»Europa ist ein Gift« © Low Profiler

Sonic Fiction Schwarzes Mittelmeer

Low Profiler aka Didi Neidhart stellt beim Salon skug am 11. April 2019 im AU sein grandioses audiovisuelles Projekt »Europa ist ein Gift« vor. Anlass für ein tief in afro-nautische Dub-Gewässer reichendes Mail-Interview, das die Wunden, die der kapitalistische Kolonialismus nach wie vor reißt, offenlegt.

Nathalie Borgers war am Mittwoch, dem 3. April in der Ö1-Gesprächssendung »Punkt 1« zu Gast. Ihr Dokumentarfilm »The Remains« stellt Fragen, die aktuelle Medienberichte außen vor lassen, etwa, welche Menschen mit welchem Schicksal ihr Leben verloren haben bzw. wie es den wenigen traumatisierten Überlebenden bzw. Hinterbliebenen, die oft im Ungewissen sind, geht. Sigi Maron (»Es gibt kan Gott«) oder zuletzt Soap&Skin (»(This Is) Water«) haben mit ihren Songs den im Mittelmeer ums Leben gekommenen Flüchtlingen akustische Denkmäler gesetzt. Der Low-Profiler-Track »Cruise Of The Deep Ones« ist laut Thomas Meinecke »der Sound der schwarzen Muschelkalkalpen according to Didi Neidhart« – afrikanischen Ursprungs ist bekanntlich auch die Spitze des Matterhorns. Lässt man sein Projekt »Europa ist ein Gift« auf sich einwirken, gerät man in einen Klang- und Bilderstrudel mit mannigfaltigen historischen Referenzen. Es tun sich Gedanken auf über nicht wahrgenommene Möglichkeiten, den Lauf der Geschichte humaner zu beeinflussen.

Dass jemand Rache nimmt, wie ein Austrotürke in Vorarlberg, der wegen seiner kriminellen Laufbahn abgeschoben wurde, nach zehn Jahren zurückkehrte und den seiner Ansicht nach verantwortlichen Beamten tötete, ist bitter. Logischer, dystopischer und fiktionaler ist der Plot bei Low Profiler, wo Aliens aus der Zukunft, Nachkommen der im Mittelmeer ums Leben Gekommenen, die Erde heimsuchen, um Rache an der Festung Europa zu nehmen. Die Utopie wäre, den Kontinent in eine positivere Richtung ändern zu können. Diese Hoffnung schlägt gegenwärtig in der Alpenrepublik ins Gegenteil um. Der Innenminister nimmt den Mord in Lustenau als Vorwand, um die Gesetzeslage gegen Asylsuchende zu verschärfen, obwohl es Handhabe gegeben hätte, mit bestehenden Gesetzen den Mord, den der Täter »aus Ehrengründen« nicht bereut, vielleicht zu verhindern.

