Mark Hollis © YouTube
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The Party’s Over: Mark Hollis ist tot

Mark Hollis, Gründungsmitglied der britischen Band Talk Talk, welche die 1980er- und 1990er-Jahre der Musikgeschichte wie keine andere Band bewegte und prägte, starb mit nur 64 Jahren und hinterlässt uns das wohl eindrucksvollste Werk der Popmusikgeschichte.

Die Geschichte beginnt mit Mark Hollis und seiner Band The Reaction, mit der er den Song »Talk Talk Talk Talk« aufnahm. Zum Glück hatten die kein großes Interesse, weiterzumachen, und die Band löste sich auf. Zu diesem Zeitpunkt, also 1979, schreibt er das gewaltige, erst später aufgetauchte »I’m Crying in the Rain«. 1981 formte Hollis dann mit Paul Webb (bass), Lee Harris (drums) und Simon Brenner (keys, ab dem zweiten Album von Tim Friese-Green, der auch als Produzent tätig war, abgelöst) die Band, die in etwas mehr als zehn Jahren Bandgeschichte eine Metamorphose durchlief, welche das Projekt als Werk umso interessanter erscheinen lässt. Schon der Titel des ersten Albums von 1982, »The Party’s Over«, zeigt in etwa die Richtung an, in die man gehen wird. Man macht hier tanzbaren Synth-Pop, doch der ist stets düster, sarkastisch, ernst, aber nie zynisch – immer hoffnungsspendend, aufrichtig, voller Liebe.

https://www.youtube.com/watch?v=gdAB4ZD98zM

Genese vom massentauglichen Frühwerk zu meditativen Sphären
»It’s My Life« (1984), besonders der oftmals gecoverte Titeltrack, bestärkt auf den ersten Blick, dass hier genau der Pop der 1980er-Jahre gemacht wird, der gerade eben so gehört wird. Doch Talk Talk waren schon immer anders, und nicht nur das genaue Hinhören auf die Texte, die nun alles andere als blue-eyed sind, zeugen vom Gegenteil. Tears For Fears, Duran Duran, Erasure – anfangs noch vage Referenzen. Doch Hollis’ gequälte, nasal-nuschelige Stimme, auch sein Auftritt, waren anders, besonders. Man höre nur den Song »Renée«, einen der schönsten Ohrwürmer der 1980er-Jahre. Statt tanzen will man tatsächlich lieber mit jemandem ganz Lieben im Bett liegen und sich einfach festhalten.

Mit »The Colour of Spring« (1986) arbeitete man an komplexeren, auf Gitarre und Tasteninstrumente fokussierten Stücken, ein wenig weg vom Synthie. Fans blieben jedoch noch teilweise »treu«. Die Musik war noch gerade so tauglich fürs Radio. Und das ist ein Lob. Zum Glück, denn Talk Talk schafften es wie wohl keine andere Band, Songs zu schreiben, die kommerziell tauglich, aber nie anbiedernd waren. »I Don’t Believe in You«, »Give it up«, »Living in Another World« zum Beispiel. Bissig-ironische Zeilen wie »Take good care of what the priests say, after death it’s so much fun« aus »Happiness is easy« spenden in der Melancholie Trost und machen Hoffnung aufs Leben. Der Song ist eine Ode auf das Lebendigsein. »Chameleon Day« kündigt schon an, was musikalisch noch folgen wird. Zu einem krassen Sprung kam es dann auf dem vierten Album, dem 1988 erschienenen »Spirit of Eden«. Mit der Kohle der zuvor verkauften Platten hatte man nun die Mittel, ein Album auf den Markt zu bringen, bei dem die Plattenfirma EMI den Schwanz einzog und man nach gerichtlicher Verhandlung zu Polydor wechselte. Dort wurde das Album dann veröffentlicht und …

Erhabenheit im Paradiesgarten
… sogar recht erfolgreich. Überraschend, und umso schöner, denn »Spirit of Eden« hatte stilistisch kaum mehr etwas mit den noch recht »massentauglichen« Vorgängeralben zu tun. »Spirit of Eden« ist Art Rock, Jazz, Ambient, Blues (?), Prä-Post-Rock, Klassik, geballt, gebannt auf die sechs Songs »The Rainbow«, »Eden«, »Desire«, »Inheritance«, I Believe in You« und »Wealth«, wobei die ersten drei Songs eigentlich wie ein über 23 Minuten langer Monster-Song funktionieren und ästhetisch und musikalisch wahrscheinlich den Höhepunkt der Bandgeschichte darstellen. Das Spiel mit der Spannung, die Energie, der warme Sound, die Musikalität haben etwas so Erhabenes, dass nicht wenige es wohl als eine Theophanie empfanden. Gibt es einen Gott, so sitzt er offensichtlich genau hier und Mark Hollis ist der Heilsbringer.

Auf ihrem letzten Album, »Laughing Stock«, ist von der ursprünglichen Band nichts mehr zu hören, außer dem Gesang von Mark Hollis, der sich als roter Faden durch das Werk zieht. Talk Talk gehen noch einen Schritt weiter, werden noch experimenteller, unzugänglicher, introvertierter, herausfordernder. »Laughing Stock« ist noch langsamer, gespannter, subtiler, äußerst clever arrangiert. Es ist eine Meditation. Dieses sperrige Teil verlangt den meisten Hörer*innen zu viel ab und wird damit das Ende der Band markieren. Talk Talk: der Band-Superlativ. Sieben Jahre später, im Jahr 1998, veröffentlicht Mark Hollis sein selbstbetiteltes Soloalbum. Es ist ein sehr leises, ruhiges Album, ein Fazit seiner Karriere als Musiker. Und dann taucht er ab, konsequent und wie natürlich, denn mit seinem letzten, großen Wurf ist alles gesagt und getan. Sein Oeuvre ist perfekt. Und man hört, bis auf sein instrumentales Zutun auf dem Album »The Diver« von Anja Garbarek, (musikalisch) nichts mehr von ihm.

Am 25. Februar 2019 wurde sein Tod bekannt. Die Musikwelt verliert mit Mark Hollis einen ihrer wichtigsten Protagonisten, der wohl wie kaum jemand anderer so zeitlos schöne, aufrichtige Musik gemacht hat.

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Text
Lutz Vössing

Veröffentlichung
27.02.2019

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