Fotos: © Eszter Korodi
Fotos: © Eszter Korodi

»Schläft ein Lied in allen Dingen«

Konstantin Wecker und Band gastierten mit ihrer Tournee »Revolution« in der Wiener Arena (12.8.) und auf der Burgruine Finkenstein (14.8.). Wer den Glauben an eine revolutionäre Umgestaltung der Verhältnisse und eine poetische Erweiterung der Welt nicht bereitwillig herschenken möchte, bekam ein paar schlaue Hinweise. Für die anderen gab es zumindest gute Musik.

Eines jener nicht lösbaren Menschheitsrätsel ist diese Sache mit dem Baum, der im Wald umfällt, und die Frage, ob er ein Geräusch macht, wenn es kein Mensch hört. Die Augen dürfen jetzt gerne verdreht werden: Was-für-eine-Frage! Warum sollte das Krachen, Bersten und Einschlagen dieses Baumes kein Geräusch erzeugen? Der Baum gleicht physisch allen anderen Bäumen, ob erhörten oder unerhörten. Klar. Nur – die Hasenohren, die Klanglöcher der Bienen oder die schallwahrnehmenden Beinchen sonstiger Insekten (oder wer sonst noch beim Baumsturz live dabei war), die hören sicherlich ganz anders als menschliche Ohren. Naja – stimmt sicherlich auch. Es wäre ein höchst unwahrscheinlicher kosmischer Zufall, wenn die Tierchen den Baumsturz so hören würden wie Menschen. Es ist eher auszuschließen. Wenn also kein Mensch anwesend ist, dann erzeugt kein menschliches Ohr, kein menschliches Wahrnehmen den bekannten Baumfallklang. Aus menschlicher Sicht fällt der Baum lautlos. Oder auch wieder nicht. Weil unsere Mitwelt nicht nur ein Sinnesphänomen ist, sondern auch eines der – nennen wir es – Vernunft. Oder eines des Herzens, wie Konstantin Wecker vielleicht sagen würde. Noch ein Schritt und wir sind bei jenem widersprüchlichen Gefühl, mit dem Wecker und Band das Publikum nach einem gelungenen Konzert in der Wiener Arena in die ungewöhnlich kalte Wiener Sommernacht entlassen haben.
Mit der Summe der Sinne ist die Sache nicht begriffen. Zu sagen, was ich nicht hörʼ, nicht sehʼ, nicht schmeckʼ und nicht fühlʼ, das ist auch nicht, das ist ein bisschen deppat. Wer so etwas sagt, pfeift auf Kunst. Der US-amerikanische Künstler Bruce Nauman nahm in den 1970ern auf einem Tonbandgerät einen menschlichen Schrei auf. Die Enden des Magnetbandes klebte er zusammen, so dass ein endloser Loop entstand. Das Tonbandgerät präparierte er so, dass es, sobald es Strom hatte, zu spielen anfing und somit den menschlichen Schrei ausstieß. Er nahm das Gerät und goss es in einen mächtigen Block Beton. Nur das Stromkabel schaute heraus. In Ausstellungen nun steckte er das Kabel ein und die Betrachterinnen und Betrachter des Werkes standen vor einem schweigenden Block, denn kein Klang kann den Beton durchdringen. Ob es im Inneren der Skulptur schreit oder nicht – unmöglich zu sagen. Wer der Skulptur heute in einer Ausstellung begegnet, sollte bedenken, dass die Tonbandgeräte in den Siebzigern sehr solide gebaut waren. Das Ergreifende an dieser Konzeptkunst: Der Block muss nicht gesehen werden, die Arbeit des Künstlers ist jetzt bereits getan. Wer diese Zeilen gelesen hat, trägt den Gedanken an einen von Beton erstickten menschlichen Schrei bereits in sich. Vielen mag dies belanglos erscheinen, andere mögen meinen, sie könnten ihn hören. Auf diesen Unterschied setzt Konstantin Wecker seine Hoffnungen, wenn er in einer sich rapide verdunkelnden Zeit musiziert, dichtet und vorträgt: Auf den Unterschied, den die Kraft eines erweckten Bewusstseins macht.

Wer verrät uns nie?