»Europa ist ein Gift« © Low Profiler

skug: Wie sehr verfolgst du noch Medienberichte über die für Asylsuchende immer unerreichbarer werdende Festung Europa, bzw. dienten für dein Projekt aktuelle Filme oder Bücher mehr als Inspiration?
Didi Neidhart: Ich komme ja gar nicht umhin, all das zu verfolgen. Aber ich spanne da schon einen größeren Bogen. Der beginnt bei derzeit ja (leider) wieder hochaktuellen Filmen wie »Casablanca«, wo Peter Lorre ja quasi einen »Schlepper« spielt, der die lebenswichtigen Visa hat und der dann in seinem Nachkriegsfilm »Der Verlorene« sich als ebensolcher schlussendlich vor einen Zug wirft, was mir als Bild zuvor aber schon bei meinem Text zu Kraftwerks »Trans Europa Express« für Uwe Schüttes Sammelband über die Band eingefallen ist. Ansonsten geht es um viele Splitter zwischen »Black Panther« und den theoretischen Ansätzen bei Achille Mbembe (und natürlich auch Kowdo Eshun oder Mark Fisher), aber auch um Aliens, Queerness, Voguing und Zeichen, Symbole und fragmentierte Partikel, die quasi versuchen, als vielstimmige Gegenerzählungen zusammenzukommen, ohne dabei ihre Antagonismen zu verlieren. Und klar: Es gibt immer (tages)aktuelle Einflüsse, aber die sollten dann nicht so anlassbezogen daherkommen, dass es dann wieder platt wirkt. D. h., da liegen dann auch mal Sachen etwas länger herum und werden mitunter dann auch rausgekickt oder es gibt Sachen, die einfach zum richtigen Moment erscheinen und dann ohne große Scheu mitgenommen bzw. übernommen werden, wie etwa Aspekte von Sons Of Kemet oder Kamasi Washington, wenn er »Fist Of Fury« vom gleichnamigen Bruce-Lee-Film covert. Dann wird das Ganze auch etwas tagebuchartig, aber mit strenger Endzensur. Es soll ja ambivalent bleiben, aber auch nicht x-beliebig daherkommen. Und da hab’ ich mich hierbei eher an Leuten wie Jack Smith oder Judith »Jack« Halberstam orientiert: also am immer wieder neu Zusammengebastelten und Anarchistischen, welches aber dann quasi durch einen speziellen Groove zusammengehalten wird. Und ansonsten sollen vor allem die Visuals auch wie psychedelische Lightshows wirken. Auch wenn sie eine Art innere »Narration« haben. Etwa die immer wiederkehrende, aus der rot-weiß-roten Flagge gerissene rote Fahne, die im November 1918 bei der Republikgründung kurz vor dem Parlament in Wien geweht hat. Also durchaus gerne auch rauschhaft. Wer will, kann das alles auch als Annäherung an Mark Fishers »Acid Communism« verstehen.

»Europa ist ein Gift« © Low Profiler

Was ist dein Ansinnen mit »Europa ist ein Gift«? Es ist ja leider so, dass weltweit Menschen auf der Flucht sind, etwa die Rohingya aus Myanmar oder mittelamerikanische Familien, weil sie die Gewalt (Ursache: Großgrundbesitz etc.) in ihren Heimatländern nicht mehr aushalten.
Der Satz »Europa ist ein Gift« fällt ja in Lehárs Operette »Land des Lächelns« und wird dort als Warnung gegenüber dem schädlichen Einfluss des Europäischen aka Nicht-Chinesischen ausgesprochen (vor allem geht’s darum, eine europäisch-chinesische Liebschaft zu verhindern). Ich bin über diesen Satz schon vor 2015 gestolpert und war echt baff, auch weil »Gift«, wenn ich es englisch übersetze, »Geschenk« bedeutet (also durchaus mit einem imaginären, phantasmatischen Zukunftsort zu vergleichen sein kann). Es gibt zudem einige Samples aus »Land des Lächelns« und »Giuditta« (ebenfalls von Lehár), an die ich gleichsam so wie Wolfgang Voigt bei seinen Klassik-Samples bei Gas rangehe, nur dass ich mir immer schon gedacht habe, in bzw. aus Österreich geht sowas nur mit Operetten-Versatzstücken. Und die werden dann halt befragt – was ist in euch mehr drinnen, als ihr überhaupt über euch wissen tut, was kommt zum Vorschein, wenn ich euch quasi auf eine lacansche Couch legen tu? Zudem spielt »Giuditta« im Mittelmeerraum (auch in Nordafrika), hat auch so einen Fassbinder-Plot, der gar nicht gut ausgeht, und liefert darüber hinaus Sätze wie: »Ich kann nicht mehr länger in Europa bleiben, hier ist alles so fremd und kalt«. Aber die Grundidee ist ganz easy (und sicher nicht von mir allein gedacht): Ist nicht das, was den aus Afrika kommenden Flüchtlingen im Mittelmeer zustößt, in etwa mit dem vergleichbar, was den Sklaven auf den Routen des »Black Atlantic« passiert ist? D. h., entsteht hier nicht gerade vor unseren Augen eine Art »Schwarzes Mittelmeer« und wenn ja, was passiert, wenn wir z. B. den Drexciya-Mythos (die »Water Babies« der ins Meer geworfenen, schwangeren Frauen haben eine Unterwasserzivilisation errichtet) dorthin verpflanzen? Immerhin gibt es am Grund des Mittelmeers ebenso Militärtechnologie (u. a. auch jene U-Boote, die der Herr Baron von Trapp als Teil der k.u.k.-Marine im Ersten Weltkrieg versenkt hat) wie ägyptische, griechische und sonstige Ruinenstädte. Von daher gibt es weniger ein konkretes, politisches Ansinnen, als eben diese Idee zu so einem Science-Fiction-Plot, wo jemand aus der Zukunft davon zu berichten versucht, wie die (in diesem Zusammenhang durchaus militant queer-feministisch gedachten und auch so agierenden) Nachkommen der derzeit im Mittelmeer ums Leben Gekommenen Rache an ebendiesem Europa (also dieser »Festung«) nehmen und dadurch aber auch »Europa« verändern können.

