme Angebote empfänglich? Und welche psychische Reife wäre notwendig, um in einer Demokratie – erst recht einer ökologischen Demokratie – leben zu können?
Corine Pelluchon begreift die ökologische und die demokratische Krise nicht als zwei voneinander getrennte Katastrophen, die zufällig gleichzeitig auftreten. Beide, so ihre These, entspringen vielmehr derselben Tiefenstruktur: einem alten, bis heute hartnäckig fortwirkenden Verständnis von Herrschaft. Es ist ein Denken, das den Menschen dazu verleitet, sich selbst als souverän, unabhängig und über der Welt stehend zu begreifen – und alles andere seiner Verfügung zu unterwerfen: Menschen, Tiere, Natur, ja sogar den eigenen Körper. Dieses Schema der Herrschaft begünstigt eine Kultur der Gewalt, der Maßlosigkeit und der Allmachtsfantasien. Die Verweigerung der eigenen Vulnerabilität, die Verleugnung des Todes und die Unfähigkeit, Abhängigkeit und Grenzen auszuhalten, bleiben dabei nicht folgenlos. Wer die eigene Endlichkeit nicht akzeptieren kann, sucht förmlich nach Formen der Kontrolle. Wer sich seine eigene Vulnerabilität nicht eingestehen kann, erlebt sie im Anderen als Bedrohung. Und wer Abhängigkeit als Makel begreift, wird besonders empfänglich für jene politischen Versprechen, die Stärke, Souveränität und die Wiederherstellung vermeintlicher Kontrolle versprechen.
Transdeszendenz als Grundlage der Solidarität
Hier bringt die französische Philosophin den Begriff der Transdeszendenz ins Spiel. Sie denkt dabei in eindrucksvoller Kontinuität mit Emmanuel Levinas und Paul Ricoeur, geht jedoch zugleich entscheidend über deren Ansätze hinaus. Transdeszendenz bedeutet, sich der eigenen Vulnerabilität gewahr zu werden, die Abhängigkeit von der Mitwelt anzuerkennen, das eigene isolierte Ich zu überschreiten. Der Mensch entdeckt sich selbst nicht länger als souveränes Zentrum in der Welt, sondern als körperliches, abhängiges und sterbliches Wesen, das einer Welt angehört, die es selbst nicht hervorgebracht hat und über die es nicht verfügen kann. Es ist die Einsicht, dass wir nicht in der Natur leben wie in einer bloßen Kulisse, sondern von ihr und durch sie – durch die Luft, die wir atmen, das Essen, das wir schmecken, die Körperlichkeit, die uns mit allen lebenden Wesen verbindet. Die Anerkennung der eigenen Vulnerabilität wird damit nicht zum Eingeständnis von Schwäche, sondern zur Voraussetzung von Freiheit. Aus dem ursprünglich autonomen Ich wird ein Mitwesen.
Das mag zunächst etwas abstrakt klingen. Bei der französischen Denkerin aber gewinnt dieser Gedanke erstaunlich konkrete politische Konsequenzen. Denn wer sich selbst nicht mehr als souveränen Einzelnen begreift, kann auch andere nicht mehr ausschließlich als Mittel zum eigenen Zweck behandeln. Wer sich seiner eigenen Abhängigkeit bewusst wird, erkennt Abhängigkeit nicht länger als Makel oder Fehler. Wer die (eigene) Endlichkeit akzeptiert, muss nicht mehr alles beherrschen. Und wer sich als Teil des Lebendigen versteht, kann Natur nicht länger lediglich als Ressource betrachten. Daraus wiederum ergibt sich die Möglichkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags, der den Schutz unseres Planeten ebenso wie Gerechtigkeit gegenüber zukünftigen Generationen und nicht-menschlichen Wesen zu politischen Zielen macht. Statt uns – mit Spinoza – als ein »Staat im Staate/Imperium in imperio« zu betrachten, erleben wir uns mit anderen Lebewesen verbunden und begreifen diese gemeinsame Welt als Horizont unseres Denkens und Handelns. Eine ökologische Demokratie müsste daher von unseren Grenzen ausgehen: von unserer eigenen Verletzlichkeit und Endlichkeit, von den Grenzen unseres Planeten und von der Tatsache, dass uns nur begrenzt Zeit zur Verfügung steht.