Diese etwas lange, Proseminar-Philosophie-artige Einleitung ist nicht unangemessen, denn Herr Wecker hat es geistesgeschichtlich faustdick hinter den Ohren. Ihre Auftritte bekamen während des Konzertes:Wecker_Rauch_Eszter_Korodi.jpg Meister Eckhard, Angelus Silesius, Novalis, Schlegel, Tieck, Georg Heym, Rainer Maria Rilke, Erich Mühsam. Weckers Kunst kreist um einen anspruchsvollen Poesiebegriff, der nur transparent werden kann, wenn der früh-romantisch/deutsch-idealistische Hintergrund ein wenig aufgezeigt wird. Unterbleibt die Anstrengung, jene Konzeption einer »Revolution des Bewusstseins« zu erläutern, dann könnte manches Zitat des Konzertes ein wenig sonderlich oder auch verzweifelt wirken. Ergebnis eines revolutionierten Bewusstseins wäre nämlich eine Neuordnung der Verhältnisse, in der gleichberechtigte Individuen, die sich selbst und einander erkannt haben, sich wechselseitig ermöglichen, ein Leben gemäß ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten zu führen. Ein solcher, utopischer Zustand wird übrigens Anarchie genannt. Die Anarchie aber – und genau um die geht es Wecker mit dieser Revolution – hat einen gehörigen Imageschaden erlitten, dank der repressiven Kräfte, die uns regieren und die keine Änderungen wünschen. An einer Stelle betet Wecker kurz herunter, was Anarchie eigentlich meint. Die wenigsten werden in der Schnelle aufgefasst und begriffen haben, dass Hierarchien nur belasten und niemals schützen, denn Definitionen haben noch niemanden zum Umdenken bewogen. Aber vielleicht die Musik?

Ohne Warum
Und die ist ziemlich gut an jenem Abend in der Wiener Arena. Aus dem »Sunder Warumbe« – dem »Ohne Warum« des Meister Eckhard – machen Wecker und seine Band einen Gospel zum Mitsingen mit gehörigem Drive. Die Nummer »Anarchie« ist krachiger Hard Rock, der »Waffenhändlertango« ein feines Stück Jazz, bei dem exemplarisch die Grobheit der militärischen Rhythmik überwunden wird und das dann, wie vieles bei diesem Konzert, echten Groove entwickelt. Obendrauf gibt es noch klassische Kabarettstücke, und die Musizierenden überraschen mit der musikalischen Farce »Es geht uns gut«, die sie aus dem miesen Sound ihrer Smartphones herauskitzeln. Spielwitz, Können, Lust, all das haben die drei Musiker und die eine Musikerin reichlich im Gepäck, weshalb sie an dieser Stelle unbedingt namentlich gelobt werden sollen: Es musizierten Fany Kammerlander (Cello, Ukulele, Bass und E-Bass), Johannes Barnikel (Piano, E-Piano, Synthi, Percussion und Gitarre), Wolfgang Gleixner (Schlagzeug, Percussion, Gitarre, Bass, Mandoline und Akkordeon) und Severin Trogbacher (Gitarre, E-Gitarre, Bratsche und Gesang). Und gesungen haben sie allesamt auch noch, teils umwerfend.
Das ohnehin sehr breite musikalische Spektrum wird abgerundet von Schubert-artigen Klaviertrios. Die Nähe zur Hochkunst ist in jedem Moment des Konzerts spürbar. Vermutlich hat die immer etwas zu komplexe Kompositionsstruktur seiner Songs Konstantin Wecker, dem Sohn eines Opernsängers, der frühzeitig mit dem klassischen Programm versorgt wurde, den Erfolg durch Mitsinghymnen verweigert oder erspart (je nachdem). Dennoch ist das Material fetzig und fährt ordentlich rein ins Publikum. Wecker, der hoch von seinem Publikum denkt, verlangt diesem einiges ab, beispielsweise Mitsingen beim Refrain von »Weil ich dich liebe«: Da-dap da-dap da-dap da-da-da-da-da-da-dei usw. Zwar singen manche begeistert mit, aber keine Frage, »Live is Life« ist leichter.
Weckers Songs sind gespickt mit Aufrufen von einer zarten und reinen Klarheit. In ihnen zeigt sich, wie die Verbindung von Verstand und Gefühl eine leicht begreifbare Form finden könnte. »Denkt doch bitte mit dem Herzen!« Dies ist entscheidend, denn – wie Petra Kelly bereits mahnte – eine Ratio ohne Herz ist der sichere Weg in den Wahnsinn. Fühlt euch ein in jene, die aus Aleppo fliehen mussten und nun in Internierungslager gepfercht werden. Kommt euch aber jemand mit dem dumpfen Gefühl, das sind zu viele, dann schaltet den Verstand ein und erinnert euch an die 12 Millionen Kriegsvertriebenen, die Westdeutschland seinerzeit aufnehmen konnte. Und damals war kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. (Es gab allerdings auch ein Lastenausgleichsgesetz, das heutige Konservative zu den Waffen greifen lassen würde.) Konstantin Wecker bringt seinen Traum auf eine prägnante Formel: »Lassen wir alle rein!« Und ändern wir unser Leben, anstatt unser altes hinter Stacheldraht sperren zu müssen.