»Europa ist ein Gift« © Low Profiler

Mir gefällt jedenfalls sehr dein Ansatz, dass die »Illegal Aliens« an der »Festung Europa« Rache nehmen. Ist die Grundlage deiner Fiktion die frühkapitalistische Ausbeutung (Mbembe), dass die Kolonisierung Amerikas ja von europäischen Mächten (hauptsächlich England, Spanien) ausging und mit der Tötung der Ureinwohner und Heranschaffung der Sklaven aus Afrika quasi eine europäische Ursünde immer noch nicht gesühnt wurde?
Ja, klar! Wobei ich hier gar nicht mal so an Mbembe gedacht habe, sondern eher am Tim Stüttgen, der in »IN A QU*A*RE TIME AND PLACE: Post-Slavery Temporalities, Blaxploitation, and Sun Ra’s Afrofuturism between Intersectionality and Heterogeneity« Sklavenhandel und Kolonialismus als »dark side« der Aufklärungen beschreibt. Und in Ibram X. Kendis »Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika« geht es ja u. a. auch darum, dass es den Kapitalismus ohne Sklaven nie so gegeben hätte. Sklaven bzw. Sklaven aus Afrika sind ja auch ein blinder Fleck bei Marx. Aber egal ob im Süden der USA oder in England nach dem Ende des Empires: Es geht immer darum, sich jene Renditen und Einkünfte, die durch die (im Grunde lohnkostenlose) Ware Mensch (also durch Sklaverei) geschaffen werden, nicht wegnehmen lassen zu wollen. Nicht umsonst »spekulieren« ja neoliberale Dispositive wieder mit solchen Konzepten von Arbeit (wir müssen nur an hiesige Debatten um 1,50 Euro Stundenlohn für Flüchtlinge denken, die gemeinnützige Arbeit verrichten).

Sind die Blasinstrumente-Samples am Anfang des Sets Master Musicians of Jajouka entnommen? Klingt für mich jedenfalls wie Berbermusik, großartig unterspült von nautisch-gefährlich-sobsonischen Bässen. Es ist etwas sehr Mythisches, wo sich Untermeerwasser samt Tieren (Krake, Fischskelett) mit der Oberwelt vermischen. Grelle Farbexplosionen und pharaonische Sphinx und andere Menschengestalten. Zieht alles nachhaltig in den Bann.
Richtig erkannt! Die sind ja auch wirklich von der Brian-Jones-Platte und fungieren quasi als Signal, dass es jetzt langsam losgeht und es schön wäre, wenn das werte Publikum nun von der Bar Richtung Bühne gehen würde. Wobei die Platte ja für mehr steht: Jones hat ja nicht nur (nach Vermittlung von Brion Gysin und William Burroughs) die Musik in Marokko aufgenommen, sondern später auch noch mit etwas Flanging und Delays verfremdet. Wir haben es also nicht mit »authentischer« Folkmusic zu tun, sondern mit quasi einer der ersten »Worldmusic«-Platten. Zudem zeigt sich hier erneut, dass der beste »Kulturaustausch« immer zwischen den herätischen Sphären stattgefunden hat. Hier halt in Form der Sufis und dessen, wofür Brian Jones gestanden ist. Die anderen Sachen (»Creature From The Black Lagoon«, Kraken etc.) beziehen sich dann eher auf H.P. Lovecraft und dessen Cthulhu-Mythos, zu dem ja auch die »Deep Ones« gehören, die ich aber mit afro-futuristischen Aspekten kreuze (auch um Lovecrafts Rassismus gegen ihn zu richten). Es soll schon auch etwas von einer Art Pulp-Science-Fiction-Mythologie haben. Zumal wusste schon Roland Barthes, dass das beste Mittel gegen Mythen kein Faktencheck, sondern bessere Gegenmythen sind.

