Installationsansicht »Hysterical mining« © Kunsthalle Wien
Installationsansicht »Hysterical mining« © Kunsthalle Wien

Technologie erzählt Storys

Theorie droht, das Kunstwerk zu vereinnahmen. »Hysterical mining«, noch bis 6. Oktober in der Kunsthalle Wien.

Technofeminismus ist im akademischen Bereich und auch im Kunstbetrieb längst zu einem Schlagwort geworden. Was aber verbirgt sich hinter diesem einschüchternden Begriff? Es ist unmöglich, eine Definition zu finden – per definitionem wäre das nämlich bereits eine Einschränkung, eine Grenzziehung, eine binäre Lesart, die der Technofeminismus auflösen möchte. Ist es eine Utopie? Oder eine neue Bewegung? Wird es gar eine Revolution? Sehnen wir uns danach?

Kunstblase?
»Hysterical mining«, die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Wien, versammelt verschiedene Positionen, die alle irgendwie in das Begriffsfeld Technofeminismus hineinfallen oder sich daran anlehnen. Die ambitionierte Ausstellung ist ein Versuch, diese Themen durch künstlerische Positionen zu visualisieren. Besucher*innen, die Donna Haraway und Ray Kurzweil nicht kennen, werden allerdings etwas verloren vor den Theorie-durchwobenen Arbeiten stehen und sich vermutlich nicht angesprochen fühlen, sondern im Gegenteil ausgeschlossen. Zu Recht wird der elitäre Kunstbetrieb oft als Blase bezeichnet, in welche nur jene Zugang haben, die selbst Teil des Betriebs sind. Die Ausstellung scheitert an dieser Herausforderung und schafft es nicht, die Diskurse und Ideen, die hinter den Arbeiten stehen, nach außen zu tragen. Aber vielleicht will sie das gar nicht? Vielleicht will die Ausstellung die Besucher*innen verunsichern, vor Fragen stellen und sie mit ihrem Nichtwissen konfrontieren, sie aus der Bequemlichkeit stoßen. Es sind schließlich auch beunruhigende Themen, die hier verhandelt werden. Gefühlsroboter und AIs, die entweder durch Stimmen (Marlies Pöschl) oder Sprechblasen (Barbara Kapusta) mit uns kommunizieren, eine Geräusch- und Bildkulisse, die ebenso vertraut wie befremdlich ist (Trisha Baga), ein ganzes Forschungsprojekt, das uns mit kritischen Fakten über das Internet konfrontiert und unser Verhalten sofort überdenken lässt (Louise Druhle). Machtstrukturen und Ungleichheiten werden hervorgehoben (Unreal Engine, The Voice).

»The two webs voyez vous Vinciane Lebrun-Verguethen« © Luise Drulhe

Cyborgs, no goddesses
Gegen den westlichen männlichen Blick sollen die Arbeiten ankämpfen, gegen männlich dominierte Orte wie das Silicon Valley. Leider gelingt das den Arbeiten nicht immer und das Gefühl bleibt, dass die Theorie das Kunstwerk vereinnahmt hat. Aber warum sollte es den Künstler*innen anders gehen als den Besucher*innen? Die Verwirrung ist schließlich auf beiden Seiten dieselbe. Im Ausstellungs-Booklet sind einige Textpassagen, die den Einstieg in diese Begriffswelt erleichtern sollen. Im zweiten Standort der Ausstellung ist eine Bibliothek, die den Kanon seit den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart repräsentieren soll. Ein Kerntext bleibt Donna Haraway mit »Cyborg Manifesto« von 1985. Darin wird das Verhältnis von Wissenschaft, Technik und Gender untersucht und Haraway arbeitet ihre These heraus, dass Wissenschaft nicht objektiv ist, sondern von imperialen und kapitalistischen sowie patriarchalen Strukturen geprägt ist. Binäre Perspektiven auf Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft sollen aufgehoben werden. Das berühmte Zitat »Iʼd rather be a cyborg than a goddess« ist also in einem Kontext entstanden, als der Transhumanismus und ähnliche Bewegungen noch nicht etabliert waren, zumindest nicht in ihrer heutigen Form. Wir wissen, dass das Internet, das oft als Black Box wahrgenommen wird, kein neutraler, demokratischer Raum ist, sondern im Gegenteil eben jene Strukturen widerspiegelt, die feministische oder antikapitalistische Strömungen aufzulösen versuchten. Geht es heute darum, Algorithmen zu verstehen und selbst Programmierer*in zu werden, um die Technologien, die uns umgeben, auch verstehen zu können? Oder wollen wir uns mit den Konsequenzen der Black Boxes befassen? Sind wir bereit, auf den Komfort des ständigen Online-Seins zu verzichten, weil wir wissen, dass all unsere Daten gesammelt, verarbeitet, weitergegeben werden?

Filmstill © Veronika-Eberhart

»Technology is the campfire around which we tell our stories«
Dieses Zitat der Musikerin und Performancekünstlerin Laurie Anderson besagt, dass es vielleicht in den Arbeiten genau darum geht: Wir erzählen Geschichten, nur werden die Geschichten immer fragmentierter, immer verwobener, immer mehr zu Bildern und Geräuschen und sind immer weniger lesbar. »Hysterical mining« ist der Versuch, diese Geschichten zu erzählen – trotz oder gerade wegen ihrer schwierigen Lesbarkeit.

»Hysterical mining« ist noch bis 10. Oktober 2019 in der Kunsthalle Wien zu sehen: http://www.kunsthallewien.at/#/en/exhibitions/hysterical-mining

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