Lea Karnutsch & Ferdinand Doblhammer © Tobias Zarfl
Lea Karnutsch & Ferdinand Doblhammer © Tobias Zarfl

Rettungsinsel der Sinnlichkeit

Das Sound Art Festival Sonic Territories opponiert von 17. bis 25. Oktober 2025 gegen das Verschwinden körperlicher Erfahrung. Hören und Spüren contra digitale Kolonisierung, mit hochkarätigen Workshops, Live-Acts und Installationen. Anlass für ein Interview mit Mimie Maggale, künstlerische Leitung.

Das Generieren von Aufmerksamkeit ist die eigentliche Leitwährung des libertären Spätkapitalismus. Mit dem Festivalmotto »Life is good in the new real« setzt Sonic Territories einen Kontrapunkt mit Formaten, die Wissen, Klang und Gemeinschaft verbinden. Mimie Maggale, Artistic Director, setzt sich in der E-Mail-Konversation mit skug für offene Resonanz- und Denkräume und eine digitale Kultur, die auf Teilhabe basiert, ein. 

skug: Die Big-Tech-Konzerne haben erreicht, dass zu viele Menschen ihre Zeit auf Social Media verschwenden und sich dabei von Algorithmen leiten lassen, die eine emotionale Empörung schüren. Es ist eine persönliche wie politische Frage, wie also konkret den Weg zurück in die analoge Welt finden?

Mimie Maggale: Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Zurück überhaupt geben kann oder soll. Wir leben in einer hybriden Realität – Digitales und Körperliches scheinen untrennbar miteinander verwoben. Sonic Territories schafft Räume, in denen man hört, spürt, gemeinsam erlebt. Klangliche und – damit einhergehende – physische Erfahrungen stehen im Mittelpunkt. Boris Vitázek greift das Thema in seiner Arbeit »Narrative Absence« auf – eine visuell eindrucksvolle Reflexion über Doomscrolling, Selbstentfremdung und das Verschwinden der körperlichen Erfahrung. Man spürt förmlich, wie man in einen Bildschirm gesogen wird. Dieses kleine Gerät, das wir ständig bei uns tragen, hat uns längst kolonisiert. Das betrifft mittlerweile alle Generationen: Ich sehe beispielsweise Senior*innen auf TikTok – und auch in der Content-Erstellung holen sie auf. Man kann das sicherlich banal finden, aber ich glaube, es ist tiefgreifend – vor allem, weil es eng mit ökonomischen Überlegungen verknüpft ist: Alles läuft digital, vom Bankensystem bis zum Sozialleben. So hat Henry Ford den Achtstundentag nicht eingeführt, um Arbeiter*innen zu schonen, sondern damit sie Zeit haben, seine Autos zu fahren – also seine Produkte zu nutzen. Ähnlich ist es mit der digitalen Freizeit – sie dient einem System, das Aufmerksamkeit als Währung nutzt und reiche Investor*innen noch reicher macht. Darum zeigen wir in diesem Jahr bewusst Künstler*innen, die auf Materialität, Körper oder Stimme zurückgreifen: Merche Blasco mit »Fauna«, Sara Persico mit ihrer Stimme als Instrument, Nyokabi Kariũki mit »Body Percussion«. Das sind Gegenbewegungen – kleine Rettungsinseln der Sinnlichkeit. 

Nyokabi Kariũki © Muthukia Wachira

Das Festivalmotto »Life is good in the new real« setzt einen Kontrapunkt zum interessengetriebenen AI-Hype und stellt nicht Innovation, sondern Imagination in den Mittelpunkt. Erwähne bitte einige Beispiele aus den Festivalbereichen Sound, Audiovisual Art und Performance, die exemplarisch dafür stehen. 

Unser Programm am 18. Oktober in der Seestadt veranschaulicht den Kern des Themas besonders gut: Am Nachmittag starten wir mit »Kinetic Mass«, einem offenen Klang- und Bewegungslabor mit Peter Kirn, Uli Kühn, Sophia Bulgakova und »Krach am Kanal«. Hier geht es um die Frage, wie sich Stadtraum durch Sound aktivieren lässt – oder einfach gesagt: Wie man Krach machen kann, der Bedeutung hat. Am Abend, bei der »Live A/V Night«, zeigen wir Arbeiten, die Klang, Körper und Bild neu verhandeln: Boris Vitázek, Lea Karnutsch & Ferdinand Doblhammer, Joanna Coleman & Conny Zenk, HUUUM, Cortical. Das sind keine klar abgegrenzten Kategorien mehr – Musik, Performance und Bild fließen ineinander. Das Motto fordert uns auf, die »neue Realität« nicht als technologische Errungenschaft zu begreifen, sondern als imaginative Herausforderung. »Life is good in the new real« heißt für mich: Wir überlassen die Gestaltung der Realität nicht den Tech-Konzernen, sondern imaginieren sie selbst – und schaffen neue Wirklichkeiten.