»Europa ist ein Gift« © Low Profiler

»The Crossroads is the most important of all ritual figures…«. Aus welchem Medium stammt diese Aussage und welcher Kontext wird hergestellt? Kurz vorher tanzen Skelette.
Das hab’ ich ganz frech aus Maya Derens Film »The Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti« genommen. Lustigerweise war das auch die erste Voodoo-Platte, die ich mir vor knapp 40 Jahren gekauft habe. Mir ging es dabei vor allem darum, auch noch den Aspekt Voodoo als synkretistische Hybridform reinzubringen. Also als etwas, was nicht essentialistisch gedacht wird, wo es auch viele queere Aspekte gibt (der berühmte Baron Samedi hat eine sehr queere Posse um sich und bei gewissen Kulten kannst du auch nur durch eine Priesterin oder einen schwulen Priester initiiert werden) und dem ebenso ein subversives Element innenwohnt. Die Skelette stammen von einem Filmausschnitt aus den 1930ern, wo Louis Armstrong (der ja damals über sich und seine Musik gesagt hat: »Our Music Is A Secret Order«) gerade auf einer Halloween-Party den Song »Skeleton in the Closet« (!) zum Besten gibt. Armstrong erscheint ja u. a. auch schon, wenn die Sufis in ihre Flöten blasen.

Später tauchen Wortfetzen auf, die mit »across the Mediterranean« beginnen. Aus welcher Quelle kommt das?
»Refugees across the Mediterranean« stammt vom Trailer zu »Casablanca«. Ich habʼ ein paar so quasi »didaktische« Sachen miteingebaut, um auch eine Art popistischen Meta-Diskurs zum Thema zu führen. Es gibt Schnipsel von »European Son« von Velvet Underground, kurz erklingt auch »Song For Europe« von Roxy Music, wo Brian Ferry singt: »No tomorrow, only sorrow«, und auch Jean-Jacques Burnel von den Stranglers hat mit »Euroman« einen kurzen Cameo-Auftritt. Das ist dann so wie bei einem DJ-Set, wo solche Sachen in den Mix getan werden. Sie geben etwas Struktur vor und teilen das Set auch ein wenig ein. Wiewohl das Low-Profiler-Konzept darin besteht, als quasi zeitreisender, sonischer Hobbyarchäologe mit audiovisuellen Versatzstücken aus einer weit entfernten (post-dystopischen) Zukunft zu hantieren. Ich spiele zusammen mit Alois Huber (Laton) ja auch beim Electronic-Projekt Discozma und Alois ist ja wirklich archäologisch tätig (hat u. a. in Schiltern einen Kreisgraben aus der Steinzeit entdeckt) und von daher, plus etwas »Archäologie & Genealogie« im Sinne von Foucault, hat sich das dann über Umwege wie Mark Fisher und Footwork/Juke bzw. Dubstep so ergeben. Die Syntax und die symbolische Ordnung der Dinge, die da in der Zukunft vorgefunden werden, sind nicht mehr oder nur noch unzureichend bekannt, weshalb auch nicht mehr alles »richtig« zusammengesetzt werden kann. Von daher wird auch viel improvisiert und spekuliert, es werden aber auch Verbindungen gelegt, die es so nie gegeben hat, was wiederum neue Optionen eröffnen mag. Nicht umsonst kommen live auch drei bis vier Old-Skool-Cassetten-Walkman als Art (kosmisches) Hintergrundrauschen zum Einsatz, die aber auch als auseinanderlaufende Spuren eines Tracks fungieren, der nicht mehr zusammengesetzt werden kann.

