Timothy Snyder im Wiener IWM © YouTube

Timothy Snyders »On Tyranny«

Unsere Reihe »Oktober der Revolutionen« neigt sich dem Ende zu. Wiederholt kam die Frage auf, ob die nächste Revolution nicht von rechts komme und ob sie bereits voll im Gange sei. Rechtsautoritäre Strömungen können allerdings niemals revoltieren, da sie die bestehende Ordnung nicht auflösen, sondern in ihrem Sinne verstärken wollen. Das ist brandgefährlich, wie Timothy Snyder eindrucksvoll belegt und mahnt: »Beeilt Euch zu handeln, ehe es zu spät ist, zu bereuen.«

Timothy Snyder ist Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, Professor an der Yale University, forscht hauptsächlich über osteuropäische Geschichte und schreibt Bücher. Sein Titel »Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin« ist ein anerkannter Meilenstein. Aktuell hat der US-Amerikaner in seinem Buch »On Tyranny: Twenty Lessons from the Twentieth Century« einen inhaltsreichen Katalog von Handlungen und Haltungen erstellt, die von Bürgerinnen und Bürgern eines demokratischen Staates befolgt oder vermieden werden sollten, um die Gefahr von Tyrannei, Autoritarismus und Diktatur zumindest einzudämmen. Snyders Werk stützt sich auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts und findet in ihr Orientierung für die gegenwärtige politische Lage. Es zeigt sich, dass die Geschichte immer noch die zuverlässigste Lehrmeisterin unseres Lebens ist.

Verlebendigung von Institutionen

Snyder warnt in den zwanzig Lektionen, in die sein Buch aufgeteilt ist, vor dem Risiko des vorauseilenden Gehorsams, da diese Haltung den Weg für eine Diktatur ebnet: Bürgerinnen und Bürger sollen immer eine kritische und unabhängige Einstellung zur Macht bewahren. Gleichzeitig fordert Snyder zur Verteidigung der demokratischen und demokratiefördernden Institutionen (wie Gerichte, Gesetze, Zeitungen etc.) auf, da sie nicht in der Lage seien, sich selbst zu verteidigen. Damit die demokratischen und pluralistischen Institutionen nicht durch die Kräfte ausgehöhlt werden, die die Diktatur befürworten, brauchen die Institutionen die ständige Teilnahme und den stetigen Schutz seitens der Bürgerinnen und Bürger.

Niemand solle davon ausgehen, dass die Institutionen weiterleben können, wenn die Bürgerinnen und Bürger an ihrer Erhaltung nicht teilnehmen. Institutionen müssen mit Kraft und Energie stetig verlebendigt werden. Die Freiheit lebt nur weiter, solange die Bürgerinnen und Bürger mit eigenem Einsatz und Engagement die Freiheit weiterleben lassen. Desgleichen gilt für den Schutz der Demokratie. Damit der Pluralismus aufrechterhalten wird, erweist sich die Teilnahme an Wahlen als unabdingbar, denn ohne eine ununterbrochene Kontrolle des politischen Lebens seitens der Bürgerinnen und Bürger läuft die Demokratie immer Gefahr, von ihren Feinden ausgeschaltet zu werden. Mit anderen Worten: Die Bürgerinnen und Bürger dürfen sich nicht der Illusion hingeben, dass Demokratie und Freiheit ohne ihren eigenen Beitrag weiterleben könne. Dies ist nie der Fall gewesen und wird nie der Fall sein.

Verteidigung der Demokratie

Im Rahmen der Verteidigung der demokratischen Grundordnung macht Snyder auf die Gefahr aufmerksam, welche von paramilitärischen Gruppen ausgeht, da diese in der Lage sind, Polizei und Heer zu infiltrieren und zu ersetzen. Indem sie Dissidenten einschüchtern, bilden sie die tätige und tätliche Vorhut jener Gruppen, die dann antidemokratische und freiheitvernichtende Strukturen aufbauen wollen. Snyder ruft nachdrücklich dazu auf, Zeichen zur Verteidigung der Demokratie und der Freiheit zu setzen und sich gegen den Strom zu stellen, damit deutlich wird, dass alternative Positionen möglich sind. Symbole, Vorbilder und Referenzpunkte sind zur Verteidigung gegenautoritärer Tendenzen unentbehrlich.

Zur Verdeutlichung seiner Auffassung greift Snyder auf Beispiele zurück wie die Politik von Winston Churchill im Jahre 1940 oder den Widerstand von Rosa Parks im Jahr 1955. Churchills Kampf gegen Nazi-Deutschland und Rosa Parks Ablehnung der Rassentrennung in den USA machen deutlich, dass alternative Handlungs- und Denkweisen möglich waren. Der Resignation, der Akzeptanz des Status quo und der Niedergeschlagenheit standzuhalten, ist besonders in all den Epochen essenziell, in welchen Demokratie, Toleranz und Freiheit in Gefahr sind. Beispiele zu statuieren und Vorbilder aufzubauen, stellen unabdingbare Handlungen zur Behauptung und Sichtbarkeit von alternativen Modellen dar, womit gezeigt werden kann, dass der Konsensus bestimmter antidemokratischer Kräfte nicht so einstimmig ist, wie diese Kräfte glauben lassen wollen. Opposition braucht Bezugspunkte, Leuchtfeuer, Orientierungssignale.

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Snyders 20 Thesen auf der Rückseite seines Buches »Ûber Tyrannei« © C.H. Beck

Tatsachen wider den Vor-Faschismus

Snyder mahnt zudem im Laufe seiner Arbeit vor der Gefahr der sogenannten Post-Wahrheit-Ideologie. Post-Wahrheit sei Vor-Faschismus. Die Bürgerinnen und Bürger dürfen nie den Glauben an Fakten und Tatsachen verlieren. Sie sind in die Pflicht genommen, Ereignisse zu untersuchen, sich selbst autonom zu informieren und Propagandamanöver zu enthüllen. Vorsicht und Verdacht sollen unter anderem all den Vorsätzen und Projekten entgegengebracht werden, die im Namen der Sicherheit die Freiheit einschränken wollen. Snyders Werk erweist sich als ein bemerkenswertes Handbuch zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie, das all jene, die an dieser Verteidigung interessiert sind, beherzigen sollten.

Erstveröffentlichung in »MALMOE« # 80 im Rahmen einer Kooperation von skug und »MALMOE«.

Timothy Snyder: »On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century«

London: Penguin Random House, 2017.

Deutsche Ûbersetzung: »Ûber Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand«

München: C.H.Beck, 2017.

Link:

Timothy Snyder präsentiert sein Buch »On Tyranny: Twenty Lessons From The 20th Century«

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