Ausflüchte und Anfängergeist
Das klingt alles musikalisch und auch inhaltlich gut und es ist ein rundum netter Abend – könnte ein oberflächliches Urteil lauten. Konstantin Wecker ist eine freundliche Erscheinung, die viel Herzlichkeit ausstrahlt. Leicht gelingt es ihm, das Publikum für sich einzunehmen. Dadurch entsteht aber auch eine bedeutsame Diskrepanz: Zuhörerinnen und Zuhörer sind guter Dinge, obwohl das, was Wecker sagt und singt, kaum dazu geeignet ist. Wer sorgfältig hinhört, bemerkt, in den meisten seiner Songs geht es – auf die eine oder andere Weise – gegen jenes Grundgefühl des »Es wird schon gut gehen«. Das wird es aber nicht. Diese Grundstimmung, an der sich die meisten betäuben und die sie irrtümlich für eine Erfahrung halten, ist falsch. Diese Stimmung darf trefflich ein falsches Bewusstsein genannt werden. Es ist eine Art der elaborierten Verantwortungslosigkeit, bei der geschickt jene hinlänglich bekannten Fakten ausgeblendet werden, die ein Weiterleben wie bisher verunmöglichen. Auf ein »Weiter-wie-bisher« zu hoffen, war immer naiv, jetzt könnte es ein tödlicher Irrtum sein. Wenn wir keine Revolution starten, gemahnt Wecker, dann werden die Rechten putschen. Putsch, Machtergreifung, Unterjochung, das ist das rechte Programm und es droht, Mainstream zu werden. Revolutionen aber sind immer links, ruft Wecker dem begeisterten Publikum zu. Nur die sind leider auch immer ein wenig kniffliger, denn Unterjochung verlangt lediglich das federleichte Absinken in die Bewusstseinslosigkeit, eine Revolution muss aber eine des mühsamen Aufstehens oder Aufstandes des Bewusstseins sein.
Das Rütteln vollzieht Wecker sanft. In ihm steckt viel »Anfängergeist«, er weiß, wenn eine erweiterte Sicht einer eingeengteren aufgedrängt wird, dann verschließt sich Letzere. Es entsteht nur böses Blut durch ein Gefühl der Bevormundung. Und das ist das Letzte, was wir in dieser Lage brauchen. Also Katharsis nur für jene, die danach verlangen. Das Verzagen angesichts der übergroßen Probleme unserer Zeit wird niemandem aufgedrängt. Konstantin Wecker, der selbst sagt, erst seine Zerknirschung habe ihn zu dem gemacht, der er ist, verlangt diese in nobler Zurückhaltung seinem Publikum nicht ab. Es darf gerne zurückkehren in seine Voreingenommenheit. Ein Kunstwerk mag ein Schlag auf den Kopf sein, aber nur für die Empfänglichen. Wer überhören möchte, überhöre. Wecker ist Künstler genug, um zu wissen, wenn er diese Leute anginge, dann müsste er selbst grob werden und damit seine poetische Schaffenskraft einbüßen. Die Poesie will er nicht verlieren, denn »Meine Texte waren immer schlauer als ich.«