Inwiefern wird von welchen Artists thematisiert, dass die Erschaffung digitaler Sphären den Verbrauch fossiler Energien noch ansteigen lässt, da es noch längst nicht genügend Solarenergie etc. gibt, um den immens steigenden Verbrauch elektrischer Energie für AI zu bewerkstelligen?

Das Thema Energieverbrauch ist wichtig und aktuell wie nie, doch im Moment überlagern andere existentielle Fragen diesen Diskurs – Krieg, Vertreibung, Zerstörung. Sophia Bulgakova (die auch an »Kinetic Mass« als Co-Host und Mentorin mitwirkt) macht in ihrer Installation »Spomyny« die Auswirkungen des Ukrainekriegs hör- und sichtbar. Der polnische Gitarrist Raphael Rogiński verarbeitet in seinem Album »Talán« persönliche Verluste und NÂR bringt Eindrücke aus Beirut mit, geprägt von den Konflikten im Nahen Osten. Das sind keine abstrakten Diskurse über Energie, sondern sehr unmittelbare künstlerische Reaktionen auf globale Krisen – auf das, was diese »neue Realität« wirklich bedeutet.

NÂR © Angélique Stehli

Kann es überhaupt einen Dialog zwischen Akteuren digitaler Fiktion und Warnern, dass die organischen Ressourcen bei dem hohen kapitalistischen Tempo schneller denn je verbraucht werden, geben?

Ich glaube, dieser Dialog ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Viele Künstler*innen, die bei uns auftreten, leben genau in dieser Spannung. Sie nutzen digitale Tools, aber ohne sie zu romantisieren. Ein Festival wie Sonic Territories kann solche Begegnungen sichtbar machen – nicht als Lösung, sondern als offenen Denkraum. Man muss nichts auflösen, aber man kann Dinge nebeneinander bestehen lassen. Das ist vielleicht das Politischste daran.

Die technofeudalen Weltkonzerne führen die Welt eindimensional in die falsche Richtung. Investoren wie Peter Thiel oder Elon Musk, die sich noch dazu mit dem technofaschistischen Regime Trumps verbündet haben, setzen auf Disruption und beschwören so etwas wie ein reinigendes Armageddon herauf, wo in deren inhumanem und naturfeindlichem Weltbild üblerweise Greta Thunberg als Antichrist fungiert. Ist es auch für dich schwierig, mit diesem evangelikalen Irrsinn, dieser Ohnmacht, kaum etwas dagegen tun zu können, umzugehen?

Mehr denn je brauchen wir Räume, die Teilhabe und Kunst ermöglichen. Indem ich diese Räume schaffe, in denen andere Maßstäbe gelten, wird es mir möglich, der scheinbar allgegenwärtigen Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. In diesem Jahr liegt der Fokus verstärkt auf kollektiven Lernprozessen – etwa in Workshops von Boris Vitázek oder mit dem Peter-Weibel-Institut im Rahmen von »Adventurous Music Plateaux«. Das sind Formate, die auf Partizipation, nicht aber auf Kontrolle beruhen. Die Veranstaltungen werden in 360° VR dokumentiert – nicht um Technik zu feiern, sondern um Zugänge zu öffnen. Sie stehen für eine andere digitale Kultur, die auf Teilhabe basiert. Ich glaube, solche Räume sind kleine Gegenwelten: Orte, an denen Zuhören, Stille und gemeinsames Erleben wieder Bedeutung bekommen. Das wirkt bescheiden, aber genau darin liegt die politische Kraft. Ich glaube, Festivals können kleine Gegenwelten schaffen.

Boris Vitázek © Daniela Dolinska

Nun, wenn Sonic Territories in Kirchenräume expandiert, hat das wohl eine Bewandtnis. So findet das Opening am 17. Oktober mit Jakob Schauers »End of Resilience« (für Orgel & Electronics) in der Erlöserkirche am Schüttel statt. Und die Glaubenskirche Simmering fungiert am 19. Oktober als Auftrittsort für feministischen Dancefloor von Sanna Lu Una & Natasha Moreno, nach einer Performance von Alex Franz Zehetbauer. Geht es dir hauptsächlich um Entfaltung von Sound oder auch um andere Aspekte?

Kirchen sind starke Symbolräume – architektonisch, akustisch, sozial. Die Erlöserkirche und die Glaubenskirche Simmering sind beide schlicht, fast modern. In der Erlöserkirche eröffnet Jakob Schauer das Festival mit »End of Resilience« – ein Werk für Orgel und Elektronik, das sehr konzentriert und meditativ ist, durchaus auch im religiösen bzw. rituellen Sinn. In der Glaubenskirche entsteht dann ein queer-feministischer Raum mit Sanna Lu Una, Natasha Moreno und einer Performance von Alex Franz Zehetbauer. Diese Kirche ist offen, versteht Kunst als Teil des gesellschaftlichen Dialogs. Solche Orte zu bespielen, bedeutet, Resonanzräume zu schaffen – wo Klang, Körper und Gemeinschaft auf neue Weise in Beziehung treten.

Mehr denn je dehnt sich Sonic Territories im urbanen Raum aus. Vom 21. bis 25. Oktober wird der WUK Museumsraum links bespielt. Was ist von Sophia Bulgakovas Installation »Спомини [Spomyny]« zu erwarten? 