Ab Minute 34 erklingt eine Frauenstimme, welche »Never been destroyed… the deep one« deklamiert. Darauf repliziert eine männliche Stimme … Woraus ist das gesampelt und was ist die Kernaussage von diesem Part?
Das ist wieder so ein etwas didaktisch gesetzter Marker und stammt in beiden Fällen von Hörspielversionen von Lovecrafts »The Shadow over Innsmouth«. Dabei geht es um einen Ich-Erzähler, der in diesen Ort am Meer kommt, wo alle etwas »amphibisch« ausschauen, was ihn zuerst extrem abstößt, bis er draufkommt, dass es da doch gewisse verwandtschaftliche Bezüge gibt. Kurz: Er erkennt, dass das vermeintlich Fremde/Andere nichts anderes als sein Eigenes ist. Sonst ist Lovecraft ja nicht immer so dialektisch, aber hier überwindet er auch seinen ansonsten durchaus ekelhaften Rassismus. Andererseits definiert sich Popkultur ja u. a. auch dadurch, sich oft und gerne auf die Seite der Antagonist*innen zu stellen. Im Space-Age-Rockabilly der 1950er gibt es z. B. deutlich mehr Songs über coole, selbstgemachte Sputniks und faszinierende Aliens als Cold-War-Rhetorik. D. h., die wollten schon damals eher Aliens werden als sonst was.

»Europa ist ein Gift« © Low Profiler

Klagende Männerstimmen, dazu zwischengeschnitten Tänzerinnen, grelle Raketenfeuer, eine Sphinx wie ein Phönix aus der Asche sind ab Minute 48 zu erleben. Ich vermeine, kurz ein Fatima-Al-Quadiri-Sample zu hören, die Bässe knallen trocken und Skelette tanzen wieder. Für mich ein Abgesang auf Europa, wie es als Hort der Menschenrechte war.
Danke für den Fatima-Al-Quadiri-Vergleich, aber das ist schon alles selber zusammengesampelt, wobei ich einige Aspekte ihrer Ästhetik und die damit verbundenen Theorien ja sehr schätze. Auch für sie bedeuten Beats & Grooves »Zukunft« bzw. »Zukünftiges« und Musik ohne diese Zutaten ist dann eher dystopisch zu verorten. Nicht im Sinne von »No Future« oder quasi per se beatlos, sondern eher von Musik (in dem Sinne durchaus »Dancemusic«), der die Beats abhandengekommen sind. Diese melancholische Post-Rave/Cold-Turkey-Stimmung findest du ja auch z. B. bei Burial oder aktuellen UK-Drill-Sachen. Ich tuʼ mir im Moment auch selber eher schwer, Beats zu programmieren – zum Glück habʼ ich ein kleines Archiv mit älteren Sachen, auf die ich zurückgreifen und die ich bearbeiten kann. Ob das ein Abgesang ist, weiß ich nicht. Roxy Musics »Song For Europe« stammt ja aus den 1970ern und wurde u. a. auch von Fassbinder in »In einem Jahr mit 13 Monden« verwendet (und es gibt auch eine sehr tolle Cover-Version von Michaela Melián von F.S.K.). Dass hier einiges nicht in Ordnung ist, ist also keine neue Erkenntnis. So was findet sich schon bei Adorno, aber der Blick dreht sich noch einmal, wenn versucht wird, den Globus auf den Kopf zu stellen. »Europa« als Sehnsuchtsort (oder auch »Demokratie« als ersehnter Zustand einer Politik, die sich daran misst, wie es denen, die an der jeweils untersten gesellschaftlichen Sprossenleiter leben, geht) fungiert als Mythos mittlerweile durchaus im Sinne von »Fake News« und »Alternative Facts«. Alle Versprechungen, die den Menschen im Osten und im Süden gemacht worden sind (Demokratie, Freiheit, Wohlfahrt, Sozialstaatlichkeit etc.) sind doch gleich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks entsorgt worden! Der »Goldene Westen« lockte mit »sozialer Marktwirtschaft« (aka Kapitalismus mit menschlichem Antlitz), um sich dann als neoliberaler Sozialdarwinismus zu erweisen. Was ich bei Leuten wie Mbembe ja faszinierend finde, ist, dass hier jemand »aus Afrika« auf Europa blickt und dabei ein »Wir« formuliert, welches sowohl afrikanische (bzw. außer-europäische) als auch europäische Philosophie zusammen denken kann bzw. welches eben daraus entstehen kann. Und zwar möglichst ohne Hierarchien oder die blöden Fragen, wer was nun zuerst gedacht hat. Das ist egal! Wichtig ist vor allem, Ähnliches im Anderen, im Differenten sowie das Andere, Differente im Ähnlichen zu entdecken. Und wenn mich dann Mbembe mit Deleuze in vorkoloniale Vorstellungen von Raum und Zeit in Afrika einführt, dann geht es hier weniger um ein »Zurück« (was sowieso unmöglich ist), sondern um die Erforschung von Denkräumen, die nur scheinbar far away sind, weil vieles davon halt einfach auch seit Anbeginn der Popmusik im Sinne von »sonic migrations« zu »uns« durchgedrungen ist. Aber klar, die Vorstellungen von »Europa«, z. B. in all den transkontinentalen Film-Co-Produktionen der 1960er und 1970er, sind schon cooler, poppiger, weltgewandter und kosmopolitischer als das, womit wir es im Moment zu tun haben. Ich meine: Was soll ein James Bond nach dem Brexit überhaupt noch machen?