Zauberkraft gegen den Materialismus
Wie aber soll die Poesie wirken? Wie darf ihr vertraut werden? Wecker bedankte sich am Ende des Konzertes brav bei einem Publikum, das ihm drei Stunden beim Rezitieren von Gedichten zugehört hat, und manche von jenen, die heiter glucksten, als Wecker ihnen zurief:Wecker_Blick_Eszter_Korodi_4zu3.jpg »Wir müssen das Pack enteignen«, besteigen anschließend ihre SUVs. Wenn der Poesie eine Art Zauberkraft gegen den Materialismus zugebilligt werden soll, dann könnte diese Zauberkraft im Blick auf das gesellschaftliche Ganze als ziemlich zahnlos erscheinen. Ist sie aber nicht.
Um das zu erklären, brauchen wir wieder jenen Baum vom Anfang. Dieser wurzelt nämlich nicht nur physisch (materiell) in der Erde und streckt von dort aus seine Äste in den Himmel, sondern er wurzelt auch im menschlichen Geist. Die Einwurzelung in diesen geheimnisvollen Grund ist weder physisch, noch eine Ableitung dieser Erdverkabelung, sondern von gänzlich anderer Art. Wer annimmt, jedes geistige Abbild der Welt sei durch Augen oder Ohren der Außenwelt entnommen, konsultiere bitte Helen Keller. Stellen Sie sich nun vor, Sie seien ein Grashalm. Sie hätten keine Augen zu sehen, keine Ohren zu hören und überhaupt keine der Ihnen bekannten Sinne, und doch erführen Sie sich selbst als sanft im Winde bewegt. Dies ist nur möglich, weil das Ich in der Imagination abgetrennt werden darf von all seinen üblichen physischen Datenübermittlern und sich einfinden kann in den unmöglichsten Orten. Das – mit Verlaub – große Geheimnis unserer Existenz liegt darin, weshalb überhaupt eine Loslösung vom Physischen und ein Umherwandern und Neueinpflanzen der Imagination möglich ist. Welchen Raum durchschweifen die Gedanken, wenn sie sich von den Dingen lösen? Poetisieren der Welt bedeutet folglich jenen Raum, der zwischen Imagination und Realität liegt – nennen wir ihn kurzerhand die »Struktur« der Welt – zur Geltung zur bringen. Und dies hat potenziell revolutionäre Folgen. »Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen […], dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.«

… triffst du nur das Zauberwort
Konstantin Wecker sagt an einer Stelle, er sei Frühromantiker. Einige lachen. Zu Unrecht. Wecker offenbart hier sein Selbstverständnis. Der Witz der Frühromantik ist die Verflüssigung des Verhältnisses von Ratio, Gefühl und Welt durch die Operation der Reflexion. »Intellektuelle Anschauung« will den Prozess des Erlebens von Verstehen nutzbar machen für eine erweiterte, vertiefte Sicht der Welt. Dies war durchaus ein revolutionäres Programm, bahnbrechend für seinen späteren, langweiligen Abklatsch als Psychoanalyse oder Cultural Studies, die keinerlei revolutionäre Umgestaltung der Verhältnisse mehr im Blick hatten. Romantik ist entgegen dem allgemeinen Klischee keinerlei Herzergießen, sondern poetische Nutzbarmachung der ganzen Fülle des Geistes. Somit wohlgemerkt auch der rationalen Umgestaltung von Politik und Ökonomie »… das ganze falsche Wesen«. Die Damen und Herren des 19. Jahrhunderts haben das damals sehr ernst genommen.
Was heißt dies nun letztlich für unseren Baum im Wald? Gleich ob er steht oder fällt: Er ist, nur wenn er denkend umfangen wird, für uns (ihm selbst wird es wurscht sein) eine Eintrittskarte in die Welt … Woran Konstantin Wecker, Novalis und Co sich köstlich besaufen können, ohne in trunkenen Taumel zu verfallen, ist das rationale Gefühl oder das sinnliche Verstehen, dass jener Baum, vor dem ich zum Stehen komme, mir wie eine Epiphanie jenes Verhältnis zwischen Welt und Mensch sichtbar machen kann. Die Präsenz des Baumes ist geistig durch meine Imagination und physisch durch das Nicht-Ich des Holzes, beide können aber nur vermittelt werden durch eine Sphäre, die ewig dunkel und allenfalls poetisch ansprechbar wird. In diesem Sinne gibt es das poetisch »richtige« Wort, ein Zauberwort, das zwischen dem Unendlichen der Imagination und der realen Endlichkeit vermittelt, weil es in eben jenen Zwischenraum hineinragt. Verlieren Menschen den Bezug zu dieser Sphäre, sind sie verloren, weil sie sich entweder im Wahnsinn ihrer Hirngespinste verlieren oder an der scheinbaren Unabänderlichkeit der realen Verhältnisse verzweifeln. Wird der Dichtung die Möglichkeit auf diese Entgrenzung nicht mehr eingeräumt, dann bleiben nur die auf falschen Berechnungen gründenden Stacheldrahtzäune. Lassen wir es nicht so weit kommen.

Ein Gespräch mit Konstantin Wecker über Anarchie, Poesie und Angela Merkel erscheint in Kürze auf dieser Seite.

Weiteres vom Bewusstseinserwecker Konstantin und Team findet sich auf:
www.wecker.de
hinter-den-schlagzeilen.de
»Revolution!« Notizen zu Konstantin Weckers Ö-Tour

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