In diesem Jahr findet Sonic Territories erstmals in diesem großzügigen Umfang statt. Es wird also eine vielschichtige Erfahrung – sowohl räumlich als auch inhaltlich begeben wir uns auf eine Gratwanderung. Wien bietet großartige Bedingungen für experimentelle Kunst, aber es gibt in diesem Zusammenhang noch viel Luft nach oben. Wir laden alle ein, neugierig zu bleiben und diese Vielschichtigkeit mitzuerleben. Der Museumsraum im WUK wird vom 21. bis 25. Oktober bespielt. Dort zeigt unter anderem Sophia Bulgakova ihre Installation »Spomyny – eine poetische Auseinandersetzung mit kollektiver Erinnerung, Krieg und Identität. Durch ein komplexes Rohrsystem, das beinahe den ganzen Raum einnimmt, werden Gespräche, Geräusch, akustische Versatzstücke geleitet und dem Publikum zugänglich gemacht.

Jakob Schauer © Jacqueline Korber

Schwer zu empfehlen, weil auch hier viele Neuentdeckungen eines neugierigen Publikums harren, ist das Format »Adventurous Music Plateaux«, AMP x STF25 Lecture Performances & Impro Sessions vom 21. bis 23. Oktober im WUK Museumsraum. Die Titel der Aufführungen klingen vielversprechend: »Tube Station« von Marta Beauchamp, »Guitar Archaeology and the Music of Today« von Raphael Rogińskis, »Animalcule Microspecies Arrangements« von Daphne von Schrader, »Fauna« von Merche Blasco, »Typing Music – Live Coding for Beginners« von Jens Vetter und »Body Percussion« von Nyokabi Kariũki & Alex Hofmann. Welche Intention steckt dahinter?

Das Format »Aventurous Music Plateaux (AMP)« ist ein internationales Projekt, das Musiker*innen und Klangkünstler*innen aus ganz Europa vernetzt – mit dem Ziel, neue Formen der künstlerischen Forschung, Improvisation und Vermittlung zu fördern. Bei Sonic Territories legen wir den Fokus auf Lecture Performances, also auf Momente, in denen sich künstlerische Praxis und Reflexion begegnen. Zwischen dem 21. und 23. Oktober finden im WUK Museumsraum sechs dieser performativen Vorträge statt – von Marta Beauchamp, Raphael Rogiński, Daphne von Schrader, Merche Blasco, Jens Vetter und Nyokabi Kariũki & Alex Hofmann.
Die Formate sind offen, prozesshaft, experimentell – sie machen Kunstproduktion sichtbar, statt nur das fertige Ergebnis zu zeigen.

Betrachte ich das dichte Programm, dürfte es sich um das umfangreichste Sonic Territories Festival bislang handeln? Wie lässt sich das finanzieren? Wohl Support von Kulturinstituten bis Bezirksfinanzen und EU-Geldern?

Ja, es ist das bisher umfangreichste Festival – und ohne unsere Förderpartner*innen und Sponsor*innen wäre das nicht möglich. Neben der Stadt Wien und dem BMWKMS (Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport) tragen Hauptsponsoren wie Wien 3420 und der Bezirk Donaustadt dazu bei, dass wir zum dritten Mal in Folge die VHS Kulturgarage bespielen können. Das »Adventurous Music Plateaux« wäre ohne die Förderung durch das Creative Europe Programm undenkbar und viele Kooperationen, z. B. mit dem Polnischen Institut oder dem Weibel Institut für Medienkunst, tragen wesentlich dazu bei, internationale Künstler*innen präsentieren zu können. Nur so können wir Formate zeigen, die Wissen, Klang und Gemeinschaft verbinden – und das ist vielleicht die schönste Entwicklung seit der Gründung des Festivals überhaupt. 

Raphael Rogiński © Lena Sieczkowksa

Fehlt nur noch ein kleiner Abriss des Live-Programms. Der 24. Oktober bietet ab 20:00 Uhr einige Premieren im WUK: Raphael Rogiński, Nyokabi Kariũki, Sara Persico & Mika Oki. Danach steigt im B72 die STF-Clubnacht, u. a. mit DJ Marshrutka. Nachdem Sonic Territories am 18. Oktober ab 20:00 Uhr in der VHS-Kulturgarage u. a. mit HUUUM ein ansehnliches Line-up aufbietet und nach einem Sidestep ins rhiz am 23. Oktober mit Live-Gigs ab 21:00 Uhr von Misonica, Fæ Bestia und LOUFR, geht das Festival im WUK am 25. Oktober zu Ende. Zunächst im Museumsraum rechts um 14:00 Uhr mit »Kriegsbilder« (Screening & Talk) und Listening Sessions von Tmnit Ghide und Seba Kayan um 17:00 bzw. 18:00 Uhr. Ausklang im Großen Saal ab 20:00 Uhr mit Live-Konzerten von Fennesz, PÖ, NÂR und Dino Spiluttini. 

Link: https://www.sonic-territories.at/ 

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