Dankbarkeit politisch denken
Damit schließt diese Schrift unmittelbar an »Die Macht des Weiblichen« an. Das »Weibliche« ist dabei ausdrücklich keine biologische Eigenschaft und auch kein bloßes Gegenprogramm zum männlichen Machtmenschen. Vielmehr bezeichnet es eine existenzielle und politische Haltung des Sehens und Handelns – eine aus der Erfahrung von Verletzlichkeit, Abhängigkeit, Körperlichkeit und (Für-)Sorge hervorgehende Art und Weise des In-der-Welt-Seins. Pelluchon versteht diese Kraft als eine Möglichkeit, die allen Menschen offensteht. Während traditionelle Machtkonzepte auf Kontrolle und Ausbeutung beruhen, entfaltet die von der Autorin konzipierte Macht eine nährende und bewahrende Dynamik. Zentral ist dabei der Begriff der Consideratio. Damit gemeint ist eine »Seinsweise« der aufmerksamen und wertschätzenden Weltzugewandtheit, des respektvollen Innehaltens. Consideratio ist jedoch weder mit Naivität noch mit einer bloßen Aufforderung zu mehr Freundlichkeit und Aufmerksamkeit zu verwechseln. Im Gegenteil: Sie verlangt, die Realität unserer Abhängigkeit und Endlichkeit auszuhalten. Consideratio ist die Voraussetzung jener Tugenden, die uns nicht nur dazu verpflichten, unseren Lebensstil zu verändern, sondern auch dazu befähigen könnten, darin einen Gewinn oder sogar Freude zu entdecken.
Man könnte sagen: Corine Pelluchon versucht, Dankbarkeit politisch zu denken. Dankbarkeit erscheint normalerweise als private Tugend, als etwas Intimes, beinahe Unpolitisches. Bei dieser Philosophin wird sie zu einer Gegenkraft gegen das Herrschaftsdenken. Wer das Gegebene nicht nur als Mittel für die eigene Selbstverwirklichung betrachtet, sondern als etwas, dem er sein eigenes Leben verdankt, entwickelt eine andere Beziehung zur Welt. Und plötzlich erscheint auch die ökologische Frage in einem anderen Licht. Wir zerstören die Welt nicht allein deshalb, weil wir zu viel konsumieren. Wir zerstören sie auch deshalb, weil wir uns philosophisch an die Vorstellung gewöhnt haben, über ihr zu stehen. Nicht das souveräne Individuum, das sich selbst gehört und alles andere für sich verfügbar macht, steht am Anfang von Pelluchons politischen Philosophie, sondern wir, als verletzliches, abhängiges, körperliches und relationales Wesen. Auch die Verleugnung des Todes spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie kann dominante Verhaltensweisen und Allmachtsfantasien hervorbringen und damit eine Kultur begünstigen, in der Gewalt banalisiert, das Lebendige zerstört und demokratische Institutionen erodieren.
»Hoffnung, die überwundene Verzweiflung« (Georges Bernanos)
Das Besondere an unserer gegenwärtigen Zeit ist die Tatsache, dass wir mit der Möglichkeit unserer eigenen Unmöglichkeit konfrontiert sind. Das Ende unserer Welt erscheint nicht länger als abstrakte Möglichkeit, sondern als eine Realität, deren Vorboten wir ständig vor Augen haben. Das Projekt einer ökologischen Demokratie zielt für Pelluchon darauf ab, das veraltete Herrschaftsschema durch eine andere Ethik und neue Form des politischen Zusammenlebens zu ersetzen. Daraus erwächst auch ein Begriff der Hoffnung, der mit blindem Optimismus rein gar nichts zu tun hat. Pelluchons Hoffnung bedeutet nicht, darauf zu vertrauen, dass am Ende schon alles gut wird. Sie entsteht vielmehr dort, wo wir uns die Krise nicht schönreden, die Möglichkeit der Zerstörung wahrnehmen und dennoch fähig bleiben, neue Perspektiven zu erkennen. In diesem Sinne ist Hoffnung tatsächlich, um Georges Bernanos zu zitieren, »überwundene Verzweiflung«. Keine Flucht vor der Realität, sondern eine Haltung, die durch die Erfahrung der Bedrohung und Endlichkeit hindurchgegangen ist. Gerade deshalb kann dies jene Energie freisetzen, die für unsere Zukunft essenziell ist.
Corine Pelluchons Philosophie beginnt dort, wo der moderne Mensch seine vermeintliche Souveränität/Allmacht verliert bzw. aufgibt (Verzicht) – und dabei entdeckt, dass er dadurch nicht ärmer, sondern reicher wird. Dass er nicht kleiner, sondern größer, »weltfähiger« wird. Dass die Anerkennung der eigenen Endlichkeit nicht das Ende der Freiheit bedeutet, sondern vielleicht ihren Anfang. So führt dieser ungemein dichte Text noch tiefer in die Gedankenwelt dieser Philosophin: von der »Macht des Weiblichen« zur Frage des vulnerablen Menschen, von der Ökologie zur Ethik und von der Endlichkeit zur Hoffnung. Ein intellektueller Glanzpunkt und ein Kompass für unsere ungewisse Zeit.

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