»Europa ist ein Gift« © Low Profiler

Denkwürdig gerät in diesem Kontext auch die Einblendung des Logos »Flüchtlingslager Hotel Europe«.
Das hab’ ich im Netz gefunden. Es zeigt das Hotel Europa in Salzburg kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wo es als Unterkunft für »Displaced Persons« fungiert hat.

Es ist wirklich ein großartiges Schlussbild. Die härteren Dub-Sounds verebben, dass Europa ein Gift ist, hat sich nachhaltiger denn je eingeprägt. Deshalb die abschließende Frage: Dein Artist-Name Low Profiler, bezieht sich der eigentlich auf die Polizeiarbeit, das Racial Profiling der US-Polizei? Dies gilt leider auch für Österreich, wo ich in Wien wiederholt beobachten konnte, wie die Polizei etwa in U-Bahnstationen die Ausweise nur von Menschen dunklerer Hautfarbe kontrolliert.
Nein, der Name hat damit eigentlich nicht zu tun. Da geht es eher darum, nicht wahrgenommen zu werden und zu versuchen, aus dieser Existenz »unter dem Radar« eine irgendwie nonkonformistisch-subversive Figur zu kreieren, die sich mit all ihren Defekten und Fähigkeiten auch gerne als Teil eines Superheld*innen-Universums imaginiert, wie wir es aus Comics und Filmen kennen (oder meinetwegen auch als Schläfer*innenzelle). Aber ich war schon öfters im Zug auf der Strecke Salzburg–München bei Personenkontrollen das eine »Alibi-Weißbrot« und kenn’ von allen meinen Bekannten mit etwas dunklerem Hautteint nur solche Geschichten.

Mehr von Low Profiler gibt’s im Salon skug am 11. April 2019 im Wiener AU.

»V/A: 47.806938 / 13.058160« feat. Tracks by Low Profiler (»Cruise Of The Deep Ones«), Magna Pia, Parm, Patrick Pulsinger (12″-Vinyl-Album, Freakadelle)